Samira El Ouassil

Antisemitismus als Witz Punchline in die Magengrube

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
In ihrem Programm reproduziert die Komödiantin Lisa Eckhart das antisemitische Klischee des geldgierigen Juden. Ist ja nur Satire? Nein. Auch Komik muss an gesellschaftlicher Realität gemessen und bewertet werden.

Komik sollte nicht genutzt werden, um Menschen zu erniedrigen, sondern um die Realität ein bisschen erträglicher zu machen - sie ist bestenfalls eine tröstliche Form der Verzweiflung. Satire sollte nicht genutzt werden, um Menschen zu erniedrigen, sondern um die Realität durch aggressive, aber ästhetisch veredelte, manchmal unterhaltsame Gesellschaftskritik zu verändern.

An beidem scheitert deutsches Kabarett immer wieder. Es ist leider noch zu oft ein Dienstleistungshumor made in Germany, den man bei Hornbach im Regal in der Abteilung Flachwitze ganz unten finden würde, denn wer kein Rückgrat hat, kann sich besonders tief bücken. Es darf deshalb gerne der "Hohoho”-Holzhammer geschwungen werden, aber bitte bloß keine sogenannte Antisemitismus-Keulen. Das zeigt sich auch aktuell, folgt man der ernüchternden Reaktion des WDR auf einen mit judenfeindlichen Klischees bestücktes Stand-up der Kabarettistin Lisa Eckhart. 

In dem kürzlich vom WDR auf Facebook hochgeladenen, Ende 2018 ausgestrahlten Ausschnitt ihres Programms fragt die ehemalige Poetry-Slammerin, ob die #MeToo-Bewegung nicht antisemitisch sei, da Harvey Weinstein, Woody Allen und Roman Polanski Juden seien. Dann sinniert sie:

"Es ist ja wohl nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen auszugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen. [...] Was tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten? [...] Am meisten enttäuscht es von den Juden, da haben wir immer gegen den dummen Vorwurf gewettert, denen geht es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht es wirklich nicht ums Geld, denen geht es um die Weiber, und deswegen brauchen sie das Geld ."

Auf Nachfrage der "Jüdischen Allgemeinen" erklärte der WDR am Dienstag:

"Die Künstlerin hatte ein hochaktuelles, für Satire naheliegendes Thema gewählt und dabei Vorurteile gegenüber Juden, People of Color, Homosexuellen, Transgendern und Menschen mit Behinderungen aufgegriffen, um genau diese Vorurteile schonungslos zu entlarven ."

Ich habe mir den Auftritt etliche Male angeschaut und verstehe einfach die humoristische Intention und Haltung nicht, ebensowenig wie die Erklärung des WDR. Und das ist ein Problem.

Satire braucht - um als Satire funktional und eben nicht einfach nur Provokation oder Tabubruch zum Selbstzweck zu sein - bei allen Ebenen der Uneigentlichkeit und bei jeder Hintersinnigkeit ein Ziel, gegen das sich die komische Abwertung richtet.

Wispernde Uneindeutigkeit

Über wen oder was macht sich aber Eckhart genau lustig, wenn sie das antisemitische Klischee des geldgierigen Juden evoziert? Über Antisemiten, die so denken? Über die von ihr behauptete moralische Ambivalenz, die eine Gesellschaft aushält, wenn sich Zugehörige marginalisierter Gruppen amoralisch verhalten? Mokiert sie sich über die Selbstreflektion einer progressiven Gesellschaft, die vermeintliche Redeverbote über angeblich unantastbare Bevölkerungsgruppen erteilt? 

Durch diese wispernde Uneindeutigkeit schafft Eckhart Resonanzräume, die zulassen, dass sie mit echter Bestätigung echter Vorurteile befüllt werden können. Sie reproduziert das Ressentiment, ohne diese eigene künstlerische Reproduktion einzuordnen oder aufzulösen. Und indem sie performativ versucht, durch antisemitische Klischees ein Problem zu entlarven, das gar nicht existiert, entlarvt sie mehr sich selbst als dass sie überführt, was sie kritisiert.

