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Film Letzter Tango

Ein deutsches Unikum bei den Berliner Filmfestspielen: Roland Gräfs »Der Tangospieler« ist als DDR-Film sein eigener Nachruf.
aus DER SPIEGEL 9/1991

Im Frühjahr 1989, wenige Monate vor der sanften Revolution in der DDR, veröffentlichte der Schriftsteller Christoph Hein seinen Roman »Der Tangospieler« gleichzeitig in Deutschland West und Ost: eine Parabel auf die damals noch »geschlossene Gesellschaft« der DDR.

Trauriger Held der Erzählung ist der 34jährige Leipziger Universitätsdozent für Geschichte, Hans-Peter Dallow. Er springt bei einem Studentenkabarett kurzfristig als Pianist ein und spielt (daher der Titel des Romans) den Tango »Adios Muchachos«. Pech für ihn, die Kabarettisten haben dem Tango eine Persiflage auf Walter Ulbricht als Text unterlegt. Dallow wandert für 21 Monate ins Gefängnis.

Heins melancholischer Roman, der den Tangospieler nach seiner Entlassung aus dem Knast durch die DDR begleitet, hat eine satirische Pointe: Dallow wird Nachfolger seines opportunistischen Nachfolgers Roessler im Leipziger Universitätsinstitut; Roessler hatte Berichte vom Einmarsch der DDR-Soldaten in den Prager Frühling als »westliche Provokation« abgetan. Auch den Tango gegen Ulbricht darf man inzwischen, man schreibt das Jahr 1968, singen.

»Der Tangospieler« war der letzte systemkritische Roman des halbgeduldeten Dissidenten Hein, der 1983 mit der Erzählung »Drachenblut«, einer genauen Schilderung der Alltagstristesse seines Staates, debütierte. Sein Schlüsselstück »Die Ritter der Tafelrunde« wurde 1989 in Dresden uraufgeführt und sofort als Kritik am greisen SED-Zentralkomitee verstanden. Auch »Der Tangospieler« war Vorbote der Wende.

Inzwischen hat die DDR ihren letzten Tango hinter sich; doch als Film des ehemaligen Defa-Regisseurs Roland Gräf lief der »Tangospieler« im offiziellen Wettbewerb auf der Berlinale. Aus der kritischen Parabel des Pfarrerssohns Hein ist im Film ein nostalgischer Rückblick auf die DDR-Vergangenheit geworden. Und niemand anderer als Jury-Präsident Volker Schlöndorff bekannte, daß ihm ein Film wie der Gräfs »allemal wichtiger« vorkomme als ein »Edel-Winnetou« wie Kevin Costners »Der mit dem Wolf tanzt«.

Der Film erzählt, »ohne Larmoyanz und Besserwisserei«, so meint jedenfalls die Süddeutsche Zeitung, wie sich ein Mensch im System der DDR unauffällig zu arrangieren versuchte. In Le Monde schwärmte die Kritikerin Colette Godard sogar Ende letzter Woche von dem »bisher stärksten Film des Festivals": »Seine Lebenskraft ist der Zorn, ein gereifter, intensiver und doch beherrschter Zorn.« Die Monde-Kritikerin hatte beim »Tangospieler« das Gefühl, »die DDR wirklich zu begreifen und nicht nur eine fremde Galaxie zu betrachten«.

Das Gefühl der Nähe hat einen guten Grund - denn der erste Film über die vergangene DDR ist sozusagen auch der letzte der staatsnahen Defa. Regisseur Gräf, einer der kritisch-einverstandenen Macher des DDR-Kinos, hatte 1977 »Die Flucht« gedreht - einen Film, in dem der damalige DDR-Schauspieler Mueller-Stahl an der deutschen Grenze _(* Mit Michael Gwisdek in der Titelrolle. ) starb, allerdings nur an seelischen Verletzungen: Mueller-Stahl zog bald unversehrt in den Westen, Gräf blieb.

Der Regisseur, 1934 in Thüringen geboren, Absolvent der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät in Jena und von 1960 an zunächst als Kameramann, später als Regisseur im Defa-Team, bewältigt mit dem »Tangospieler« also auch die eigene Vergangenheit: »ohne Besserwisserei«, wie ihm der Münchner Kritiker Michael Althen bescheinigt.

Filmisch allerdings bewegt sich der »Tangospieler« auf den ausgefahrenen Gleisen der guten, alten Defa-Zeit, weshalb ihm die Berliner alternative Tageszeitung (taz) auch »verlogene Nostalgie« vorwarf. Aus der bitteren und kühlen Parabel auf die Absurdität im Kleinkarierten habe »Gräf einen Kondensstreifen der ewig währenden inneren Krise gemacht«.

So scheiden sich am Gräf-Griff ins DDR-Gestern die Geister: Während die einen das »präzise Erinnern« und die »große Genauigkeit« der Rekonstruktion rühmen, machen sich andere über die Larmoyanz und den Warenhauskatalog der historischen Aufarbeitung lustig: Meint die KritikerIn der taz: »Der Tangospieler bietet die erwarteten Reizthemen (Stasi, Knast, Panzer in Prag), die Bilder sparen nicht an der erwarteten Tristesse: kaputte Häuser, armselige Wohnungen, schmuddelige Grautöne.«

Kino als Grenzgängerei: Als die Defa das Projekt des »Tangospielers« in Angriff nahm, schien die Wende noch weit. Jetzt kommt der Film selbst zur Beerdigung der DDR zu spät: Was als Kritik gedacht war, ist Historie.

* Mit Michael Gwisdek in der Titelrolle.

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