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HARRIS Lieben und Lügen

aus DER SPIEGEL 36/1965

Als die englischen und - amerikanischen Zensurbehörden 1925 den ersten Band der Autobiographie von Frank Harris, »My Life & Loves«, in Acht und Bann taten, erklärte der Autor: »In dieser Sache arbeitet die Zeit für mich.«

Der Anti-Puritaner Harris (1856 bis 1931), der von sich sagte, Gott habe ihm einen »Repetiergewehr-Sex« geschenkt, behielt recht. 1963 erschien sein liebevolles Bekenntniswerk, das Kollege Upton Sinclair »das gemeinste Buch, das ich kenne«, genannt hat, unzensiert und ungekürzt im angesehenen New Yorker Verlag Grove Press.

Die Zeit, die Henry Miller sanktionierte, Lady Chatterley rehabilitierte, Fanny Hill zu öffentlichen Ehren kommen ließ und wohl noch das Kamasutra per Taschenbuch popularisieren wird, konnte auch Frank Harris nicht mehr unterm Ladentisch belassen.

Über eine Million Exemplare, Schrank- und Taschenbücher, wurden seit 1963 von dem literarischen Aphrodisiakum in USA verkauft. 1964 kam es in England ans Licht. In diesem Sommer werden auch Deutschleser mit dem Leben und Lieben des Frank, Harris vertraut gemacht.

Und mit dem Lügen. Denn der Mann, der in seiner Autobiographie - von der ein erster Band jetzt in einem kaum bekannten deutschen Verlag erschien - »die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit« zu sagen versprach, sagte die Wahrheit, wie einer seiner Freunde spottete, in Wahrheit nur dann, »wenn seine Erfindungsgabe ermattete«.

Dabei hätte die Wahrheit ausgereicht - das Leben des -Schriftstellers, Journalisten, Gesellschaftslöwen, Schwindlers und Erotomanen James Thomas ("Frank") Harris war kurios genug. Der Sohn eines walisischen Marineoffiziers riß mit 15 nach Amerika aus, schlug sich als Schuhputzer und Cowboy durch, studierte in Lawrence (Kansas), Paris, Heidelberg und Göttingen, berichtete um 1877 für US-Zeitungen vom russischtürkischen Krieg - Kritiker behaupten: aus einem Bordell in Odessa -, kam als 26jähriger mittellos nach London, heiratete eine reiche Witwe und machte eine journalistische Karriere, die einer seiner Biographen, Hesketh Pearson, so erklärt: »Kein Zweifel, Erpressung von Männern und Verführung von Frauen waren dabei im Spiel . . .«

Mit Schlagzeilen wie »Schändung eines Weibes« und »Tollwütige Hunde in der Hauptstadt« boulevardisierte Harris das Tory-Blatt »The Evening News« und steigerte dessen Auflage in kurzer Zeit von 7000 auf 70 000.

Indes, er konnte auch anders: Harris kaufte die »Saturday Review« und machte sie zur besten englischen Literaturzeitschrift seiner Zeit. Er gewann G. B. Shaw und H. G. Wells zu festen Mitarbeitern, druckte Joseph Conrad und Rudyard Kipling. Als Anekdotenerzähler und Klatsch-Kolporteur wurde er zu einer Society-Attraktion im Fin-de-siècle-London. Er schloß Freundschaft mit Oscar Wilde, schrieb Bücher über Wilde, Shaw und Shakespeare und war König Edward VII. als Zotenreißer willkommen.

Doch sein Erfolg war nicht von Dauer. Mit einer Rede über die Nützlichkeit von Mätressen für Unterhausabgeordnete zerstörte er seine Wahlchancen als Kandidat der Konservativen (zu anderer Zeit war er Marxist, ein andermal liberaler Buren-Freund).

Durch notorische Taktlosigkeiten - den alternden Dichter Robert Browning fragte er, ob er mit seiner Frau, der ätherischen Lyrikerin Elizabeth Barrett -Browning, »die ganze Skala der Leidenschaft erlebt« habe -, durch Verleumdungen, Aktienbetrug, Plagiate und Skandalaffären mit minderjährigen Mädchen manövrierte sich der blind egozentrische Emporkömmling wieder aus der englischen Gesellschaft hinaus. Freund Oscar Wilde: »Frank Harris war in jedem großen Haus zu Gast - einmal.«

Alternd, und verarmt lebte Harris schließlich in Nizza. Hier begann er, 65jährig, seine Autobiographie, mit der er Literatur und Leben vom Puritanismus befreien wollte. Kurz vor seinem Tode bekannte er einem Besucher, er habe »My Life & Loves« hauptsächlich aus Geldnot geschrieben.

Harris war kein Stilkünstler. Sein weitschweifig - ausschweifendes Memoiren-Monstrum reiht formlos Bettszenen, Betrachtungen über Gott und die Welt, Bettszenen, Begegnungen mit Prominenten und Bettszenen aneinander. Der 1,65 Meter große Autor, der fünf Zentimeter hohe Absätze trug und sich selbst für häßlich hielt, ist gleichwohl immer Superman - im Umgang mit Damen und Dichtern.

»Du Starker, du! Du Kräftiger, du!« stöhnt seine erste Eroberung, und so oder ähnlich äußern sich auf den rund 1000 Memoiren-Seiten auch alle anderen (rund 100).

»Ich glaube, Sie haben recht«, sagt

Guy de Maupassant, nachdem Harris dem Franzosen klargemacht hat, was an einer seiner berühmten Kurzgeschichten zu verbessern sei. Und so ähnlich reagiert ein ganzer Who's Who von Zelebritäten, denen Harris nahe gewesen sein will.

»Es ist hoffnungslos«, schrieb die »Times«, bei Harris »herausfinden zu wollen, wo die Lügen aufhören und die Wahrheit anfängt«.

Auch die Potenz-Protzerei (die »Times": »Salomon hatte 10 000 Frauen; Harris hätte den ganzen Harem an einem langen Wochenende beglückt") und die gynäkologische Akribie seiner immer gleichen Verführungszeugnisse wirken eher komisch. Franks Zeitgenossen jedoch erschienen sie zu frank: »Seniles, lippenleckendes Gekicher eines alten Mannes über seine längst vergangene Unflätigkeit« - so urteilte Sinclair Lewis über den Harris-Report.

Ludwig Marcuse, 71, Deutschlands rüstigster Matador für erotischen Freisinn, hingegen findet: »Nicht der Siebzigjährige hat diesen Band geschrieben, sondern der Siebzehnjährige, der das Thema ist: ein erstaunlicher, kennenswerter Lausejunge.«

So steht es im »Geleitwort von Prof. Dr. phil. Ludwig Marcuse«, das die deutsche Ausgabe der Harris-Memoiren schmückt. Sie erschien jetzt, 544 Seiten stark und 24,80 Mark teuer, im C. Stephenson Verlag, Flensburg - einem Schwesterunternehmen des »Versandhauses für Ehehygiene Beate Uhse«.

Memoiren-Autor Harris

»Du Starker, du!«

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