Zur Ausgabe
Artikel 62 / 80

»Lieber Narr sein, lieber selber Gott sein«

aus DER SPIEGEL 5/1979

Das Produkt des Philosophen ist sein Leben«, schrieb Friedrich Nietzsche -- und man ahnt, wie schwer er es seinen Biographen damit gemacht hat.

Denn was ist das Leben eines Philosophen, wie er einer war? Sind es seine Bücher? »Schopenhauer als Erzieher« etwa? Oder »Die fröhliche Wissenschaft« und »Jenseits von Gut und Böse« oder »Zarathustra« oder das Trümmerfeld jener Aufzeichnungen, die das »Pusseichen«, seine Schwester Elisabeth, gewaltsam unter den Titel »Der Wille zur Macht« zwängte?

Oder ist es sein Lebensgang, seine Krankheiten zum Beispiel, seine Vorliebe für wollene Strümpfe, sein unentwegt wechselndes Verhältnis zu Speisequark, Braunschweiger Wurst und Grahambrot? Oder das tägliche Waschen und Frottieren, das er pries?

Er »verdaue wie ein Halbgott«, schrieb er aus Turin an Freund Köselitz, 1888, ein Jahr vor der Umnachtung. Ist das unwichtig? Oder doch wichtig? Sagt es was? Oder ist es bedeutungslos, allenfalls eine billige Gelegenheit zu herabholender Häme? So wie er es sah, war »Verdauung« keine Unwichtigkeit.

Die »wenig philosophischen Vegetarianer« hätten »mehr für die Menschen geleistet als alle neueren Philosophien«. Nicht daß Nietzsche hier ein Bekenntnis zu fleischloser Nahrung abgegeben hätte! Damit hielt er es mal so, mal so, und meist warf er die Vegetarier mit den Sozialisten in einen Topf.

Was er sagen wollte, war vielmehr, daß Denken auch mit Ernährung zu tun hat -- und mit vielem anderen mehr. Mit dem Klima zum Beispiel oder mit Straßenlärm, Luftfeuchtigkeit, Landschaft, Eisenbahn-Fahrplänen« Hämorrhoiden, Spazierwegen und der Beschaffenheit des Bettes, in dem man schläft. Der Krimskrams des Lebens als Schicksal -- als Schicksal freilich, dem der Mensch sich entwinden soll. Übermensch!

Aber wie soll aus dem Menschen der Übermensch werden? Daß Gott nun tot sei, hatten vor Nietzsche schon andere geschrieben. Doch was es heißt, ohne die Werte einer Überwelt zu leben, hat er wie keiner zuvor deutlich gemacht, in seinem Werk, durch Arbeit, durch unerbittliche Selbstzucht und durch Selbstbeobachtung.

Statt auf Gott zu bauen, wolle er »lieber auf eigne Faust Schicksal machen, lieber Narr sein, lieber selber Gott sein«, schrieb er in einer späten

* Paul Rée (M.), Nietzsche.

Aufzeichnung. Doch wie stand es mit dem Gottsein eines Menschen, der, wie er, fast ständig unter Krankheiten -- Kopfschmerzen, Gürtelrose, Augeninsuffizienz, Darm- und Magenbeschwerden -- litt, oder der, wie wiederum er, sich von der aus der Ferne angebeteten Frau eines anderen, nämlich von Cosima, zum Einkaufen von »Tüll mit Goldsternen oder Pünktchen« schicken ließ -- fürs Weihnachtsfest in Tribschen 1869 mit Richard Wagner?

Auf eigene Faust wollte er »Schicksal machen«. Doch war ihm die eigene Existenz längst zur »fürchterlichen Last« geworden. Auch den Tröstungen des Christentums und der platonischen Philosophie hatte er längst entsagt: Höherer Schwindel.« Zwar trumpfte er zuweilen auf, er habe der »Qual und Entsagung« seines Lebens »viel zur Läuterung und Glättung der Seele abgewonnen«. Am Ende jedoch zerbrach er an der Last und vielleicht noch mehr an den zahllosen kleinen Lästigkeiten. Nicht »Läuterung der Seele« wurde ihm zuteil, sondern Wahnsinn, 1889.

