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Tourismus »Leute, alles hört auf mein Kommando!«

aus DER SPIEGEL 17/1976

Mittags, ratlos das Büfett umrundend, demonstrieren die Franzosen gastronomische Verstörung. »Pas de crevettes, pas de caviar, pas de langoustes«, psalmodieren sie resigniert, stochern lustlos in den vitaminreichen Gemüsesalaten und tun so, als wüßten sie nun nicht mehr, was sie essen sollten.

»Das kennen wir von denen schon«, sagt einer der deutschen Club-Organisatoren achselzuckend, »die finden das Essen alle barbarisch, aber sie sind hier nun mal nicht im Club Méditerranée.«

Nein, wahrhaftig nicht: Die demonstrativen Gourmets nörgeln herum im senegalesischen Feriendorf Aldiana, und das hat Neckermann gebaut, das managt Neckermann, und das ist überwiegend von Neckermann-Urlaubern bewohnt: für 16 Millionen Mark endlich wieder ein kleines Stück Afrika in deutscher Hand, knapp 100 Kilometer südlich von Dakar, in der berüchtigten Sahelzone zwischen den Wolof-Dörfern M'Bour und Joal.

Neckermanns »liebstes Kind«, wie der Katalog das nennt, entstand vor drei Jahren zugleich mit einem senegalesischen Feriendorf des Club Méditerranée. Für den deutschen Touristik-Tycoon (797 500 Reisende im letzten Jahr) war es ein erstes Experiment auf dem von Deutschland aus immer noch spärlich bestellten Feld des aktiven Club-Urlaubs. Für den Club Méditerranée (Insider-Kürzel Clubmed) war es die 81. Inkarnation seiner Freizeit-Idee, und die regiert ja inzwischen ein touristisches Weltreich

Der Pariser Betten-Konzern bietet heute Hütten und Hotels, Bungalows und Appartements zwischen St. Moritz und Mauritius, Tunesien und Tahiti, Marokko und Mexiko an. Und überall innerhalb der Dorfgrenzen ist Frankreich -- ein ins Fröhlich-Polynesische stilisiertes Frankreich, das von der Umwelt bestenfalls etwas Folklore einläßt.

In allen, vom Headquarter an der Place de la Bourse bis in den abendlichen Drei-Minuten Sketch hinein zentral gelenkten, Dörfern gilt als Comme-il-faut-Bekleidung das möglichst tief um die Hüfte geschlungene Tuch, der Pareo; um den Hals trägt man die Kette der Plastikperlen, die als Zahlungsmittel gelten. Im Clubmed-Paket aus Sport, Unterhaltung, Animation und ewig fließendem Rotwein stecken laut Club-Werbung »die tausend unbezahlbaren Dinge, die den Unterschied zwischen einem normalen Aufenthalt und richtigen Ferien ausmachen!«

Die Neckermann-Propaganda für den Club Aldiana klingt ganz ähnlich: »Fröhlich-legeres Clubleben« wird verheißen, »Sport nach Herzenslust« und eine »dufte, unternehmungslustige Gemeinschaft«, kurzum »Urlaub vom gewöhnlichen Urlaub«.

Den Pareo nannten Neckermanns Club-Designer Balagongou-Tuch; die Aldiana-Insassen tragen keine Perlen, sondern eine Kreditkarte um den Hals (in einem Lederbeutel mit ihrem Vornamen drauf), und sie sind wie die Clubmed-Gäste angehalten, einander traulich zu duzen.

Die Unterschiede zwischen Original und Adaption sind indes genauso auffallend wie die versuchten Ähnlichkeiten: Im Club Méditerranée ist jede Ankunft ein kleines Fest, die Neuen werden von allen G. O. (den »Gentils Organisateurs« genannten Moniteuren und Animateuren) und den alten Gästen mit Tanz, Drinks und Musik -- jedes Dorf hat seinen Song -- empfangen.

In Aldiana kommt man am nächsten Vormittag zu einem eher drögen Begrüßungscocktail im düsteren Nightclub »Tam Tam« zusammen. Der Reiseleiter, der sich mehrfach Zwischenbemerkungen verbittet, sagt drohend: »Also Leute, ich bin hier der Animatour!«

Dabei machen Bauweise und Ausstattung, eher als bei so manchem neuerdings eilig nach Club-Mode umfrisierten Strandhotel, Aldiana durchaus clubfähig; Urlaubs-Ambiente ist reichlich vorhanden.

