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TECHNIK Lichte Körper

Die Holographie, dreidimensionale Lichtbildnerei, wird anwendungsreif. Pioniere nutzen sie auch bereits als künstlerisches Ausdrucksmittel.
aus DER SPIEGEL 6/1977

Einen Dollar, für Kinder die Hälfte, kostet der Eintritt. Dafür tut sich ein Wunderland auf wie das des Märchen-Mädchens Alice.

Unablässig wirft eine Schöne Kußhändchen. Die kremigen Tropfen eines Milch-Shakes, den ein Mann gerade vor seinem Gesicht verspritzt, sind dagegen im Fluge erstarrt. Wie das Symbol einer verwunschenen Welt schwebt ein schwarzer Würfel im Raum.

Zum Greifen deutlich erscheinen die insgesamt 75 abstrakten und menschlichen Figuren und doch rätselhaft unwirklich. Wer sie zu betasten versucht. faßt ins Leere.

Wohlbedacht wurde der Titel dieser Ausstellung von »Alice«-Autor Lewis Carroll entlehnt: »Through the Looking Glass hinter dem Spiegel«. Denn die Objekte, die ein Museum des neuesten Kunstmediums in einem alten Gußeisensäulen-Gebäude des New Yorker Galerieviertels SoHo präsentiert, sind durchaus imaginär; sie bestehen aus nichts als Licht, aus Licht zudem von einer zauberhaften Art.

Hologramme heißen diese Kreationen (nach den griechischen Wörtern holos vollständig und gramma = Schrift, Botschaft). Es sind echte dreidimensionale Bilder. Die holographische Technik, bislang vor allem zu wissenschaftlichen Zwecken -- etwa zur Verbesserung der Tiefenschärfe von Mikroskopen -- genutzt, soll nun auch als ästhetisches Mittel erprobt werden. Begonnen hatte die Geschichte der Holographie schon 1947, als der ungarisch-britische Physiker Dr. Dennis Gabor erstmals ein räumliches Lichtbild entwickelte. Er bekam dafür 1971 den Nobelpreis.

Gabors geniale Idee: Anders als bei herkömmlicher Photographie, bei der das von einem Objekt diffus reflektierte Licht auf einem flächigen Film aufgezeichnet wird, müßten Körperlichkeit des Objekts und Tiefe des Raumes durch Rekonstruktion der Lichtverhältnisse wiederzugeben sein. Bei ersten Versuchen allerdings entstanden nur kaum erkennbare Schemen.

Der Durchbruch gelang, als die US-Forscher Dr. Emmett N. Leith und Dr. Juris Upatnieks von der University of Michigan 1963 den kurz zuvor entwickelten Laser mit der holographischen Technik zusammenbrachten. Denn Laser erzeugen das dafür besonders geeignete kohärente Licht -- scharf gebündelte Strahlen gleicher Wellenlänge, deren einzelne Lichtwellen im Gleichtakt schwingen.

Für holographische Aufnahmen wird das Laser-Licht geteilt. Ein Strahl beleuchtet das Objekt. Der zweite Strahl wird derart gelenkt, daß er sich mit dem vom Objekt zurückgeworfenen Licht auf dem Film überlagert (ähnlich wie die Wellenkreise um zwei in einen Teich geworfene Steine sich gegenseitig durchdringen).

Aufgezeichnet wird mithin kein erkennbares Abbild, sondern das sogenannte Interferenzmuster der beiden Strahlen. Erst wenn der Film wieder mit Laser-Licht durchleuchtet wird, erscheint das Objekt im Raum -- auch von der Seite zu betrachten, so wie es ursprünglich ausgeleuchtet wurde.

Mittlerweile sind dazu Hologramme entwickelt worden, die mit natürlichem Licht projiziert werden können, sowie 3-D-Rundumaufnahmen und sogar holographische Spielfilme von einigen Sekunden Dauer.

Gleichwohl war die Holographie bisher kaum über spezielle Anwendungen in Forschung und Technik hinausgekommen, denn die Apparaturen sind teuer und schwierig zu bedienen. So arbeiten Experten an holographischen Methoden zur Materialprüfung oder auch zum Speichern von Informationen; die Kapazität eines solchen Geräts würde die der heute fähigsten Computer-Gedächtnisse weit übertreffen.

Laienpublikum, zumal in Europa, bekam Hologramme allenfalls als Gag auf Fachausstellungen wie der Photokina, in der Pariser Cinémathèque oder auf den Filmfestspielen von Cannes zu sehen. In Amerika aber wird Holographie mit künstlerischen Ambitionen bereits seit längerem betrieben.

In San Francisco, Chicago und Boston gibt es seit Anfang der siebziger Jahre regelrechte Schulen für die räumliche Variante der Photographie. Die neueste, 1973 in New York eröffnet, bietet sechs- bis zehnwöchige Kurse für verschiedene Techniken zu jeweils 180 bis 250 Dollar.

Und Rosemary ("Posy") H. Jackson, nun Chefin des Holographie-Museums von SoHo, half schon 1975 eine Ausstellung von Hologrammen organisieren. Die illusionistischen Tricks dieser Schau waren durchweg eindrucksvoll, weniger allerdings die übermittelten Botschaften«.

Wiedergegeben wurden etwa triviale Stilleben mit einem chinesischen Keramik-Pferdchen, grotesken Masken oder einem künstlichen Penis. Die Filmemacher steuerten Szenen bei, in denen ein neckisches Girl die Zunge herausstreckt oder zwei Lesbierinnen in Vorzeigeposen auf einem Teppich knien.

»Die wenigen artistischen Versuche mit Abstraktion, Pop Art und dem üblichen Neo-Dada-Repertoire«, urteilte die »New York Times«, »fallen noch lächerlicher aus als die offenkundigen Beispiele von Kitsch.«

Als künstlerisches Ausdrucksmittel ist die Holographie vor allem noch durch spezifische Farben und kleine Formate beschränkt. Das kohärente Laser-Licht kann häufig nur in Neontönen oder Regenbogen-Buntheit projiziert werden. Ein 3-D-Porträt des Pioniers Gabor etwa erscheint immer in giftig-geisterhaftem Grün.

Holographische Schnappschüsse sind einstweilen auf 20 mal 25 Zentimeter Kantenlänge beschränkt. Wenn die Raumbilder bewegt sind, müssen sie in einer hutschachtelgroßen Plastiktrommel projiziert werden. Einer der berühmtesten Filme des Holographen Selwyn Lissack zeigt den Jazztrompeter Sam Rivers als fußhohen Zwerg.

Dennoch ist Posy Jackson mit dem Publikumsinteresse am neuen Holographie-Museum zufrieden. »Manche Leute«, berichtet sie, »sagen direkt entschuldigend: Ich habe noch diese alte zweidimensionale Kamera.«

Und die Museumschefin denkt auch an die kommende Generation. Demnächst will sie etliche holographische Exponate, die immer nur aus einer bestimmten Blickebene gut zu erkennen sind, auf die Augenhöhe von Kindern bringen.

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