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LITERATUR Liebe und Trauer

aus DER SPIEGEL 44/2007

Sie wurde von dem Unwahrscheinlichen in Bann geschlagen: Der Mann, den die junge Intellektuelle auf einer Versammlung amerikanischer Schriftsteller 1942 in New York zum ersten Mal sah, war 15 Jahre älter als sie, brüchig im Englischen und gebeutelt von den Nazis, vor denen er geflohen war. »Um seine gewölbten, unschuldigen Chorknabenlippen zu küssen, musste ich zu ihm aufschauen ... Obwohl fest überzeugt von der natürlich gegebenen Ebenbürtigkeit von Mann und Frau, war ich dennoch froh, Max nicht ebenbürtig zu sein. Er seinerseits zog ein besonderes Vergnügen daraus, meiner Unwissenheit abzuhelfen.« Die Liebe zwischen der Schriftstellerin Edith Anderson und dem Kunstwissenschaftler Max Schroeder beruhte, neben der erotischen Anziehung, auf kommunistischen Idealen, einer zähen Neigung zum Kampf und der selbstverständlichen Überzeugung, dass der Mensch die Kultur so braucht wie das tägliche Brot. All dies wurde auf eine harte Probe gestellt, als die Tochter aus gutem Hause dem mittellosen deutschen Flüchtling ins graue Herz der Nachkriegszeit folgte und dort blieb: An der Seite des Idealisten, der als Cheflektor des damals größten Literaturhauses der DDR, des Berliner Aufbau-Verlags, zum verzweifelten Funktionär versteinerte, wurde aus der enthusiastischen Gefährtin eine traurige Gattin. Die karge, von versehrten Männern regierte Welt der entstehenden DDR hatte wenig Verwendung für diese Amerikanerin, die loyal war, aber nicht nibelungentreu. Wie Anderson allerdings ihr Leben zwischen Anna Seghers, Bertolt Brecht, Walter Janka und Wolfgang Harich beschreibt, wie sie die wodkaseligen Partys, die trostlosen Parteiversammlungen, die zertrümmerte Stadt und die Glaubenskriege der Linken vergegenwärtigt, das hat derart viel Schwung, Klasse und Prägnanz, dass man das Schicksal der Schriftstellerin lebhaft bedauert: Zu einem großen Romanwerk ist es nicht mehr gekommen. Kurz nach dem Erscheinen dieser Erinnerungen in den USA starb Edith Anderson nach einer Lesereise 1999 - in Berlin.

Edith Anderson: »Liebe im Exil«. Aus dem Amerikanischen Englisch von Christa und Clemens Tragelehn unter Mitarbeit von Rosemarie Heise. Basis Druck, Berlin; 548 Seiten; 22 Euro.

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