Die Urlauber wohnen in strohgedeckten Rundalows; der direkt in den kilometerlangen Sandstrand gebaggerte Swimming-pool, um den herum Bar, Restaurant, Nightclub, Maurisches Café angeordnet sind, eignet sich als zentraler Kontakthof; es gibt ein, allerdings im schaurigsten Airport-Stil möbliertes, Auditorium, in dem vornehmlich Skat gespielt wird, und noch ein paar andere Theken, an denen man sich treffen kann. Und, schließlich, die Sportmöglichkeiten sind üppiger als in den meisten Dörfern des Club Méditerranée:

Aldiana bietet nicht allein Standard-Installationen wie Tennis (vier Plätze, Flutlicht), Tischtennis, Boule, Volleyball, Freiluftschach und -kegeln, sondern auch ein Dutzend Pferde auf der Ranch des Clubs, einen NUR-Segelclub, dessen Bootspark sich trotz unübersehbarer Verschleißspuren gemeinhin als größer erweist als die Nachfrage, ferner Windsurfen, Wasserski und Hochseefischen; Fitneßzentrum und Sauna stehen kurz vor der Eröffnung.

Die Requisiten und Voraussetzungen für fröhlichen, aktiven Kontakt-Tourismus à la Clubmed sind also vorhanden. »Aber«, so glaubt Neckermanns Aldiana-Reiseleiter Rudi Fock, 33, »der typische Club-Gast hat sein ganz eigenes Feeling, der geht doch in Deutschland nicht in ein Neckermann-Büro.«

So kamen auf die Club-Propaganda hin zwar die richtigen, aber viel zuwenig Leute -- Grund genug für die Frankfurter Zentrale, die Ursprungskonzeption auch dem normalen Gran-Canaria-Urlauber anzubequemen: »Ich mußte hier sogar unheimlich für das Du kämpfen«, klagt Rudi, »im Katalog kommt es schon nicht mehr vor.«

Nun treffen sich hier gemeinschaftswillige Club-Aficionados, die Animation und Aktivität erwarten, mit ruhesuchenden Aufenthaltstouristen, die sich bei ihrer Erholung nicht stören lassen wollen, »und beiden Gruppen«, so Rudi, »sollen wir es recht machen«.

Das touristische Kompromißverständnis, Aldiana könne Club und Hotel zugleich sein, und so gleich zwei Zielgruppen bedienen, läßt beide Gruppen halbwegs unbefriedigt. Die Gäste mit Clubmed-Erfahrung -- es sind so wenige gar nicht, die »hier mal einen deutschen Club kennenlernen wollen« -- seufzen kennerisch den Dörfern in Agadir, Korsika oder Djerba nach: »Daran gemessen, ist das hier doch«, belehrt eine linke Janine aus Bern staunende deutsche Club-Anfänger, »nur eine lahme verkleinbürgerlichte Imitation des Clubmed.«

Die Animation in Aldiana ist in der Tat eine klägliche Karikatur dessen, was das Wort meint. Sie besteht einzig aus einem blonden Wolfgang, der mit mehr grimmiger Entschlossenheit als Frohsinn ein paar biedere Sport- und Spielveranstaltungen exekutieren läßt. Eine heißt Tortenschlacht und ist der schier zwerchfellsprengende Einfall, mit ein paar synthetischen Schlagsahne-Bomben auf die schimpfenden Gäste zu schmeißen; gern läßt er auch Bier-Schnelltrinker gegeneinander anschlucken; Wettfahrten mit den Gepäck-Karren des Dorfes enden humorigerweise im Swimming-pool.

Sonst tritt Wolfgang (Gästeslogan: »Wolfgang, der Unsichtbare") immer nur kurz auf, befiehlt Pünktlichkeit und Disziplin ("Achtung, Leute, alles hört auf mein Kommando!") und verschwindet wieder.

»In Frankfurt war man der Meinung«, sagt Rudi, »daß ein Animateur hier genügt, aber auch mit mehreren könnten wir nicht dasselbe bieten wie der Club Méditerranée. Es ist ein Unterschied, ob man ein Club-Dorf managt oder weit über 80.«

Das Konkurrenz-Dorf des Club Mediterranée findet sich »im tiefen Süden Senegals, der geheimnisvollen Casamance« (Club-Prospekt), knapp nördlich der Grenze zu Guinea-Bissau. An einer palmenumsäumten Sandbucht gelegen, vom Architekten des berühmten Clubs in Marrakesch in einer smarten Mischung aus Komfort und Folklore-Look den Hang hochgebaut, erfüllt es alle landläufigen Urlaubstraum-Vorstellungen -- ein gelungenes Beispiel für die derzeit wohl perfekteste Urlaubsmaschine der Welt.

»Cap Skirring«, das Club-Original, wirkt, das ist der erste Eindruck, teurer, kostbarer, luxuriöser als die Neckermann-Adaption. Nachgerechnet um 80 Prozent teurer: 14 Tage ab Frankfurt kosten hier 3006 Mark, in Aldiana, Komfort-Kral, 1672 Mark.

Dafür gibt es hier schon zum Frühstück mehr als ein Dutzend Käsesorten, ebensoviel Konfitüren und Süßspeisen (Bratäpfel, Creme Caramel, Mausse au Chocolat), Eier in jedem Aggregatzustand, Croissants und gewärmtes französisches Stangenbrot.

