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BÜCHER Linke Gerade

Morris L. West: »Der Salamander«. Droemer; Deutsch von Karl-Otto von Czernicki; 368 Seiten; 28 Mark.
aus DER SPIEGEL 7/1974

Bestseller-Autor West, ein Australier in Italien, kennt seine Wahlheimat. Das macht ihm schwerer, sie zu lieben, macht seine Liebe gewichtiger. Und beredt. In seinem neuen Roman riskiert er sogar, den Ich-Erzähler Italiener sein zu lassen: Matucci, ein Mann aus 007-Stoff, kaltblütig, warmherzig, mit jener Zivilcourage, die in Italien allerdings vorkommt und ohne die das Land bei seiner verrosteten Bürokratie und Legislatur morgen stilläge.

West weiß es und: »Je mehr sich die Dinge in Italien ändern, desto mehr bleibt alles beim alten« Die Verhältnisse sind so. Die schwache Regierung ist von Lobbyisten unterwandert, durchsetzt und überspielt. Die außerparlamentarischen Linken bohren an der Basis. In den oberen Etagen bereiten Rechte mit und ohne Uniform einen Staatsstreich Marke Griechenland vor. Sie rekrutieren Schlägerbrigaden und schüren Unzufriedenheit, um zur Stunde X das eventuell aufbegehrende Volk zu knebeln, während die Kirche, »eine sehr gerissene alte Dame«, abwartet.

Die in Wests Roman »wiedergegebenen Ereignisse«, so der Vorspruch, »sind Analogien und Allegorien der Wirklichkeit. Die handelnden Personen sind der Phantasie des Autors entsprungen« -- aber nicht zufällig: Es sind Emanationen der politischen Affären und Skandale aus jüngster Zeit.

Aus der gescheiten und besorgten Landesbeschreibung entwickelt West mit geradezu schulmäßigem Spannungsaufbau einen kinogenen Politreißer, in dem Geschichte von Geheimdienstlern und -bündlern, jedenfalls von Männern gemacht wird: Matucci erkennt, daß es eine rechte Verschwörung gibt. deren Häupter sein Chef und ein Carabinieri-General sind. Matucci, dessen Vater faschistenverfolgter Sozialist war, will sich und seinem Land dergleichen ersparen. Aufrichtigkeit ist des unerschrockenen Ich-Helden linke Gerade, auf die sich die Rechtsausleger schwer einstellen können; er gewinnt damit die fabelhaft souveräne Vaterfigur des Buches zum Freund: den Ex-Partisan und Multi-Industriellen Manzini, mit dessen Hilfe er die Putschisten schließlich matt setzt.

In diesem dicht gestrickten Super-Simmel, der doch nie zur Krimi-Kolportage verkommt, ist zwischen Rom. Mailand und Venedig bei guten Speisen und Getränken immer alles Aktuelle drin: Scheidungsgesetz und »präventive Untersuchungshaft« und multinationale Gesellschaften und Trastevere-Nostalgie. Und natürlich Liebe ad libitum.

Rino Sanders

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