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LITERATUR Liebe und Tee

aus DER SPIEGEL 43/1968

»Nein«, sagte Friedrich Dürrenmatt, »den Namen habe ich noch nie gehört, und Max Frisch, der gerade hier ist, kennt ihn auch nicht.«

Und auch den meisten anderen Schriftstellern, denen am Donnerstag letzter Woche die Münchner »Abendzeitung« die Frage vorlegte, ob sie Yasunari Kawabata kennen, war der Name des neuen Literatur-Nobelpreisträgers einfach Quasimodo.

Rolf Hochhuth freilich fand: »Es wurde höchste Zeit, daß der Preis einmal außerhalb Europas vergeben wurde.«

Tatsächlich waren 53 der seit 1901 von der Stockholmer Nobel-Jury dekorierten 64 Autoren Europäer (davon zwölf Skandinavier, elf Franzosen), sechs Nordamerikaner. Als einziger Asiate stand bislang der Inder Rabindranath Tagore (1913) auf der Preisliste. Aber die Öffnung gegenüber dem großen Rest der Welt begann schon 1966: mit der Auszeichnung des Israelis Agnon; 1967 folgte der Guatemalteke Asturias.

Der Laureat dieses Jahres (Preissumme: 270 000 Mark), der Japaner Kawabata, 69, der Kandidaten wie Samuel Beckett, Witold Gombrowicz, Michel Butor und Günter Graß vorgezogen wurde, ist bislang etwa 20 000 deutschen Buchkäufern als ein kultiviert-empfindsamer Erzähler bekannt geworden. Rechtzeitig zur Nobelpreis-Verleihung hat dei Münchner Hansei« Verlag alle in Deutschland erschienenen Kawabata-Werke in einem Sammelband wiederaufgelegt, von dem er bereits am Donnerstag über 6000 Exemplare verkaufte*.

Sie erzählen -- in »einer zwischen konservativer Gesittung und stilistischer Modernität verschwebenden, wie hingetuschten Kunstprosa« ("Süddeutsche Zeitung") -- von der stillen Liebe eines Studenten zu einer 14jährigen Tänzerin, von der schmerzlichen Romanze eines Jünglings mit der alternden Geliebten seines verstorbenen Vaters, von rührender Geschwisterliebe und immer wieder vom umständlichen Zeremoniell japanischer Tee-Stunden.

Kawabata, Sohn eines Arztes aus Osaka, wuchs als Frühwaise auf, und das »koji-konjo«, das Gefühl der »Waisenverlassenheit«, ist denn auch der Grundton seiner Prosa. Kawabata: »Ich kann mich nie von der Vorstellung lösen, ein melancholischer Landstreicher zu sein.«

Der auch politisch zurückhaltende Schriftsteller, ehemalige PEN-Vizepräsident und Sammler kostbarer Teetassen, kommentierte die Nachricht von seiner Nobelitierung bescheiden: »Vermutlich ist durch meine Werke die Tradition der japanischen Literatur den westlichen Völkern nähergebracht worden.«

Schriftsteller Alfred Andersch: »Ich könnte mir gut vorstellen, daß ... Kawabata Meisterwerke geschrieben hat.«

* Yasanari Kawabata: »Die Tänzerin von Izu. Tausend Kraniche. Schneeland. Kyoto. Hanser; 432 Seiten; 16,80 Mark.

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