Schottische Bestsellerautorin Val McDermid Ein Mord und ganz viele Speckbrötchen

In »1979« kommen zwei aufstrebende Journalisten im Glasgow der Achtzigerjahre einer Terrorzelle auf die Spur. Ein Krimi mit Retro-Flair, überaus spannend und teilweise sehr komisch erzählt.
St. Andrew’s Cathedral in Glasgow

St. Andrew’s Cathedral in Glasgow

Foto: Tom Carpenter / Shutterstock

Wenn die Gegenwart unübersichtlich und unzuverlässig ist, ist es für Schriftstellerinnen und Schriftsteller die sicherere Wahl, sich der Vergangenheit zuzuwenden. Und so ist es wenig überraschend, dass viele Kriminalromane, die während des Anfangs der Coronapandemie konzipiert und geschrieben wurden, einen Blick in den Rückspiegel warfen. Auch Val McDermid, die schottische Bestsellerautorin, wählte die Throwback-Option und untermalte diese Entscheidung mit dem Titel ihres aktuellen Romans, der schlicht »1979« heißt.

Das Buch ist der Beginn einer neuen Reihe, ihre Serienhelden, die Polizistin Karen Pirie und das Ermittlerteam Tony Hill/Carol Jordan, haben erst einmal Pause. Es ist McDermids persönlichstes und ambitioniertestes Projekt bislang. Vier weitere Romane sollen in den kommenden Jahren erscheinen, im Abstand von jeweils zehn Jahren spielen und zeigen, wie sich die Gesellschaft in diesen vier Jahrzehnten verändert hat. Im Mittelpunkt aller fünf Bücher: die Glasgower Reporterin Allie Burns, 1979 noch eine blutjunge Anfängerin, deren Ideal vom Journalismus sich aus der Lektüre von Joan Didion oder Truman Capote speist, die aber, statt zur Ikone einer britischen Spielart des New Journalism zu werden, zunächst einmal als Reporterin für abfällig »Frauengeschichten« genannte Themen bei einem Boulevardblatt landet.

Allie sei zwar kein Abbild ihrer selbst, betonte McDermid in einem Interview , aber viele der Anekdoten stammten aus ihrer Zeit als Journalistin. Das gilt vor allem für die Beschreibungen von Homophobie, Frauenfeindlichkeit und anderen Formen von Sexismus, die damals den Redaktionsalltag bestimmten. Die Redaktion ist für Allie aber nicht nur ein Ort kaum erträglicher täglicher Erniedrigungen, sondern auch ein ständiges Faszinosum: »ein Inferno aus klappernden Tasten, Zigarettenrauch und dem verzweifelten Bemühen der Redaktionsleitung noch rechtzeitig genug die Artikel auf den Tisch zu legen«.

In diesem teilweise toxischen Klima will Burns sich gegen alle Vorurteile und Anfeindungen durchsetzen, und in dem nicht offen schwul (bis 1980 stand Homosexualität in Schottland unter Strafe) lebenden Kollegen Danny Sullivan findet sie einen Verbündeten. Danny wiederum kann selbst dringend Hilfe gebrauchen, er recherchiert gerade an seinem ersten Scoop, es geht um Steuerbetrug in ganz großem Stil. Auf dem Jahr 1979 liegt in der Retrospektive bereits der Schatten des kommenden Jahrzehnts mit seinen sozialen Umwälzungen. »Gier ist gut« war nicht nur im Film »Wall Street« das Motto der Achtzigerjahre. Eine Gier, befeuert unter anderem von der neoliberalen Politik Margaret Thatchers, seit 1979 Premierministerin des Vereinigten Königreichs. Na klar, die Sozialistin McDermid hat das Jahr, in dem ihr Roman spielt, nicht zufällig gewählt.

Margaret Thatcher, spätere britische Premierministerin, bei einem Parteitag 1978

Margaret Thatcher, spätere britische Premierministerin, bei einem Parteitag 1978

Foto: Photoshot / IMAGO

»1979« beginnt, definitiv untypisch für einen Kriminalroman, mit einer Geburt, und der Großteil der Geschichte wird bereits erzählt sein, bis es zum ersten und einzigen Mord kommt. Wer also von einem Krimi die Erfüllung des Schemas »Mord, Untersuchung, Aufklärung« erwartet, wird hier nicht glücklich. Dabei ist es, auch wenn der Roman streckenweise eher Emanzipationsgeschichte als Krimi ist, überaus spannend und teilweise sehr komisch, Allie und Dannie dabei zu begleiten, wie sie, als Möchtergern-Wiedergänger der »Watergate«-Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward, mit mehr Engagement als Talent ausgestattet, an ihren ersten großen Geschichten arbeiten, die entweder ein Kickstarter für ihre Karriere sein oder ihr Leben in Gefahr bringen könnten.

Denn nachdem ihre Story über die fantasievollen Steuersparmodelle von Schottlands Superreichen tagelang die Titelseiten dominiert, sind Danny und Allie an ihrem nächsten, noch gefährlicheren Scoop dran: Durch einen Zufall kommen sie einer neu gegründeten terroristischen Zelle auf die Spur, die mit logistischer Hilfe der IRA Anschläge in Schottland plant. Das Ziel: das Referendum über die Frage, ob Schottland ein eigenständiges Parlament bekommen solle, zu beeinflussen. Danny beschließt, sich als angeblicher potenzieller Finanzier in die Zelle einzuschleusen, und gerät bald darauf ins Fadenkreuz von Terroristen und Geheimdienst.

Val McDermid blickt bei allem sozialen Realismus und aller Kritik an den damaligen Verhältnissen nicht im Zorn zurück, sie schlägt in »1979« deutlich versöhnlichere Töne an als andere schottische Schriftstellerinnen und Schriftsteller, etwa Douglas Stuart, der für seinen ebenfalls während der frühen Thatcher-Jahre in Glasgow spielenden finsteren Erinnerungsroman »Shuggie Bain« 2020 den Booker-Preis gewann, oder Alan Parks, dessen heroinbefeuerte Krimis das Glasgow der Siebzigerjahre als abgefuckten Sündenpfuhl zeigen.

McDermid hingegen bringt einen Touch von Retro-Flair und Nostalgie in ihre Erzählung, zeigt, wie Allie und Danny in diesen vordigitalen Zeiten mithilfe von Telefonbüchern und Straßenkarten recherchieren, während sie auf »einer topmodischen dreiteiligen Sitzgarnitur aus braunem Cord« sitzen; dazu schrillt der Sound altmodischer Schreibmaschinen in den Ohren der allzu oft verkaterten Journalisten. Der New Wave der Tom Robinson Band oder von Elvis Costello scheppert aus Autoradios und Kompaktanlagen, und immer wieder streut McDermid Referenzen an Glasgows legendäre Künstler und Literaten ein, unter anderem mit einer tiefen Verbeugung vor William McIlvanney und seinem 1977er Roman »Laidlaw«, der den modernen schottischen Krimi begründete. Am bemerkenswertesten aber ist die Menge an Speckbrötchen, die McDermid ihre Protagonisten vertilgen lässt. Die dürften damals die Todesursache Nummer eins gewesen sein. Weit vor Mord jedenfalls.