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FERNSEHEN Lesemutter der Nation

Den einen gilt sie als »strahlende Hoffnungsfigur« des notleidenden Buchhandels, den anderen als Beraterin »für den geistigen Wohlfühlbedarf": Elke Heidenreich spaltet das TV-Publikum.
Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 41/2003

Tatataratara, tatataratara - schon die munter rumpelnde Eröffnungsmusik der ZDF-Sendung »Lesen!« stimmt die Fernsehzuschauer seelisch auf die folgende halbe Stunde ein, in der einzig und allein das gute, besser: das »wunderbare« Buch im Mittelpunkt steht. Zum vierten Mal wird Elke Heidenreich an diesem Dienstag um 22.15 Uhr in ihrem weinroten Jackett am schlichten Holztisch in der Kölner Kinderoper sitzen und gut gelaunt zur Befehlsausgabe schreiten: »Lesen!« Und zwar subito!

Der Titel ist Programm, und wenn die ersten drei Sendungen seit Ende April einen neuen Maßstab im deutschen Fernsehen gesetzt haben sollten, dann werden die rund zwei Millionen Zuschauer auch diesmal wieder aufs Wort folgen und tags darauf die Buchhandlungen stürmen, als ginge es um Leben und Tod.

Es ist sogar möglich, dass es noch turbulenter zugehen wird als sonst, denn Studiogast ist Ex-Buchhändler und Leseratte Joschka Fischer. Der Außenminister empfiehlt unter anderem Uwe Timms Nachkriegsfamiliengeschichte »Am Beispiel meines Bruders«. Acht Bestseller hat Elke Heidenreich binnen wenig mehr als 80 Sendeminuten in den derzeit eher dunklen Himmel des Buchhandels geschossen - darunter Nuala O''Faolains Schmonzette »Ein alter Traum von Liebe«, Eric-Emmanuel Schmitts »Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran«, eine 90-seitige Fabel der kleinen Lebensweisheiten, und John Griesemers 700-Seiten-Schmöker namens »Rausch«, aktuell Platz Nummer 1 auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Allein O''Faolains unerhörtes Liebessehnen wurde bis jetzt weit über hunderttausendmal geordert. Nicht nur die fast dreimal höhere Einschaltquote unterscheidet »Lesen!« von Marcel Reich-Ranickis »Literarischem Quartett« selig, sondern auch die volkspädagogische Durchschlagskraft. »Ich liebe Elke Heidenreich«, sagt deshalb ganz uneigennützig Holger Kuntze, Programmleiter Sachbuch des Berliner Argon Verlags. »Sie senkt die Eingangsschwelle zu den Buchläden und zieht Käufer an, die sich dann auch sonst ein bisschen umsehen, auch wenn sie nicht gleich Robert Musils ''Mann ohne Eigenschaften'' aus dem Regal holen.«

Wie eine Bombe habe die »Dauerwerbesendung für die Literatur«, so der Literaturkritiker Tilman Spreckelsen, eingeschlagen - das bestätigt auch der Chefeinkäufer von »Hugendubel« am Kurfürstendamm. Man könne sicher sein, dass Elke Heidenreich alle besprochenen Bücher lobe; die Frage sei nur noch, welches Buch die »strahlende Hoffnungsfigur des deutschen Buchhandels« ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung") am »herzenswärmsten empfehlen« werde.

»Gerade die völlig unintellektuelle Art verschafft ihr diesen ungeheuren Sympathiebonus«, erklärt Eva Brenndörfer vom Münchner Piper Verlag das Phänomen Heidenreich. »Die Mischung aus patenter Schnoddrigkeit und persönlich glaubwürdigem Geschmacksurteil macht offenkundig ihren Erfolg auch bei der Mutti von nebenan aus.« Die Literaturagentin Petra Eggers (Eggers & Landwehr), die Autoren wie Wladimir Kaminer und Florian Illies betreut, hat »überhaupt keine Probleme« mit der Art, wie die neue Lesemutter der Nation ihre literarischen Vorlieben zur Kaufempfehlung ummünzt: »Sie sagt ja ganz offen, was sie tut. Und es ist ja nicht nur Mainstream dabei.« »FAZ«-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, Theoretiker des Postfeminismus, dekretierte über die angeblich mächtigste Frau des deutschen Literaturbetriebs: »Kein Buch, das in Deutschland wirklichen Erfolg haben wird, kommt künftig an den Empfehlungen einer Frau vorbei: Elke Heidenreich.«

