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AUTOREN Liebe und Erinnerung

Liane Dirks skizziert in einem Roman skrupulös die Liebesbeziehung zwischen einer polnischen Jüdin und einem jungen Deutschen. Von Andrzej Szczypiorski
aus DER SPIEGEL 3/1999

Szczypiorski, 70, wurde als Katholik und polnischer Patriot von den deutschen Besatzern ins KZ Sachsenhausen verschleppt, wo der Thomas-Mann-Fan Deutsch lernte; der Romancier ("Die schöne Frau Seidenman") lebt in Warschau.

In der Literatur kann man mehr über das menschliche Geschick erzählen als sonst. Doch bedarf es dazu eines Mysteriums der Verallgemeinerung, das die Banalität des Lebens überhöht. Da kann dann sogar - wie bei Tschechow - das Verzehren eines Herings zum Drama werden.

Doch gibt es menschliche Schicksale, deren Verallgemeinerung nur einem Shakespeare gegeben ist. Jedem anderen bleibt die bloße Schilderung, und die kann schwierig genug sein. Wer den Mut zu einer solchen Arbeit aufbringt, muß sie mit der Präzision einer preußischen Gouvernante, der Disziplin eines Frontsoldaten, der Demut eines mittelalterlichen Mönchs tun und dazu noch die Lippen versiegelt haben, um einen Kommentar nicht einmal zu flüstern.

Vielleicht hat Liane Dirks, die 1986 mit dem Roman »Die liebe Angst« debütierte, in ihrem neuen Werk nicht alle diese Regeln streng befolgt - doch sie hat ganz sicher Anstrengungen in dieser Richtung unternommen. Sie hat ein Buch über die Liebe einer Frau geschrieben, die sie gekannt und über deren Schicksal sie etliches erfahren hat. Liane Dirks ist jung (Jahrgang 1955), sie hat ein Recht auf Risiko. Ihr Buch mit dem Titel »Und die Liebe? frag ich sie« ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie jemand knapp an einer unvermeidlich scheinenden Schlappe vorbeischrammt.

Die Autorin hat weder einen Roman über die polnische Schriftstellerin Krystyna Zywulska geschrieben noch eine Chronik von deren Leben. Die beiden Frauen verband Freundschaft. Es muß eine intensive Beziehung gewesen sein, zumal die Zywulska noch kurz vor ihrem Tod viele Stunden mit der deutschen Schriftstellerin zugebracht hat. Die nahm die Gespräche auf Tonband auf, um sie später zu einer Erzählung über die tote Freundin zu verarbeiten. Wie gesagt, die schriftstellerische Niederlage schien fast unvermeidlich: Auf nahezu jeder Seite gerät dieses Buch in die Nähe eines erbärmlichen Melodrams, denn eine törichtere Liebe als die, die eine alternde Jüdin gegenüber einem verrückten jungen Deutschen hegt, ist schwer vorstellbar.

Doch Dirks gleicht einer Seiltänzerin. Jedesmal wenn der Sturz in die Tiefe des Kitsches gewiß scheint, gewinnt sie im letzten Augenblick die Balance wieder, hält sich auf dem Seil und macht kehrt, um in eine andere Richtung weiterzulaufen - und das mit Grazie und trotz vieler Fallstricke: Die Zywulska nämlich hat die Wahrheit bisweilen geschönt, bisweilen nur die halbe Wahrheit gesagt. Das Selbstporträt weist mithin entsprechende Lücken auf, weiße Flecken, die Dirks hätte ausmalen können. Das tut sie nicht. Vielleicht aus Achtung vor der verstorbenen Freundin, vielleicht aus Furcht, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Doch es ist wahrscheinlich gut so, auf diese Weise weht der frische Hauch von Authentizität durch das Buch.

Zwei Dinge lassen mir diesen Versuch besonders interessant erscheinen. Zum einen ist da die Geschichte dieser Liebe - der Liebe eines jungen Mannes zu einer viel älteren Frau: eine eigenartige psychologische und intellektuelle Konstellation. Die Frau ist eine polnische Schriftstellerin, der junge Mann ein auf die deutsche Geschichte zorniger Intellektueller. Sie hat einen Ehemann, und dieser Ehemann ist durchaus kein alltäglicher Typ. Dieser Ehemann könnte, wenn er denn wollte, die beiden Liebenden in den Staub treten.

Aber er ist ein erschöpfter, müder Mann, vielleicht sogar mehr - vielleicht ist er im Innersten noch ausgebrannter und niedergeschmetterter als diese liebeskranke Frau und dieser verrückte, wie ein Schuljunge verliebte junge Mann aus Deutschland. Während sie aus Liebe leiden, spielt der Ehemann Schach. Es kommt sogar vor, daß er Schach spielt, während im Raum nebenan die Frau ein dramatisches Telefongespräch mit dem fordernden und unvorsichtigen Liebhaber führt.