Es ist eine verschwörerisch andeutende Komik des Raunens. Die Art von nuhrhaftem Schmunzel-Kabarett, das mehr mit assoziativen Grenzüberschreitungen als mit Pointen arbeitet, das den Zuschauer die angedeutete Abwertung autovervollständigen lässt - und das dann für aufklärerisch hält. 

Eine berechtigte Frage ist: muss man als Künstlerin die Projektionen des Publikums mitdenken? Wenn man derart plumpe und aufgeladene Bilder wie einen Betonklotz auf eine deutschen Bühne stellt: ja. Dann muss man Verantwortung übernehmen für den Raum, den man dem angeblich humoristisch instrumentalisierten Antisemitismus bietet. 

Wie zum Beispiel auch beim Halbfinale des Prix Pantheon 2017, wo Eckhart erzählte: 

"Ich habe drei Jahre in Paris gelebt, um dort Germanistik zu studieren. [...] Ich wollte dort als sprachliches Wunderkind gelten und hab mich als Polin ausgegeben, da sind sie mir dann aber dahinter gekommen und sagten: 'Na, das ist aber schon sehr einfach, DU studierst Deutsch als Fremdsprache' und letztlich wurde ich mehr gehänselt als der Jude in BWL ".

Sie lässt hier die hänselnden Franzosen unbewertet und die klischeebehaftete Analogie, dass eine Österreicherin es im Germanistik-Studium mindestens so leicht hat wie ein Jude im Finanzstudium, ungedeckelt stehen. 

Der österreichisch-amerikanische Philosoph Alfred Stern hat in seiner Philosophie des Lachens und Weinens 1949 aus dem französischen Exil den Wirkungsmechanismus des Lachens als Herstellung und Sichtbarmachung von Ordnungssystemen betrachtet. Das Lachen, so Stern, geht oft mit einer Degradation sozialer, ethischer, ästhetischer Werte einher, macht damit aber gleichzeitig greifbar, was dort, wo gelacht wird, als Ordnungssystem anerkannt ist und welches Wertesystem als etabliert gilt. 

Die Teilnahmslosigkeit und das Unverständnis des WDR im Vergleich zum Canossagang, den er aufgrund der auch von Rechten hochgejazzten Umweltsau bereit war zu gehen, ist befremdlich.

Komik kann sich demnach nicht durch ihre Uneigentlichkeit dagegen schützen, an der gesellschaftlichen Realität gemessen und bewertet zu werden, in der sie stattfindet. Deswegen dürfen gerade in Deutschland eine ästhetische und ethische Bewertung bei behaupteten Pointen, die auf Kosten von Juden gemacht werden, nicht getrennt voneinander gedacht werden.

Die grundsätzliche Frage, die sich deutschsprachiges Kabarett also immer wieder stellen muss: ist der gesellschaftliche Schaden, den ich durch ein ironisiert reproduziertes Ressentiment erzeuge größer als die humoristische Aufklärung, die ich leiste, wenn ich dem Publikum vermeintlich den berühmt-berüchtigten Spiegel vorhalte? Rechtfertigt der Umstand, dass ich Deutschen Nachhilfe in Bezug auf ihre Hypokrisie erteilen will, indem ich ihre antisemitischen Vorurteile karikierend darbiete, dass in diesem künstlerischen Prozess Juden gedemütigt werden? 

Das Diktum von Adorno im Kopf würde ich sagen: Nein, denn es ist barbarisch. Ein Spiegelspiel, das sich selbst nicht reflektiert.

Aber vor allem würde ich sagen: Hört. Den. Betroffenen. Zu. Die Teilnahmslosigkeit und das Unverständnis des WDR im Vergleich zum Canossagang, den er aufgrund der auch von Rechten hochgejazzten Umweltsau bereit war zu gehen, ist befremdlich.

Wenn der Sender mit seiner kargen Erklärung dem Antisemitismusbeauftragen Felix Klein, der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, dem American Jewish Committee, der "Jüdischen Allgemeinen" , der Bildungsstätte Anne Frank, Autoren wie Max Czollek, die den Auftritt als antisemitisch werten, unterschwellig unterstellt, dass diese zu dumm oder zu dünnhäutig seien, um zu erkennen, dass das ja nur "schonungslos entlarvende" Satire sei - dann ist das in seiner entlarvenden Schonungslosigkeit eine Punchline in die Magengrube.