Fotografin der Mafia-Gewalt Letizia Battaglia ist tot

Tod und Trauer, Wut und Gewalt: 16 Jahre dokumentierte sie die Grauen der Cosa Nostra in ihrer Heimat Sizilien. Nun ist Letizia Battaglia gestorben. Sie wurde 87 Jahre alt.
Letizia Battaglia bei einer Ausstellung in Toulouse 2016

Letizia Battaglia bei einer Ausstellung in Toulouse 2016

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ERIC CABANIS / AFP

Leichen in Blutlachen auf Bürgersteigen oder verlassen am Rande einer Landstraße: Zeugnisse der Gewalt, die die sizilianische Mafia ausübt. Zwischen 1974 und 1990 dokumentierte Letizia Battaglia in so erschreckenden wie ergreifenden Bildern den Würgegriff, mit dem die Cosa Nostra ihre Heimat Sizilien einschnürte.

Ihre eindringlichen Aufnahmen zeigten schreiende Witwen, von Kugeln durchlöcherte Körper. Einen Jungen, der »Killer« spielte, mit einem Nylonstrumpf über dem Gesicht und einer Spielzeugpistole in der Hand. Oder einen Toten, den Battaglia an einem Morgen 1980 neben einem Stapel Orangensteigen entdeckte. »Das Ganze glich einem Theaterstück, es herrschte absolute Stille. Was ich sah, hat mich tief im Innern verwundet«, sagte Battaglia dazu einmal dem SPIEGEL.

Battaglia hörte heimlich den Polizeifunk ab und war so häufig als Erste am Tatort. »Um nicht zu weinen, zu schreien oder mich zu übergeben, eilte ich sofort nach dem Foto zum Polizeipräsidium und checkte, wie das Opfer der Mafia diesmal hieß. Dann rannte ich in die Dunkelkammer und entwickelte das Foto«, sagte die Fotojournalistin von der kommunistischen Tageszeitung »L'Ora«, für die sie damals arbeitete.

»Kämpfende Fotografin«

Als Kind vom Vater in eine Klosterschule gesteckt und am Nachmittag zu Hause eingesperrt, weil Mädchen damals in Palermo nicht draußen spielen durften, heiratete Battaglia mit 16 Jahren. Als sie nach der Geburt ihrer drei Töchter studieren wollte, erklärte ihr Mann sie für verrückt. Nach 15 Ehejahren erlitt Letizia einen Nervenzusammenbruch, trennte sich von ihrem Mann und ging mit den Töchtern nach Mailand.

Als sie später in ihre Heimatstadt Palermo zurückkehrte, eröffnete sie als »fotografa militante«, als »kämpfende Fotografin«, wie sich Battaglia selbst nannte, den Krieg gegen die Cosa Nostra: »Ich drückte immer und immer wieder auf den Auslöser, um Sizilien von der Geißel der Mafia zu befreien.« Kein ungefährliches Vorhaben: »Mehrfach bedrohten, beschimpften und schlugen mich die Männer, ein paar Mal zerstörten sie meine Kamera.« Auch mit Briefen und Telefonaten versuchten die Mafiosi, die Fotografin kleinzubekommen. »Verschwinde aus Palermo, sonst bist du tot!«, stand auf einem Stück Papier, das sie einmal im Briefkasten hatte.

Einschüchtern ließ sich Battaglia davon nicht. »Ich hatte keine andere Wahl. Etwas in mir trieb mich immer weiter an, ein natürlicher Drang, für Gerechtigkeit, Respekt und Liebe zu kämpfen«, sagte Battaglia.

600.000 Zeugnisse des Grauens

Anfang der Neunzigerjahre legte die Aktivistin und Frauenrechtlerin ihre Kamera weg. »Als Berlusconi an die Macht kam, wusste ich, dass wir das organisierte Verbrechen niemals besiegen werden«, sagte Battaglia. »All mein Kämpfen hat überhaupt nichts genutzt«, lautete ihr Fazit.

Das sehen viele Menschen anders. Ihr Archiv mit rund 600.000 Fotos war so umfangreich, dass Polizeiermittler es einmal konsultierten, um herauszufinden, wer Jahrzehnte zuvor an einer politischen Kundgebung teilgenommen hatte.

»Palermo verliert eine außergewöhnliche Frau, einen Bezugspunkt«, sagte etwa Leoluca Orlando, der derzeitige Bürgermeister der sizilianischen Hauptstadt und Mitstreiter im Kampf gegen die Mafia, als er das Amt während der heftigsten Clankriege vor drei Jahrzehnten innehatte: »Letizia Battaglia war ein international anerkanntes Symbol, eine Fahnenträgerin auf dem Weg der Befreiung der Stadt Palermo von der Herrschaft der Mafia.«

Am Mittwochabend ist Letizia Battaglia in ihrer Heimatstadt Palermo gestorben. Sie wurde 87 Jahre alt.

sak/Reuters