Es gibt Berlin als Ort der Liebe, Warschau als Ort leidenschaftlicher, doch schließlich trauriger Begegnungen, und es gibt das berühmte Obory, das Erholungsheim für polnische Schriftsteller, dessen Pensionäre fast alle von der Romanze der bekannten Kollegin wissen. Liane Dirks ist eine gute Erzählerin; sie schildert - bisweilen ein wenig träge, dann wieder ein bißchen modernistisch oder auch irritierend - die verschiedenen Begegnungen der beiden Liebenden, deren kuriose Gespräche, in denen sich unablässig Liebesschwüre mit der politischen Schizophrenie verflechten, in der diese beiden Menschen von ihrer jeweiligen Lebensgeschichte her befangen sind.

Man könnte einen Film daraus machen, im Stil der französischen Nouvelle vague. Einen Film voller Schweigen, einen Film der Andacht und des angehaltenen Atems, doch ohne Tränen - die Frau hat alle ihre Tränen längst geweint, in der Vergangenheit. Und der Mann ist immerhin ein moderner Mann, der die Fasson zu wahren versteht, selbst wenn er restlos von der Liebe besessen ist. Das eben ist die andere interessante Seite dieses Buches: das, was verschwiegen wird.

Es gibt mannigfaltige Arten des Verschweigens. Die Zywulska hatte das Recht, nicht alles zu sagen. Nicht nur im Hinblick auf ihre Liebe. Sie war Jüdin, sie hatte Auschwitz überlebt, und sie gelangte sofort nach dem Krieg in die Salons der damaligen Machthaber. Damals lebten in Polen Juden in unterschiedlichster Art und Weise: Die einen hausten in winzigen Zimmerchen, stopften Hosen, flickten Schuhe, handelten mit Geflügel und Milchprodukten, sie gingen ins Bethaus und träumten allnächtlich ihre armen, traurigen Träume. Andere dagegen wohnten in eleganten Villen, fuhren Limousinen, hatten Adjutanten, Geheimdienste und die Gnade Moskaus, und sie träumten wahrscheinlich nie, denn selbst trauriger Träume muß sich der Mensch würdig erweisen.

Und erst die Vertreibung aus Polen stellte die Juden aus den Dachstuben denen aus den luxuriösen Residenzen gleich. In der Emigration waren alle ohne Ausnahme nur noch Juden. Urplötzlich zählte nichts außer dem Drama ihres Schicksals. Unter hundert armen Schneidern und Bäckern fand auch der kommunistische Häscher als Verbannter einen ehrlichen Platz.

Das Schicksal der Zywulska war verworren. Wie ich glaube, war ihre Liebe zu einem Deutschen, der sämtliche deutsche Verbrechen aufdecken wollte, durchaus nicht dramatischer und bitterer als der Alltag ihres damaligen Lebens. Diese Frau hatte Ghetto und Vernichtungslager überlebt. Nicht ohne Talent beschrieb sie diese Erfahrung in zwei Büchern. Später wandte sie sich einer ganz anderen Literatur zu, wurde zur satirischen Schriftstellerin, schrieb Feuilletons, verfaßte Spottgedichte, Epigramme und Limericks.

Doch die Zywulska war eben nicht nur Schriftstellerin. Sie war auch die Grande Dame in den Salons der Macht, weil ihr Mann eine einflußreiche Rolle im kommunistischen Establishment spielte. Ich kann mir vorstellen, daß sie das manchmal schlichtweg entsetzte. Im Künstlermilieu, im Bekanntenkreis ließ man sie die Position ihres Mannes immer wieder spüren. Zywulska versuchte, das Literarische Café mit den Salons der Mächtigen zu versöhnen, die Dichter mit den Apparatschiks, die Warschauer Boheme mit den Kellern der Geheimdienste, Nachtschwärmer mit der Welt der Moskauer Agenten und düsteren Dialektiker auf den Gipfeln der Macht. Gegen ihren Willen lebte sie ständig zwischen zwei Welten.

Schon das allein hätte für ein großes moralisches Drama ausgereicht. Hinzu kam die jüdische Vergangenheit aus den Zeiten des Krieges und die wahnwitzige Liebe zu einem Deutschen, der nichts Besseres zu tun hatte, als das Leben dieser Frau zu vernichten, die an seiner Seite all das aufs neue zu durchleben gezwungen war, was sie vergessen wollte.

Besonders diesen Aspekt hat Liane Dirks gut herausgearbeitet. Alle Dramen, Verzweiflungen und Rollen, die Zywulskas Leben ausmachten, haben natürlich nicht Platz in ihrem Buch. Sie hat gut daran getan, ein bescheiden angelegtes Buch zu schreiben, das voller Demut ist angesichts des Schicksals von Krystyna Zywulska: ein Buch über das Dilemma einer Liebe, die von böser, von schlimmer Erinnerung durchflochten ist. Es genügt!

Andrzej Szczypiorski
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