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LONDON Liebe, Schnupfen und Tod

aus DER SPIEGEL 11/1959

Nach der Westend-Premiere ihres ersten Bühnenstücks mit dem Titel »Geschmack von Honig« ("A Taste of Honey") empfing die neunzehnjährige Nachwuchsautorin Shelagh Delaney einen wichtigen Gratulanten: Englands gefeierten Bühnenstar Sir Laurence Olivier.

Diese Gratulation bedeutete, daß die ungreifbare Gruppe von Persönlichkeiten, die Englands öffentliches Leben bestimmen - das sogenannte Establishment -, ein neues Kapitel der Londoner Theatergeschichte anerkannt hatte. Journalist Leslie Mallory, der in »News Chronicle« über kulturelle Angelegenheiten plaudert, umriß die Situation mit den Worten: »Heute fürchten sich die Straßenkehrer und Verkäufer nicht mehr, es mit den professionellen Bühnenschriftstellern aufzunehmen.«

Sir Laurence Olivier selbst hatte diese Entwicklung vor drei Jahren eingeleitet. Das Londoner Experimentiertheater »Royal Court« spielte damals John Osbornes Stück »Blick zurück im Zorn«. Da protestiert ein verkommenes Genie gegen das Elend ringsum, gegen die alles erstickende Gesellschaft und gegen sich selbst. Degoutiert verließ Olivier das Theater. Ein paar Wochen später sah er sich das Stück noch einmal an - und bestellte sich eine Olivier-Rolle im nächsten Schauspiel Osbornes. So entstand »Der Entertainer«.

Osborne war freilich weder Straßenkehrer noch Verkäufer, sondern Schauspieler von Beruf, ein empfindlicher junger Mann von hoher Intelligenz. Sein Stück unterschied sich aber doch sehr von anderen, die damals in London über die Bretter gingen: Es beruhte weitgehend auf persönlichen Erfahrungen unter der unzufriedenen, verklemmten Jugend Englands und war weit entfernt von den sonst die Westend-Bühnen beherrschenden glatten Salons und Landhäusern. Osborne hatte auf das Handwerkszeug der Routiniers seines Fachs verzichtet.

Der sensationelle Erfolg rief andere auf den Plan. Der ehemalige irische Sträfling Brendan Behan schrieb sein ungefüges Stück »Die Geisel«, der junge Bernard Kops, der bis dahin Bücher vom Karren verkauft hatte, den »Hamlet von Stepney Green«. Der Schneiderlehrling Michael Hastings machte theatralisch von sich reden, und Frank Norman, ein ehemaliger Zuchthausinsasse, der die Orthographie durchaus nicht beherrschte, lieferte ein Musical aus der Verbrecherwelt.

In dieser Kette bemerkenswerter Bühnenautoren erwies sich Shelagh Delaney als ein besonders prächtiger Rohdiamant. Ihren »Geschmack von Honig« brachte sie zustande, nachdem sie zwei Stücke von Terence Rattigan gesehen hatte, dessen »Variationen über ein Thema« und »An Einzeltischen« geradezu Urbilder seichter Salondramen mit Pseudo-Problemen darstellen. »Das kann ich besser machen«, behauptete die junge Platzanweiserin Delaney - zuvor war sie Fabrikarbeiterin, Verkäuferin, Botin -, und binnen vierzehn Tagen hatte sie ihr Schauspiel auf dem Papier.

Die Publizisten rührten die Reklametrommel für das Produkt der »englischen Francoise Sagan« - die neunzehnjährige Französin hatte mit ihrem Erstlingsroman »Bonjour Tristesse« einen Welterfolg erzielt -, verheimlichten aber, daß Shelagh Delaney ihr Drama mit Hilfe von Experten des Londoner Vorstadtensembles »Theatre Workshop« erst einmal gründlich umschreiben mußte, ehe es draußen in Stratford inszeniert werden konnte. Keineswegs zu verheimlichen war, daß »Taste of Honey« Furore machte; das Stück übersiedelte bald ins Wyndham's Theatre, eine fashionable Bühne unweit des Trafalgar Square.