Sollte der Frankfurter Feuilleton-Zampano recht behalten, dann wird es manches gute Buch in Deutschland allerdings in Zukunft ziemlich schwer haben. Denn Elke Heidenreichs Liebe zum Buch ist radikal subjektiv, da lässt sie sich nicht irremachen. »Literatur« im eigentlichen Sinn interessiert sie »nicht die Bohne«. Ihr Glaubenssatz lautet: »Wir lesen, um mit unseren Gefühlen klarzukommen.« Wer da noch diskutieren will, soll in die Männergruppe gehen. Keine Frage: Elke Heidenreichs Zuschauer sollen glauben, kaufen und fühlen - weniger denken. Nicht der streitlustige Diskutant, sondern der freudige Konsument sitzt bei ihr in der ersten Reihe.

Obwohl sie selbst eine belesene und kluge Autorin ist, rutscht ihr immer wieder - Koketterie, späte Rache an ihren Kritikern

oder schierer Opportunismus? - eine antiintellektuelle Stimmungsmache aus der freihändigen Rhetorik: Sie brauche weder die »Hochkultur« im Allgemeinen noch die Literaturkritik des »verkopften« und »selbstverliebten« Feuilletons im Besonderen. Ihr genügen »Geschichten, die nicht dusselig sind« und »mit uns allen zu tun haben«, vor allem wenn es »eine tolle Sache zu lesen« ist, kurz: »ein gutes Buch« von »einer wunderbaren Schriftstellerin«. Dann ist schon mal der Herbst gerettet und vielleicht das ganze Leben.

Die Rezensionen der »elitären« Feuilletonisten versteht sie angeblich selbst nicht, obwohl sie doch Germanistik studiert hat. »Überall sitzen schlaue Kritiker und teilen mit, wie schlau sie sind und reden gestelzt und lesen ihre Texte vom Teleprompter ab.« Auch wenn das glatt gelogen ist - dieser ganze »gestelzte Bildungskram« kommt ihr jedenfalls nicht ins Haus: »Sonst fressen sie mir nicht mehr so schön aus der Hand wie jetzt«. Sie redet von ihren Zuschauern. »Ich muss sie doch erst mal dazu kriegen, dass sie mir vertrauen. Das ist wie mit meinen Tieren. Sitz, Platz und bei Fuß kommt später.« Ein bisschen Dressur kann also nicht schaden. Hauptsache, es ist für einen guten Zweck. Der Satiriker und Lyriker Robert Gernhardt hat zu Recht »Lesen!« mit einer Tiersendung im Dritten Programm des Hessischen Rundfunks verglichen - »Herrchen gesucht«. Auch dort werde ja keine »Tierkritik« geübt.

Kein Zweifel, Elke Heidenreich erfüllt eine Mission: Ihr zugegeben »sehr sentimentaler Geschmack« diene dazu, »die Ängstlichen durch den Dschungel zu lotsen«, Orientierung im heillosen Bücherüberfluss zu schaffen und »das Glück des Lesens« zu vermitteln. In der »Bunten« formulierte die »Studiopredigerin vom Zweiten Kanal« ("Frankfurter Rundschau") ihr Credo: »Ich sage: Fürchtet euch nicht, geht in die Buchhandlungen! Wenn ihr nicht wisst, wie der Autor ausgesprochen wird, ich weiß es auch nicht. Der Buchhändler wird''s schon wissen. Kauft das, lest das!« Amen. Und tatsächlich, die suggestive Predigt funktioniert.

