Olivia Wenzels Romandebüt Sie hat nicht den Luxus, einfach zu schweigen

Eine queere Schwarze aus dem Osten auf dem Weg zu Oma: Damit setzt der Roman "1000 Serpentinen Angst" ein. Autorin Olivia Wenzel findet eine ganz neue Sprache für ihre Icherzählerin - eine Wucht!
Autorin Olivia Wenzel: "Sehnsucht nach anderen Bildern"

Autorin Olivia Wenzel: "Sehnsucht nach anderen Bildern"

Foto: Juliane Werner/ S. Fischer

Dieses Buch! Schwierig, der Wucht, die Olivia Wenzel in ihrem Debüt "1000 Serpentinen Angst" erzeugt, gerecht zu werden. Was Wenzels Buch so stark macht? Sie findet eine neue Sprache für ihre Icherzählerin: eine Dialogform, ohne dass jemals erklärt wird, mit wem die Protagonistin eigentlich spricht. Aber diese fragende Stimme, mit der die Erzählerin spricht, ist so machtvoll: Sie nimmt uns, die Lesenden, an die Hand, stellt all die unangenehmen Fragen, die wir uns nicht zu stellen trauen, wertet die Handlung. Immer und immer wieder fragt die Stimme: "Wo bist du?"

Ja, wo sind wir? Auf einem Trip, in einem Sog, der uns dazu zwingt, dieses Buch nicht mehr aus der Hand zu legen. Die Protagonistin ist mal am Bahnsteig, mal in Thüringen, mal in Vietnam, dann wieder in Berlin, in Marokko, dann in den USA – ständig wechselt der Ort, die Zeit, die Situation, ständig wird die Erzählung ge- und durchbrochen. Aber dabei ist das Spiel mit Zeitebenen, Format und Sprache, niemals verwirrend; das Zusammenlegen von Wahrheit und Lüge, das ständige Spielen mit allen Ebenen der Fiktion – es macht diesen Roman aus.

"Ich habe mehr Privilegien als je eine Person in meiner Familie hatte. Und trotzdem bin ich am Arsch. Ich werde von mehr Leuten gehasst, als meine Großmutter es sich vorstellen kann", sagt Wenzels Protagonistin, eine junge, queere Schwarze Frau aus dem Osten, die am Bahnsteig steht und ihre Oma besuchen will. Mit dieser Szene setzt Wenzel die Erzählung in Gang. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, eine Geschichte von Verlust, von Angststörung; von Fragen der Vergangenheit, von Kontinuität, von Traumata. Wie damit umgehen, wenn du als Schwarze Person im Osten aufwächst, dein Vater nicht mehr da ist, deine Mutter dich verlassen hat, dein Bruder weg ist?

Über Rassismus sprechen - weil sie es muss

In diese Konstellation mischt Wenzel immer wieder schlaglichtartig die Themen Zugehörigkeit, Rassismus, Klasse, Kolonialismus, Privilegien, DDR, Colorism. Die große Kunst von Olivia Wenzel ist es, alle diese Themen in Collagen miteinander zu verweben, sie zu reflektieren und gleichzeitig uns zu zwingen, uns damit auseinanderzusetzen. Wenzels poetische Kraft liegt auch darin, dass sie in den Lesenden alle Affekte anregt – Wut, Ekstase, Panik, Scham. Mal nervt uns die Protagonistin, mal beschämt uns die fragende Stimme, mal bleibt uns die Luft in der Kehle zusammengeschnürt, wenn Wenzel dicht erzählt, wie die Icherzählerin auf Nazis trifft.

"Die Angst vor manchen Realitäten kann schlimmer sein als diese Realitäten selbst", sagt die Icherzählerin, als die Stimme sie fragt, ob sie jemals von Nazis verprügelt worden wäre. Irgendwann hat die Stimme genug, sie sagt: "Bitte nicht noch eine Geschichte mit rassistischer Pointe", und eventuell ist es genau diese Bitte, die sich auch die Lesenden wünschen werden. Dahinter steckt aber eben auch die Schwere, die Anstrengung der Icherzählerin, immer und immer wieder über die rassistischen Erfahrungen zu berichten, über Rassismus zu sprechen, nicht weil sie es eigentlich will, sondern weil sie es muss. Sie hat nicht den Luxus, einfach zu schweigen.

Olivia Wenzel, 1985 in Weimar geboren, studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Uni Hildesheim, schreibt Theatertexte und Prosa. Wenzels Stücke wurden an den Münchner Kammerspielen, am Hamburger Thalia Theater, am Deutschen Theater Berlin aufgeführt.

Ihren Roman hat Wenzel in drei Teile angelegt, Teil eins und drei in der Dialogform, im zweiten Teil zwei kommt es dann zum Bruch: Es werden vor allem Bilder beschrieben, Fotos von der Mutter der Icherzählerin, eine Ex-Punkerin aus der DDR, das Cover des Roots-Albums "Things Fall Apart" , das Gemälde "Madeleine de la Martinique" . Die Art und Weise wie akkurat Wenzel diese Bilder beschreibt, sie für uns zum Leben erweckt und gleichzeitig in ihre Geschichte einfließen lässt, sie für sich kontextualisiert, sie sich zu eigen macht, lässt einen nicht mehr los, weil wir diese Bilder spüren, sie sehen und fühlen können.

Und immer wieder diese fragende Stimme. Vielleicht ist sie eine Art doppeltes Bewusstsein, vielleicht in Anlehnung an W.E.B. Du Bois, den amerikanischen Soziologen, Philosophen und Civil-Rights-Aktivist, der in seinem Klassiker "The Souls of Black Folk" schrieb: "Es ist sonderbar, dieses doppelte Bewusstsein, dieses Gefühl, sich selbst immer nur durch die Augen der anderen wahrzunehmen, der eigenen Seele den Maßstab einer Welt anzulegen, die nur Spott und Mitleid für einen übrig hat." Vielleicht schafft "1000 Serpentinen Angst", dieses Blick- und Bewusstseinsregime zu verändern.

"Ich merke auf einmal, dass ich Sehnsucht nach anderen Bildern habe", sagt die Icherzählerin. Olivia Wenzel hat uns diese Bilder geliefert.