Die Tragikomödie Shelagh Delaneys spielt in einer verlotterten Welt. Mama Helen zieht mit einem gewissen Peter auf Liebesabenteuer aus; Töchterlein Jo will einmal Honig schmecken und nimmt über Weihnachten einen schwarzen Seemann mit auf die Bude - was nicht ohne Folgen bleibt. Dann kommt Geoffrey, ein bildender Künstler mit abwegigen Neigungen, der Fräulein Jo aber ganz reizend behandelt. Alles in allem ist das Stück eine Milieustudie von mehr zoologischem als menschlichem Interesse. Die Schauspielerin Avis Bunnage als »Halbhure« Helen - wie es im Textbuch heißt - sagte ihre Sprüche über Liebe, Schnupfen und Tod so her, daß die Zuschauer sich vor Lachen bogen.

Anders als John Osborne protestiert Shelagh Delaney nicht gegen die heutige Gesellschaft. Ähnlich wie er frappiert sie durch glänzend geführte Dialoge. Ein Kritiker meinte, die junge Autorin habe die Redensarten ihrer Typen »mit der Genauigkeit eines brillanten Bauchredners« wiedergegeben, ein anderer hatte das Gefühl, einer Unterhaltung im Autobus zu lauschen. Der hochgeachtete Rezensent der »Sunday Times«, Harold Hobson, feierte die »geborene Dramatikerin« Delaney, der ebenso angesehene T. C. Worsley vom »New Statesman« meinte, das Stück verrate keinerlei dramatische Begabung. Der Romanschriftsteller Angus Wilson ("Was für reizende Vögel"), der die Aufführung für den »Observer« besprach, entdeckte »die Phantasie einer Dichterin«, Alan Dent vom »News Chronicle« bezeichnete die Delaney und ihre Geistesfreunde wegwerfend als »Klosettschule«.

Schon bevor man den Honig im Westend schmecken konnte, hatten Bewunderer der neuen realistischen Bühnenschule eine Pilgerfahrt nach Stratford - bei London, nicht der gleichnamigen Geburtsstadt Shakespeares - unternommen. »Reifer als ein Osborne«, hatte sich der Erfolgsautor Graham Greene ("Die Kraft und die Herrlichkeit") gefreut. Osborne, der Geschmack am Geldverdienen gefunden hat, ließ sich nicht lumpen und erwarb die Filmrechte für 20 000 Pfund (235 000 Mark).

Was immer über das Drama gedacht und gesagt werden mochte: Es stärkte zumindest die Kampagne gegen die alteingefahrene Künstelei der englischen Salonkomödien. Kenner des Londoner kommerziellen Theaters begannen sogar zu fürchten, die »Nostalgie de la boue«, das »Heimweh nach dem Dreck«, könnte nun bald als die neue Erfolgsformel gelten und ohne Rücksicht auf künstlerische Werte im Westend tonangebend werden.

Shelagh Delaney, Tochter einer Autobusfahrer-Witwe, hat finanziell viel Honig geschleckt. Die Londoner Aufführung, die nach Schätzung der Impresarios sechs bis zwölf Monate laufen soll, bringt der Neunzehnjährigen wöchentlich 200 Pfund (2350 Mark), dazu kommt der Verdienst aus dem geplanten Film, später werden Tantiemen vom Broadway, aus Paris, aus Stockholm fließen; die Verträge liegen bereits vor.

Die Autorin sitzt schon über einem neuen Stück. Es ist noch unbekannt, ob es die Schule »Heimweh nach dem Dreck« vertreten wird. Manche Beobachter prophezeiten bereits eine Abkehr von den Straßenkehrern, Helens und Jos: Bei ihrer Premiere erschien Shelagh Delaney in Silberschuhen, danach rauchte sie eine kleine Zigarre; derlei gilt in England als Symbol eines fast frivolen Wohlstands.

Jungdramatikerin Delaney

Heimweh noch dem Dreck...

... in Silberschuhen: Szenenbild* der Tragikomödie »Geschmack von Honig«

* John Bay als Peter, Avis Bunnage als Helen, Murray Melvin als Geoffrey, Francis Cuka als Jo im Londoner Wyndham's Theatre.

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