Zur Ausgabe
Artikel 59 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

POPMUSIK Letzte Instanz

In Fußballstadien und Groß-Arenen kassiert das amerikanische Rock-Idol Bruce Springsteen in Europa ab. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Das Sternenbanner der Vereinigten Staaten flatterte stramm im Wind, als Amerikas Nationalheld, das Rock-Idol Bruce Springsteen, und seine Band am vergangenen Dienstag auf der Riesenbühne im Fußballstadion des englischen Newcastle ihre Plätze einnahmen.

Ins Begrüßungsgeschrei von 36 000 Briten jüngeren und mittleren Alters peitschten 16 Trommelschläge glasklar verstärkt aus gigantischen Lautsprecherbatterien. Springsteen kam gleich zur Sache und bellte den Song »Born In The U. S. A.« ins drahtlose Mikrophon.

Schon nach ein paar Takten färbte sich sein Gesicht unter der Anstrengung des Gesangs rötlich ein. Als eines der Markenzeichen Springsteens gilt, daß er ein überdurchschnittliches Arbeits-Ethos pflegt und bei seinen Bühnen-Marathons für den Eintrittspreis mit einer hohen Energieleistung entschädigt.

Der erste Song des 35jährigen in der schwarzen Lederjacke (er wird sie bald ausziehen und die Sicht auf mächtige Bizepse freigeben) erzählt die Geschichte eines jungen Vietnam-Veteranen, der nach der Rückkehr aus dem Krieg keinen Job fand und absolut nicht mehr wußte, wie es weitergehen sollte. Seinem Bruder war es noch schlimmer ergangen, denn der »schlug die Vietcong bei Khe San zurück«, aber »die sind noch da, und er ist hin«.

Viele Stücke, die Springsteen in den folgenden dreieinhalb Stunden (plus 35-Minuten-Pause) mit gleichbleibend hohem physischem Einsatz vortrug, kreisen um dasselbe Thema. Sie handeln von Menschen aus der amerikanischen Arbeiterklasse, die durch das Einwirken höherer, nicht näher bezeichneter Mächte nach einer Jugend mit Auto-Rasereien und Rock'n'Roll durch Arbeitslosigkeit, hohe Schulden, eine davongelaufene Frau oder andere Widrigkeiten in eine Sackgasse geraten und für die der amerikanische Traum dann aus ist. No future in America the beautiful.

Düster sind Springsteens wortgewandt formulierte Song-Kurzgeschichten. Sie wirken wie Exposes zu schönen Verlierer-Filmen aus glanzvolleren Hollywood-Tagen. Die Menschen, die in ihnen vorkommen, sind überaus beschissen dran, und auch am Horizont leuchtet ihnen kein Hoffnungslichtchen.

Aber deshalb ist Springsteen noch längst kein nihilistischer Punk, sondern eher ein Idealist, der zum Predigen neigt. Der Glaube an den amerikanischen Traum und an traditionelle Werte wie Familie, Freundschaft, Zuversicht, ein gutes Herz und alten Rock'n'Roll ist ihm nicht abhandengekommen.

»Schon immer gab es eine nostalgische Sehnsucht nach einem mythischen Amerika, nach einer vergangenen Zeit, in der alles noch in Ordnung war«, sagte er zur US-Zeitschrift »Rolling Stone«.

In den vergangenen Jahren scharten sich immer mehr Fans in der ganzen Welt um diesen Propheten einer alten Zeit, den sie in Amerika den »Boß« nennen. Seine letzte LP, Titel: »Born In The U.S.A.«, erreichte eine Auflage von zehn Millionen Exemplaren. Das Cover-Photo zeigt den Hintern des weißen Champions in zerschlissenen Blue Jeans vor einer Sternenbanner-Wand, und aus der Gesäßtasche hängt eine rote Baseball-Kappe. In seinen Songs schildert Springsteen zwar die Auswirkungen der Reaganomics auf das minderbemittelte - weiße - Amerika, Image und Verpackung des Produkts zielen aber deutlich ab aufs neue US-Hurra-Gefühl.

