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Lied vom Tod

aus DER SPIEGEL 15/1972

Dmitrij Schostakowitsch: Symphonie Nr. 14. Mehrmals mußte Schostakowitsch verwarnt werden, bis er so komponierte, wie er sollte: sozialistisch-realistisch. Während der letzten zehn Jahre etwa schien er sich dem Diktat des Staates gebeugt zu haben. Wirklich Neues erwartete von dem kränkelnden Mittsechziger, dessen musikalische Meisterschaft freilich niemals ernsthaft bezweifelt wurde, niemand mehr. 1969 hat Schostakowitsch die Musikwelt dann doch noch einmal mit einem wenig linientreuen Stück überrascht, das jetzt bereits zum zweitenmal auf Schallplatten aufgenommen wurde: mit seiner 14. Symphonie, die diesen Namen zu Unrecht trägt. Weder formal (Zyklus von elf Gesängen) noch von der Besetzung her (Sopran- und Baßsolo, Streichorchester und Schlagwerk) hat diese Komposition symphonischen Charakter. Sie ist vielmehr ein melancholischer Liederzyklus vom Sterben, vorwiegend nach Lorca-, Apollinaire- und Rilke-Texten in russischer Übersetzung. Schostakowitschs Partitur, von Eugene Ormandys Philadelphia Orchestra und seinen Sängern sorgsam realisiert, ist ein Meisterwerk der instrumentalen Aussparung, fahler Klänge und lyrisch-dekadenter Intensität. Obwohl Schostakowitsch die düstere Grundstimmung der langsamen Sätze früherer Symphonien, kammermusikalisch verdichtet, in die 14. Symphonie eingebracht hat, steht das Werk der russischen Tradition weit ferner als den besten Stücken des englischen Komponisten Benjamin Britten, dem es auch gewidmet ist (RCA LSB 5002; 16 Mark).

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