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SAROYAN-PREMIERE Lilys Durcheinander

aus DER SPIEGEL 11/1960

Den Steuersorgen des schnauzbärtigen amerikanischen Erfolgsautors William Saroyan verdankt der Wiener Burgtheater - Direktor Ernst Häussermann die Realisierung einer großen Hoffnung. Häussermann konnte der österreichischen Hauptstadt die Welturaufführung eines prominenten zeitgenössischen Dichters bieten: Er gab im Akademietheater, dem Kleinen Haus der »Burg«, die Premiere von Saroyans »Lily Dafon oder Die Pariser Komödie«.

Noch vor der Premiere hatte sich der 51jährige William Saroyan, Autor von etwa 30 publizierten Büchern und vierzehn aufgeführten Stücken, den Wienern in der Intellektuellen-Uniform der ersten Nachkriegsjahre gezeigt: im blauen Anzug, mit blauem Hemd und schwarzer Krawatte. Die Frage, warum sein Stück in Wien zu ersten Bühnen-Ehren käme, tat er mit belustigter Geheimniskrämerei ab: Das alles sei nur Zufall, Verlagsangelegenheit, Tüchtigkeit des Burgtheaters.

Die Experten in der Amerikanischen Botschaft allerdings wollen genau registriert haben, daß der Dichter der »Menschlichen Komödie«, die sogar ins Chinesische und in mehrere indische Dialekte übersetzt wurde, den amerikanischen Steuerbehörden rund 30 000 Dollar schulde. Sie zitierten Saroyan selbst als Zeugen dafür, daß er nicht nur aus reiner Liebe zu Europa in Paris lebt und geflissentlich die Bretter des Broadway meidet. Der »New York Herald Tribune« hatte Saroyan erklärt, er sei nach Europa übergesiedelt, um genügend Geld für die Rückzahlung seiner Steuerschulden zu verdienen, damit er eines Tages wieder nach Amerika heimkehren könne.

Unter den Augen der US-Steuerbehörden nämlich kann laut Saroyan »kein Schriftsteller auf einen grünen Zweig kommen«. Seine eigenen Schwierigkeiten, so hatte er der »Herald Tribune« weiter berichtet, gehen auf das Jahr 1947 zurück, als ihm die Regierung einen Steuernachlaß von 11 000 Dollar versagte: »Der Staat berechnet pro Jahr sechs Prozent Verzugszinsen. Da man überdies das laufende Einkommen versteuern muß, bleibt eben nichts übrig, um daneben noch die alten Schulden abzustottern.« Ziemlich bald könne man überhaupt nicht mehr nachkommen. Daß Saroyan nach 1947 jährlich mehr als 50 000 Dollar verdiente, hat sein Steuerdebakel tatsächlich nicht aufzuhalten vermocht.

Neben dem Umstand, daß Saroyan also aus guten Gründen seine »Lily Dafon« in Europa zur Uraufführung feilbot statt in New York, wo jeder verdiente Dollar von der Steuer bedroht ist, scheint auch das Thema des Stückes eine Premiere in Europa zu begründen. Die männliche Hauptfigur - ein texanischer ehemaliger Cowboy namens George Washington Hannaberry, nunmehr Ranchbesitzer

- gleicht Saroyan in vielem. Genau

wie sein literarischer Schöpfer steht auch dieser rustikale Märchenonkel aus Amerika an der Schwelle der zweiten Jugend, ist ein knorriger Mann geworden und ein halbes Kind geblieben. Genau wie Saroyan lebt er getrennt von seiner Frau, taucht bei einem Europa -Aufenthalt neugierig, doch nicht allzu tief in die Kultur des alten Kontinents und bewegt

sich mit urigem Charme über das ungewohnte Pariser Salonparkett.

Nur in einem gleicht er Saroyan ganz und gar nicht: Er hat Geld wie Heu. Deshalb kann er sich auch leisten, dem sinnverwirrenden Backfisch Lily Dafon ("süß und stolz und mit lauter Durcheinander im Kopf") ein prächtiges Schloß mit goldblonden Aprikosen zu schenken - ehe er dem Traum entsagt, seine Heimatliebe durch dreimaliges Absingen des Liedes »Auf dich sind die Augen von Texas gerichtet« festigt und in neugestärkter Lebensheiterkeit zum Alltag aus Gattin, Söhnen, Rindern und Blechdosen-Bier heimkehrt.

Kein Wiener Kritiker verstieg sich nach der freundlichen, doch nicht eben enthusiastischen Publikumsreaktion, dem Stück Rekordeinnahmen zu prophezeien. Die Komödie, die nächstens im Berliner Schloßpark-Theater unter Barlog zu sehen sein wird, ist nicht leicht zu inszenieren und nicht leicht zu spielen; sie ist schon deswegen nur für größere Bühnen geeignet.

Kurz nach der Akademietheater-Premiere reiste Saroyan nach London, um seine Fabulierlust an einem Stück zu erproben, von dem bisher nur der Titel feststeht: »The highest jumper of the world« - »Der Höchstspringer der Welt«. Anschließend möchte er die Reihe seiner Weltstadt-Komödien weiter fortsetzen.

Auch Österreichs Hauptstadt dürfte - nach Paris, London und Moskau - gute Chancen haben, Handlungsort einer Komödie zu werden. Saroyan telegraphierte nach seiner Ankunft in London an Burgtheater-Direktor Häussermann: »Ich war entzückt von Wien, fasziniert vom Opernball (bei dem er erstmals in seinem Leben einen Frack trug), begeistert von der Aufführung der 'Pariser Komödie'..., glücklich verwirrt vom Spielkasino in Baden und ausgeheilt von der Asiatischen Grippe, die ich aus Paris mitgebracht hatte. Bitte erwarten Sie die 'Wiener Komödie', sobald mich die Inspiration zum Schreiben drängt.«

Wiener Saroyan-Premiere*: Heimkehr zu Frau und Büchsenbier

Saroyan

* Johanna Matz als Lily. Attila Hörbiger als George.

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