Das Millionenheer der Springsteen-Anhänger sieht in dem Idol eine letzte Instanz, an deren Integrität noch nicht gezweifelt wird. Der Mann ist ohne Allüren oder Arroganz, und auf der Bühne präsentiert er sich brav und nett - wie ein Pastor, der nicht mehr zu beweisen braucht, daß er auch mal so richtig ausgelassen sein kann. Springsteen raucht und trinkt nicht, rührt keine Drogen an, ißt Gemüse, stählt die Muskeln mit Gewichtheben, joggt regelmäßig etliche Kilometer, und im Mai hat er das propere Model Julianne Phillips, 25, vor den Traualtar geführt.

In seinen Endlos-Shows fühlte sich kaum einmal einer über den Tisch gezogen oder beklagte sich über Langeweile, obwohl die ersten beiden Stunden sich zäh dehnen. Aber auf die Pflicht - »relevante« Songs im musikalischen Einheitskleid, melodienarm und rhythmisch schwerfällig - folgt immer die Kür in Form besserer, dynamischerer Nummern. Seine Triumphe feiert Springsteen vor allem mit Rock'n'Roll-Standards, die von anderen stammen, so im neuen Tourprogramm mit einer Version des Oldies »Twist And Shout«, mit »Do You Love Me« von den Dave Clark Five oder dem »Street Fighting Man« der Stones.

Springsteens Ehrlichkeits-Styling und ein wachsendes Bedürfnis nach scheinbar unverfälschter, »authentischer« Rockmusik haben den Arbeitersohn aus New Jersey, der sich in jahrelanger Ackerei im Show-Business hochgearbeitet hat, nun zu einer weißen Konzert-Attraktion ersten Ranges werden lassen.

Jugendliche und Ältere, die der Musik ihrer Jugend nachträumen, strömen zu seinen Auftritten. Eineinhalb Millionen Zuschauer erlebten die 94 Shows der letzten US-Tournee, die vom Juni 1984 bis zum Januar dauerte und einen Kassenumsatz von mehr als 70 Millionen Mark brachte.

Als er in der vorletzten Woche bei Dublin seine Europa-Tournee startete, kamen 65 000. Das Branchenblatt »Variety« ermittelte einen Umsatz von vier Millionen Mark. Drei Shows im Londoner Wembley-Stadion Anfang Juli sind ausverkauft; für einen Eintrittspreis von mehr als 55 Mark - Arbeitslose wegtreten! - werden 210 000 Menschen dem Rock-Messias huldigen. Geschätzter Umsatz: zwölf Millionen Mark.

Am 15. und 18. Juni wird der Mann, der nach eigenem Bekenntnis nichts so sehr sucht wie die Nähe zu seinem Publikum, in deutschen Großarenen abkassieren. Für je 40 Mark können sich 120 000 Fans im Frankfurter Waldstadion und im

Münchner Olympiastadion in Hör-, wenn auch nicht direkt in Sichtweite des Superstars begeben. Auf Video-Leinwänden dürfen dann aus größerer Entfernung die Zuschauer das Konfertei ihres Idols bewundern, asynchron zur Musik, denn nach den Gesetzen der Physik ist Licht schneller als der Ton.

1974 prophezeite der US-Kritiker Jon Landau nach einem Konzert des Newcomers: »Ich habe die Zukunft des Rock 'n' Roll gesehen, ihr Name ist Bruce Springsteen.« Doch mehr und mehr reduziert sich die Vorhersage auf die Zukunft des bloßen Rock'n'Roll-Geschäfts. Die Musik der Gegenwart und Zukunft kommt nicht von Springsteen.

Landau ist inzwischen der Manager des Rockstars. Es gelang ihm, seinem Klienten ein Image zuzuschneidern, das ihn über jeden Zweifel erhaben macht.

Zur Ausgabe
Artikel 59 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.