An der für ihn unauflöslichen Spannung zwischen dem Anspruch auf Autonomie einerseits und der demütigenden Klebrigkeit des Alltäglichen andererseits ist Nietzsche zugrunde gegangen. Immer schwerer fiel es ihm, dem Umwerter aller Werte, in all dem Zufälligen eine Rangordnung zu entdecken.

Der Gott-Stürzer wurde dabei, gelegentlich, auch zum Kleinbürger. »Schenkt mir doch ein kleines Landhaus!«, wünschte er sich zu Weihnachten 1874, 30 Jahre alt. Und tatsächlich pachtete man ihm in Naumburg einen Gemüsegarten, bis er, nach kurzem, das Bücken über hatte. Heiraten solle er, meinte sein Freund/Feind Richard Wagner (weil er ihn insgeheim der Onanie verdächtigte und Briefe darüber schrieb), und tatsächlich wollte er es manchmal, mal die »Hetäre« Lou von Salomé, mal einen »tapferen, kleinen Hammel«, wie es die lustige Irene war, die ungarische Frau eines Freundes, des Freiherrn von Seydlitz. Sein Leben lang träumte er den deutschen Spießertraum, eigentlich kein Deutscher zu sein. Seine Ahnen seien »polnische Edelleute« gewesen und er selber Offizier der reitenden Artillerie, schrieb er noch als erwachsener Mann an Georg Brandes. Alles Schwindel! Pastoren waren seine Ahnen, deutsche. Reitender Artillerist war er gewesen, aber, vom Pferd gefallen, nicht einmal Unteroffizier geworden.

Wo war in diesem Leben oben? Wo unten? An einem Wintertag beobachtete er in Turin einen Kutscher, der sein Pferd anpißte. Den Gaul wärmte es. Was war die Moral davon? Daß es keine gibt? Oder doch? Aber welche?

Was war wichtig an diesem »fürchterlichen« Leben? Eigentlich alles -- und eben deswegen auch wieder nichts: das Problem Nietzsches, des Philosophen! Das Problem Nietzsches, des Menschen! Das Problem aber auch seiner Biographen.

Die neueste Biographie Nietzsches wird, wenn sie fertig ist, an die 2000 Seiten zählen. Zwei Bände -- sie beschreiben Herkunft und Leben bis 1889 -- sind schon erschienen. Der erste ist 852 Seiten lang, der andere 672. Der dritte soll im Mai dieses Jahres erscheinen, nochmals rund 400 Seiten*.

Verfasser dieses Werkes ist der schweizerische Musiker und Musikwissenschaftler Curt Paul Janz. Bis 1976 spielte er im Basler Symphonieorchester die Violine. Nebenher kümmerte er sich um Nietzsche. anfangs nur um dessen Kompositionen, später auch um dessen Leben.

An der Nietzsche-Biographie hat Janz seit Mitte der sechziger Jahre gearbeitet. Damals -- genauer: 1962 -- starb in Neumünster der Schriftsteller Richard Blunck. Er hinterließ, neben einer Menge Aufzeichnungen für eine auf drei Bände angelegte Nietzsche-Biographie, ein 1953 veröffentlichtes Buch über Kindheit und Jugend des Philosophen. Janz hat dieses Buch als erstes Kapitel in sein eigenes Werk aufgenommen und aus den noch nicht verarbeiteten Notizen Nutzen gezogen. Janz über das Scheitern seines Freundes Blunck: Er wollte »immer noch mehr, immer noch neueres Quellenmaterial einbeziehen«.

