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THEATER Letzte Kuh

Ein Versicherungskonzern bewahrte die »Royal Shakespeare Company« vor der finanziellen Pleite - Thatcherismus im britischen Kulturbetrieb. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

»Die Schauspieler«, scherzte Intendant Terry Hands, »müssen ja nicht den Namen des Sponsors auf ihren Kostümen tragen.« Aber auf allen Plakaten, Programmen und Broschüren wird er prangen-»Royal Insurance«.

Der britische Versicherungskonzern rettete die »Royal Shakespeare Company« (RSC) mit einer 1,1-Millionen-Pfund-Spende aus argen Finanznöten. Englands berühmteste Theatertruppe wird nun keine ihrer sechs Bühnen in London und Stratford-upon-Avon schließen müssen. Kunstminister Richard Luce feierte die Vereinbarung zwischen »Royal Insurance« und »Royal Shakespeare«.

Thatcherismus im britischen Kulturbetrieb: Nur wer schon anderswo Mittel aufgetrieben hat, soll in Zukunft noch Geld vom Staat bekommen. »Challenge Funding«, Herausforderungs-Finanzierung, heißt das Schlagwort der konservativen Regierung. Die will in ihrer dritten Amtsperiode die »Wohlfahrtsstaat-Mentalität des Kultur-Establishments« ausrotten. »Staatliche Finanzierung von Kunst«, erklärt der konservative Londoner »Evening Standard«, »bleibt die letzte heilige Kuh, die die Thatcher-Revolution auf den Weg zum Fortschritt scheuchen muß.«

Verglichen mit anderen europäischen Industriestaaten wird die britische Kunstkuh eh schon karg genährt: Gerade 138 Millionen Pfund (414 Millionen Mark) überweist die Regierung derzeit dem Arts Council, einem 1946 von liberalen Ökonomen gegründeten unabhängigen Rat, der das öffentliche Geld verteilt. Zum Vergleich: Rund 3,7 Milliarden Mark betrug 1986 die Kulturförderung in der Bundesrepublik.

Das Steuergeld wird nach Meinung vieler Briten wohl angelegt. »Sogar wenn man die Kultur ausschließlich aus der Sicht der Thatcherschen Marktwirtschaft betrachtet«, schreibt die Londoner »Financial Times«, »schneidet sie hervorragend ab. Während Englands militärische und industrielle Bedeutung seit dem Zweiten Weltkrieg rapide abnahm, steigen seine Aktien in Kunst und Entertainment unaufhörlich.«

Das stimmt. England hat zum Beispiel in Harold Pinter und John Osborne zwei der bedeutendsten Nachkriegsdramatiker hervorgebracht. Und die weltweiten Musical-Hits »Evita«, »Cats« und »Amadeus« stammen ebenfalls aus England. Britische Produktionen waren Renner am Broadway und gewannen dieses Jahr drei Viertel der Tony Awards. Das von der Royal Shakespeare Company geschaffene Musical »Les Miserables« nach dem Roman von Victor Hugo wird bald in 15 Großstädten in drei Kontinenten laufen und Großbritannien immense Tantiemen bringen.

Dessen Kunst- und Unterhaltungsindustrie, so haben Experten ausgerechnet, beschäftigt 594000 Menschen, über 100000 mehr als die Autobranche und ihre Zulieferer, wo heute nur noch 485000 Personen arbeiten.

Steuergelder für die Kunst sind denn auch weniger Subventionen für eine Elite; der gesamte Kulturbetrieb profitiert davon: In den gut 40 Privattheatern des Londoner West End laufen gegenwärtig 16 Produktionen, die in teilweise staatlich finanzierten Theatern erarbeitet wurden.

Auch der Staat selbst ist Nutznießer der - allen periodischen Krisenwarnungen zum Trotz - zumeist vollen Theater Allein die Steuereinnahmen aus verkauften Billetts decken den Regierungszuschuß für den Arts Council. Hinzu kommen die Steuern derer, die indirekt vom Theaterbetrieb leben: Taxenbesitzer und Souvenirhändler, Restaurants und Hotels. Denn Zehntausende von Touristen reisen speziell nach England um sich in London ein Musical oder im Shakespeare-Geburtsort Stratford-upon-Avon ein Werk des Altmeisters anzusehen.

1986 allerdings erwies sich als Katastrophenjahr für Englands auf Tourismus angewiesene Wirtschaftszweige. Millionen Besucher blieben aus, weil sie nach dem US-Angriff von britischen Stützpunkten auf Libyen Terroranschläge fürchteten. Amerikaner mieden Europa aus Angst vor den Folgen des Atomunfalls von Tschernobyl.

Diese Entwicklung traf besonders die »Royal Shakespeare Company«, die neben dem »National Theatre« am höchsten subventionierte Schauspieltruppe des Landes. Die RSC erhält jährlich 5,2 Millionen Pfund aus dem 138-Millionen-Pfund-Budget des Arts Council. Das Geld deckt 32 Prozent der Kosten.

Weil im vergangenen Jahr die Plätze in der RSC nicht wie üblich zu fast 90 Prozent verkauft werden konnten, belastete im laufenden Finanzjahr ein Defizit von mehr als einer Million Pfund die RSC. Um damit aus eigenen Kräften fertig zu werden, wollte die Company von Oktober an ihr größtes Haus, ein Theater im Londoner Barbican-Kulturzentrum, schließen. Denn die Regierung hatte alle Bitten um einen Extra-Zuschuß abgelehnt - was die Labour-Partei als »kulturelles Verbrechen« brandmarkte.

Nun warnen die Opposition und Experten davor, das Eingreifen des Versicherungskonzerns als Rechtfertigung für Margaret Thatchers Kulturpolitik zu akzeptieren. Der Handel sei eher ein Triumph für die Werbeleute von Royal Insurance als für die Royal Shakespeare Company. Weniger berühmte Bühnen hätten bei privaten Sponsoren schlechtere Chancen.

»Die neue RSC-Sponsorship«, so Sir Roy Shaw, ein früherer Generalsekretär des Arts Council, »ist ein Trojanisches Pferd das eine Zeit ankündigt, in der die Künste immer weniger aus öffentlichen Mitteln zum öffentlichen Wohl finanziert werden, sondern immer mehr von Firmen zu deren eigenem Nutzen.«

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