Lisa Eckhart im »Literarischen Quartett« Nicht in seiner Sendung

Ein Kommentar von Volker Weidermann
Unser Autor war vier Jahre lang Gastgeber des »Literarischen Quartetts« – und wollte seinen Nachfolgern nie Ratschläge geben. Aber zur Debatte über die Einladung von Lisa Eckhart kann er nicht mehr schweigen.
Marcel Reich-Ranicki

Marcel Reich-Ranicki

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Uwe Anspach / picture alliance / dpa

Offenbar ist es so, dass sich in der Folge der Debatte über die Einladung der Kabarettistin Lisa Eckhart ins »Literarische Quartett« zwei Lager gebildet haben, wenn es um ihre antisemitischen Witzchen aus der Vergangenheit geht: Die einen betonen die Witzchen, die anderen den Antisemitismus. Ich gehöre zum zweiten Lager.

Ich finde den antisemitischen Teil ihres Bühnenprogramms, auf den unter anderem Maxim Biller in der SZ  und Felix Dachsel bei vice.com  hingewiesen haben, nicht sehr lustig. Mir ist auch das Prinzip »Witze mit antisemitischen Stereotypen zu machen, um dadurch den Antisemitismus der Antisemiten sichtbar zu machen«, nicht ganz plausibel. Aber ich muss auch zugeben: Es war mir eine ganze Weile ein bisschen egal.

Der Roman, den Lisa Eckhart in diesem Jahr veröffentlicht hat, ist literarisch belanglos. Zu ihrer Einladung ins »Literarische Quartett« wollte ich mich eigentlich nicht äußern. Ich war gut vier Jahre lang Gastgeber der Sendung. Jetzt bin ich es nicht mehr. Ich habe den Nachfolgern da nichts zu raten, dachte ich bislang. Da ich jetzt aber den Eindruck habe, als bliebe von dieser Debatte am Ende nur ein lockeres »Och, die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Bisschen Antisemitismus ist vielleicht dabei, aber als Satirikerin ist sie doch brillant. Und vor allem: Satire darf alles«, möchte ich doch kurz schreiben, dass das ein Fehler ist.

Warum? Ich habe die Sendung, so wie Marcel Reich-Ranicki sie sich ausdachte, gründete, belebte, immer als ein Geschenk empfunden. Ein Geschenk des überlebenden Juden Marcel Reich-Ranicki an uns, die nichtjüdischen Deutschen. Schon seine Rückkehr nach Deutschland war ein Geschenk. Ein unverdientes. Und dass er nie Rachsucht empfand. Sondern Liebe zu Berlin. Liebe zur deutschen Literatur. Wie er später in seinen Erinnerungen über seine Rückkehr nach Deutschland nach der Ermordung seiner Familie schrieb: »Nicht Rachsucht, sondern Sehnsucht trieb mich nach Berlin.«

Marcel Reich-Ranicki war das dünne Band, dass das Deutschland der Nachkriegszeit mit der deutsch-jüdischen Kultur der Weimarer Republik verband. Er war das dünne Band hinüber in jene Zeit, die nach dem Willen der Mehrheit der Deutschen für immer ausgelöscht werden sollte. Marcel Reich-Ranicki hat den Deutschen nie »verziehen«. Er sei von seinen ermordeten Eltern, von seinem ermordeten Bruder nicht berechtigt worden, den Deutschen zu verzeihen, hat er später gesagt. Er kam aber zurück aus Liebe zu den deutschen Büchern. Zur deutschen Kultur. Und er wurde der mächtige, unterhaltsame, auch zerstörerische, leidenschaftliche, unerschrockene, öffentliche Kritiker, den wir kennen. Er hat etwas von der Brillanz und Lebendigkeit und Streitlust der Weimarer Republik uns wiedergebracht. In den späten Jahren seines Lebens besonders öffentlichkeitswirksam im Quartett. Und: Ja, er stritt sich gern und laut. Er liebte Widerspruch. Er liebte es, sich durchzusetzen, in Debatten.

Zu einer Sache hat der streitfreudige Marcel Reich-Ranicki jedoch ein Leben lang geschwiegen: zu Antisemitismus. Zu antisemitischen Angriffen gegen sich oder andere. Warum? War er feige? War es ihm egal? Wollte er seine Ruhe? Nein. Ich habe ihn oft erlebt, in Gesprächen, nach solchen Angriffen gegen ihn und andere Juden. Er wurde dann ganz leise. Er hatte die Hoffnung: Dazu müsse er nichts sagen. Zu antisemitischen Witzen, Romanen, Demonstrationen, Angriffen müsse vielleicht ausgerechnet er, der Überlebende des Holocaust, nichts sagen. Er, der erlebt hatte, wie schnell aus antisemitischen Witzchen antisemitische Angriffe wurden und wie schnell das ging, dass plötzlich, im Oktober 1938, in seiner Wohnung in Berlin-Wilmersdorf morgens in aller Frühe ein Polizist klingelte und ihm mitteilte, dass er nun mitkommen und das Land verlassen müsse.

Marcel Reich-Ranicki, der zurückgekommen war nach dem Krieg, mit dieser Liebe zur deutschen Literatur, hat gehofft, dass jetzt andere für ihn sprechen werden, wenn es um Antisemitismus geht. Dass jetzt nichtjüdische Deutsche für ihn sprechen würden, ihn verteidigen. Das Notwendige sagen. Oft wurde er nicht enttäuscht. Manchmal schon.

Marcel Reich-Ranicki ist tot. Fast alle Überlebenden des Holocaust sind es heute auch. Er hat uns seine Erinnerungen hinterlassen, viele Bücher über Bücher – und diese Sendung als Erbe und als Schatz. Um sie zu bewahren, fortzuschreiben. Nicht zu zerstören.

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