»Aber das wichtigste im Club ist es«, verrät ein Club-Oldtimer, der bereits in 34 Dörfern Urlaub gemacht haben will, »daß das Bufett gut ist«

Denn das ist für den richtigen Clubmed-Gläubigen der Hochaltar der Gemeinde: In Cap Skirring, wo der dekorative Geschmack mitunter größer ist als der gastronomische, werden die Platten zum allgemeinen Entzücken mit der großen blumenreichen Gebärde eines mittleren Staatsbegräbnisses aufgebahrt.

Zwar gibt es auch auf dem monumentalen 45-Meter-Bufett am Swimming-pool keinen Kaviar und keinen Hummer, doch darüber tröstet die zeremoniöse Feierlichkeit des Ereignisses leicht hinweg: Erst die mittägliche Essensfanfare aller Clubmed-Dörfer (aus der »Symphonie pour les Soupers du Roy« von Michel-Richard Delalande), dann eine Ansprache des Chef de Village, dann die Parade der Köche, dann der gemeinsame Vorbeimarsch hinter der Kapelle her

Und außerdem sind da noch die Grillstände (acht Meter lang) für Fleisch, Fisch, aber auch für Crêpes Suzettes und in Honig gebackene Früchte, eine Insel im Swimming-pool für Dessert (Erdbeeren Senga Sengana à gogo) und eine separate Laube für Käse und Rotwein,

Die täglichen Rituale und Zeremonien (etwa das Jeu à la piscine vor dem Mittag-, der Cocktail dansant vor dem Abendessen) werden in Cap Skirring von 61) über die Zentrale eingeschleusten »Gentils Organisateurs« dingiert -- im größeren Aldiana dürfen nur zwölf Europäer arbeiten und die sind denn auch manchmal kaum in der Lage, der schlurfenden Gleichgültigkeit der senegalesischen Barmänner eine Service-Leistung abzutrotzen.

»Dieses Dorf«, so erklärt der marokkanische Chef de Village Ah, 27, die Clubmed-Privilegien, »gehört einer senegalesischen Gesellschaft, die dem Staat gehört, und da geht hier eben so manches, was andernorts nicht geht.«

Gegen die perfekte, professionelle Routine im Clubmed verteidigen die Aldiana-Oberen ihren einen schlechtgelaunten Animations-Amateur wie Großmutter das Setbstgehäkelte gegen die Bleyle-Konfektion: »Wir möchten für unsere Gäste nicht die Zwänge«, sagt Neckermanns Direktor Jörg Frohberg, 36, »denen die Leute im Club Méditerranée ausgesetzt sind.«

Frohberg, der freilich noch nie in einem Clubmed-Dorf war, teilt das Vorurteil. das die meisten deutschen Club-Organisatoren (gemeinsam mit besorgten Kulturkritikern) gegenüber dem französischen Freizeit-Konzern gern kultivieren: Das opulente Animationsprogramm mit Beschäftigungsangeboten von früh bis spät manipuliere die Club-Mitglieder. mache sie passiv, nehme ihnen Initiative und Freiheit.

Der Augenschein allerdings bestätigt diese These nicht: In Cap Skirring, wo der Altersdurchschnitt deutlich über 40 liegt, gibt es größere Gruppen, die an Sport, Kurzweil und Tandaradei völlig uninteressiert sind.

»So wie ich hier lebe«, sagt eine mollige Irène aus Marseille, die hier ihr ganz persönliches Schlankheitsprogramm absolviert, »könnte ich das sonst nirgendwo.«

Irène liegt jeden Tag sechs Stunden am FKK-Strand, den der Club auch in allen Nackt-Verbot-Ländern gewährt; sie ißt zu allen Mahlzeiten ausschließlich »etwa ein Kilo Melonen«, tanzt -- »nur so zum Sport« -- bis Mitternacht im Nightclub; »sonst«, beteuert sie, »mache ich im Club nichts mit.«

»Dies ist,« beklagt der Dorfchef Ali, »kein sehr sportives Dorf. Die meisten Leute hier wollen nur gut essen und braun werden.«

Es sind in beiden Dörfern, bei Neckermann und im Clubmed, vor allem die ausgepichten Aktiv-Urlauber, die auf ihre Kosten kommen. »Ich segle hier manchmal vier Stunden am Tag«, sagt der Essener Gastwirt Ortwin in Aldiana, »wenn ich rechne, was das sonst kosten würde, kommt das hier billig.«

Doch der Idealtyp der Club-Urlauber ist er auch nicht: »Wenn alle so dächten und immer alles mitmachen wollten«, räsoniert der unterbeschäftigte Segel-Moniteur in Cap Skirring, »dann müßten wir doch viel mehr Boote haben, und alles müßte noch erheblich teurer werden.«

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