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Fernsehen Liebe zum Blumenhemd

Neues in der ARD-»Ärzte«-Reihe: »Die indische Ärztin« vom Südwestfunk Baden-Baden setzt auf exotischen Zauber.
aus DER SPIEGEL 52/1994

Aus dem Indien der Geschichtenerzähler kommen die Tiger und Elefanten. Auch das bengalische Feuer und der Trick mit dem Seil. Dort brennen Scheiterhaufen unter schönen Witwen. Die Fakire liegen auf Nagelbrettern, und der Maharadscha spielt mit Riesen-Diamanten.

Wenn an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten »Die indische Ärztin« (zweiter Teil: 4. Januar, 20.15 Uhr) auf dem Bildschirm erscheint, begegnet dem Zuschauer eine Geschichte, die in der heutigen Fernsehlandschaft so exotisch wirkt wie Tiger, Fakir und Diamant.

Der Drehbuchschreiber Peter Steinbach (Mitautor der ersten Staffel von Edgar Reitz' »Heimat") versucht, im Zeitalter von Schicksalsdramen und lauten Krimis der Poesie einen Ort auf dem Bildschirm zu erobern. Erobern? Ja: mit der hypnotischen Kunst eines Schlangenbeschwörers.

Das ist gar nicht so einfach. Denn die Zauberei will nicht gleich beim Zuschauer verfangen. Da erscheint eine Ärztin namens Dr. Karla Spiehweg aus dem fernen Indien in ihrem Heimatdorf im Schwarzwald zur Beerdigung des Vaters. In schlohweißem Gewand steht sie in der schwarz gekleideten Trauergemeinde. Die alte Mutter (voll köstlicher Blasiertheit: Ruth Hausmeister) ist indigniert.

Der Zuschauer auch. Nicht nur die seltsame Kleidung irritiert. Es ist auch die Schauspielerin Rosel Zech. Sie, die einst mit Rainer Werner Fassbinder Filme wie »Lola« oder »Die Sehnsucht der Veronika Voss« drehte, hat so gar nichts von den hergebrachten TV-Beautys. Kein gewinnendes Lächeln, kein erotisches Flair zum Reinbeißen. Über dem Gesicht der Zech scheint ein Schleier zu liegen. Ein Geheimnis. Etwas Seltsames. Und schon, noch ganz unbemerkt, beginnt beim Zuschauer ein Zauber zu wirken.

Der Fortgang der Story bereitet Klischee-Gewohnten geradezu Entzugserscheinungen: die turbulente Verwicklung, die heiße Affäre fallen aus. Statt dessen entwickelt die seltsame Ärztin, als wäre es das Normalste von der Welt, zarte, ganz unspektakuläre Liebesbande zu einem schüchtern-harmlosen Mann im Blumenhemd (Dietrich Siegl), der auch noch Fasching heißt.

Die seit dem Tod des Vaters verwaiste Spiehweg-Villa ist ein Drei-Mädel-Haus der verwunschenen Art. Dr. Karla begibt sich ständig im uralten Opel auf die Flucht, die Mutter, von italienischer Opernmusik umweht, entrüstet sich immer wieder über ihre verkommene indische Tochter. Und Frau Schönchen (Anette Felber), das sächselnde Faktotum, arbeitet vergebens gegen die Schrullen ihrer Herrin an.

Der Anti-Clou in gängiger TV-Dramaturgie aber ist die Sache mit dem Schorsch (Leo Wittrien), dem stummen, vom versoffenen Vater gequälten Jungen, der am liebsten einen künstlichen Seestern in der Hand leuchten läßt. Seiner nimmt sich Frau Doktor an, erzählt ihm Geschichten aus Indien, von Muscheln aus Wasser, von Elefanten mit Diamanten in den Ohren. Und die Augen des Knaben scheinen immer größer zu werden. Wie die des Zuschauers.

Denn immer unwiderstehlicher hat der Angriff der Phantasie auf die übliche Fernsehwelt Erfolg. Steinbach und Regisseur Jo Baier wissen, wer ihre Hauptverbündeten sind: lange, geduldige Einstellungen, weite Landschaften und - überraschender Kontrast - plötzlicher Witz. Der ist es, der alle falsche Idyllenseligkeit vertreibt.

Rückkehr nach und Wiederkehr von Indien, eine Hochzeit, die Irrfahrt des Knaben Schorsch - im zweiten Teil wandert die Handlung ins Burgenland, wo eine Großmutter mit Kopftuch, Kinder wie auf Leibl-Bildern und gutherzige Bauern leben. Da könnte es leicht schwer menscheln und kitscheln.

Doch Steinbach weiß das zu verhindern. Und dabei gelingt ihm eine der witzigsten und schönsten Szenen, die es seit langem im deutschen Fernsehspiel zu sehen gab. Ein Großvater, so steht zu befürchten, liegt im Sterben, die indische Ärztin, Verwandte und Kinder umstehen sein Bett. Doch wo sonst die Bilder zu altmodischen Ikonen voller Schmerz und Schluchzen erstarren würden, breitet sich Natürlichkeit aus.

Man ißt und trinkt, die Kinder hören mit dem Stethoskop den Herzschlag des Moribunden ab, die Tochter massiert die Füße des Alten, der statt vom Jenseits von Schweinsbraten mit Knödeln stammelt. Das Röcheln des Kranken nimmt zu, der letzte Atemzug kündigt sich an. Doch da dreht sich der Großvater zur Seite - und beginnt zu schnarchen. Er ist noch einmal ins Leben zurückgekehrt. Alles lacht.

Spätestens hier, wo seine Poesie so herrlich prosaisch wird, hat Steinbach den Seher vollends verzaubert. Y

Das Röcheln nimmt zu, der letzte Atemzug kündigt sich an

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