Auch Janz hat eine große Menge Quellenmaterial verarbeitet. Mit schier

* Curt Paul Janz: »Friedrich Nietzsche«. 3 Bände. Carl Hanser Verlag, München/Wien; Band 1 und 2: 1524 Seiten; je 56 Mark; Band 3 (erscheint im Mai 1979): ca. 400 Seiten: ca. 50 Mark.

unerschöpflicher Geduld und Genauigkeit ist er die Strömungen und Rinnsale dieser Lebenslandschaft abgefahren. Nicht nur die markanten Stationen hat Janz beschrieben: Geburt 1844 in Röcken, Internat in Pforta, Studium in Bonn und Leipzig, Professur in Basel, die Freundschaft und das Zerstreiten mit Wagner, das zermürbende Verhältnis zu Schwester Elisabeth, die Dreier-Situation mit Lou und Paul Rée, dem Freund und Rivalen, das Umherirren in den Alpen, der Zusammenbruch in Turin, der Tod in Weimar 1900.

Unendlich vieles kommt dazu, was dazwischen geschah: die Aufschwünge und Verzweiflungen, die Krankheiten und ihre Einflüsse (darunter jene wohl als sicher anzunehmende Syphilis-Infektion) und schließlich auch die zahllosen »aus der Umwelt einströmenden Ablenkungen« (Janz) der Politik, der Wissenschaft, der Freundschaften, des Alltags.

Es ist eine durch und durch moderne Existenz, die Janz beschrieben hat, die Existenz eines Menschen, der sich einer unabsehbaren, unentwegt widersprüchlichen und deswegen am Ende unentzifferbaren Menge von Eindrücken und Einsichten ausgesetzt sieht -- und so schließlich an der Aufgabe, ein Mensch zu sein, verzweifelt.

Schon als 26jähriger ahnte er das Unheil seines Lebens: »Von Natur auf das stärkste dazu gedrängt, etwas Einheitliches philosophisch durchzudenken und in langen Gedankenzügen andauernd und ungestört bei einem Problem zu verharren, fühle ich mich immer durch den täglichen mehrfachen Beruf und dessen Art hin und her geworfen und aus der Bahn abgelenkt ...« Dies ist es, fügte er hinzu, was »mich so erschöpft und selbst körperlich aufreibt« -- und was ihn schließlich in die Nacht des Wahnsinns stürzte.

Die Nietzsche-Biographie von Janz ist in der Tagespresse heftig kritisiert worden. Sepp Schelz nannte sie im »Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt« »eher einen Unglücksfall«. Ivo Frenzel, Verfasser einer Rowohlt-Monographie über Nietzsche, meinte in der »Süddeutschen Zeitung«, daß man nach der Lektüre des ersten Bandes »kaum einen einzigen, philosophisch bedeutsamen Gedanken von Nietzsche besser verstehen« werde. Jürgen Busche überschrieb seine Rezension in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« mit dem Satz: »Am Ende hat man Nietzsche gründlich satt.«

Ich halte diese Urteile, auch das letzte, für falsch. Es sei denn, man habe den Menschen überhaupt satt -- was freilich auch eine Möglichkeit ist, angesichts der Tatsache, daß Soziologie, Verhaltensforschung und oft auch Psychologie den Menschen als das bloße Produkt gesellschaftlicher und biologischer Zwänge verstehen zu können glauben.

Was Janz beschrieben hat und was er zu beschreiben sich vorgenommen hatte, war ein bedeutender Mensch, der versucht hat, in einer gottlosen, von wissenschaftlichen Erkenntnissen aufgesplitterten Welt er selbst zu sein und daran gescheitert ist. Diese Beschreibung ist Janz auf eine lautlose, aber eindrucksvolle und am Ende sogar spannende Weise gelungen. So ist der Bericht eines Lebens entstanden, das, noch im Kaputtgehen, denkwürdig ist bis auf den heutigen Tag.

Die Associazione Internazionale di Studie e Ricerche su Nietzsche in Palermo hat Ende vorigen Jahres dem Werk von Janz einen Ersten Preis verliehen.

Zur Ausgabe
Artikel 62 / 80
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.