»Das hat ja gut geklappt, Sie haben mir wirklich geglaubt, was ich Ihnen empfohlen habe«, freute sich die »Missionarin des Lesens« ("Süddeutsche Zeitung") zu Beginn der zweiten Sendung über die brave Resonanz der Lesewilligen, und in der dritten Sendung nahm, in Gegenwart der Filmregisseurin Margarethe von Trotta, das aufgekratzt-kregelige Parlando derart überhand, dass die Atmosphäre eines kichernden Mädchenpensionats in den »Supermarkt für die lesenden Massen« ("SZ") einzusickern begann. Nachdem Frau Trotta offenbart hatte, bei der vorbereitenden Lektüre zu ihrem neuesten Film »Rosenstraße« mehrere Tage lang geweint zu haben, fand Elke Heidenreich immer wieder zu ihrem hausfraulichen Grundton zurück, der zwischen ihrer alten Radiofigur »Else Stratmann«, der Metzgersgattin aus Wanne-Eickel, und ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit als Autorin der Frauenzeitschrift »Brigitte« changiert. »Mädels aufgepasst«, ruft sie in die Internatsklasse der Nation, »jetzt kommt was für uns!« Oder, Dostojewski und Kierkegaard im Munde führend und mit kollektivem Leserinnenstolz: »Wir gebildeten Mädels, warum sollen wir das lesen über diesen unsympathischen Kerl?!«

Ja, gewiss, aber andererseits, halten zu Gnaden: Warum soll Mann das alles eigentlich mitansehen? Das fragen ihrerseits nicht nur unsympathische Kerle wie der einschlägig berüchtigte Schriftsteller Hans Christoph Buch, der hier vor allem »Wohlfühl-Literatur von Frauen für Frauen« am Werke sieht: »Mir fehlt der Biss des ''Literarischen Quartetts''. Die ganze Sache ist zu eindimensional, zu seicht. Kein Streit, keine Diskussion, keine Argumente.« Das Entscheidende aber: »Ihre Sendung passt sehr gut in den Zeitgeist. Verkaufsziffern und Qualität werden letztlich völlig kritiklos gleichgesetzt.« Auch Ex-Popautor Benjamin von Stuckrad-Barre, Elke Heidenreich durchaus wohlgesinnt, geht ihre »etwas unterschiedslose und auf die Dauer unerträglich adjektiv-variantenarme Begeisterung« auf die Nerven, die »alle Bücher in einer Art Machtspaßzulesen-Grabbelkiste vereint«. Dies treibe auch Gutwillige »in die Arme von Denis Scheck« und seine Büchersendung »Druckfrisch«, die die ARD sonntags zu nachtschlafender Zeit ausstrahlt. Seit Scheck in seiner ästhetisch wie intellektuell rasant durchgestylten Sendung über O''Faolains »Ein alter Traum von Liebe« gesagt hat, selten habe ein Titel »treffender den Inhalt eines Buches auf den Punkt gebracht wie im Fall dieser wirren Schmonzette über Selbstfindungsprobleme alter Schachteln«, herrscht endgültig Krieg zwischen dem Prinzip Heidenreich und dem Prinzip Scheck.

Längst haben sich die Lager formiert. Während sich die einen über Schecks klassische Kritiker-Polemik freuen - »Früher stand so ein Buch in den Regalen katholischer Pfarrbibliotheken und hat sich still vor sich hin geschämt; heute steht''s auf Platz 1 der Bestsellerliste« -, so klatschen die anderen Beifall, wenn Heidenreich mit dem Nudelholz kräftig Kontra gibt, ihren intellektuellen Konkurrenten (mit 400 000 Zuschauern kann er quotenmäßig sowieso nicht mithalten) als »hysterisches Rolltreppendickerchen« schmäht und zugleich den Topos der Leserbeleidigung in die Literaturkritik einführt: »Offensichtlich interessieren ihn lesende Frauen ab einem gewissen Alter nicht mehr, oder wie wäre so eine hämische Abwertung zu verstehen?«

So kann sie eben auch, die ehrliche, sanfte und liebevolle Lesemutter der Nation, die so gern nur loben möchte. Wenn sie selbst nicht anständig gelobt wird, schlägt sie zurück - und nicht zu knapp.

REINHARD MOHR

* Am 18. August 2000 mit Hellmuth Karasek, Elke Heidenreich,Marcel Reich-Ranicki und Iris Radisch.

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