260 Jahre Goethe "Ihr habt euch gut erhalten"

Heute vor 200 Jahren feierte Goethe seinen 60. Geburtstag. Mitten in der Arbeit an den "Wahlverwandtschaften" blickte er damals auf ein ereignisreiches Jahr zurück. Höhepunkt war ein überraschend launiges Zusammentreffen mit Kaiser Napoleon, das den Dichter tief beeindruckte.

Von Volker Hage


Vom 28. August hat Goethe nie viel Aufhebens gemacht, selbst runde Geburtstage waren für ihn kein Anlass, Rückschau zu halten. Wenn überhaupt, dann waren es einzelne Jahre, die er rückblickend in seinen "Tag- und Jahresheften" resümierte, so auch 1808, 1809.

In seinem 60. Lebensjahr löste sich langsam die geistige Starre, die Resignation, die der Tod seines Freundes Schiller im Mai 1805 in ihm ausgelöst hatte. Zwar hatte Goethe bald nach seinem 59. Geburtstag einen neuen Tod zu beklagen, nämlich den seiner Mutter, die am 13. September 1808 gestorben war, doch schon Anfang Oktober ereignete sich etwas, was den Rest seines Lebens nachwirken sollte: die Begegnung mit Kaiser Napoleon.

"Ich will gerne gestehen, daß mir in meinem Leben nichts Höheres und Erfreulicheres begegnen konnte", schrieb er an seinen Verleger Cotta, "als vor dem französischen Kaiser, und zwar auf solche Weise zu stehen."

Am 2. Oktober 1808 hatte Napoleon dem Dichter eine Audienz gewährt. Zwei Tage danach schrieb Goethe aus Erfurt enthusiastisch an Christiane, mit der er seit mehr als zwanzig Jahren zusammenlebte und seit knapp drei Jahren auch verheiratet war: "Ich habe dem Kaiser aufgewartet, der sich auf gnädigste Weise lange mit mir unterhielt."

Plaudern mit dem Kaiser über Handwerkliches und Details

Er dankte seiner Frau, dass sie ihn nach Erfurt "herübergetrieben" habe. Sie hatte ihm offenbar versprochen, sich um die Auflösung des Haushalts der Schwiegermutter in Frankfurt zu kümmern, während er der Bitte seines Freundes, des Weimarer Herzogs und Freundes nachkam, ihm, Carl August, beim Fürstentag zur Seite zu stehen - bei jenem historischen Treffen in Erfurt, wo sich der russische Zar und der französische Kaiser trafen, umgeben von Königen und Fürsten, einer Art G-8-Gipfel des frühen 19. Jahrhunderts.

"Bei diesen Begebenheiten persönlich gegenwärtig zu sein, war viel wert", schrieb Goethe Ende Oktober seinem Freund Zelter. "Beide Kaiser haben mich mit Sternen und Bändern beehrt, welches wir denn in aller Bescheidenheit dankbar anerkennen wollen."

Doch das Gespräch mit Napoleon, das sich nicht auf den Austausch von Förmlichkeiten beschränkte, überstrahlte alles: Nicht nur erwies sich der Kaiser als begeisterter Leser von Goethes "Werther" (das war damals nichts Ungewöhnliches), sondern geradezu als Kenner, der mit dem Dichter auch über Handwerkliches und Details zu reden vermochte.

Wie alt er sei, fragte Napoleon. Goethe gab sein Alter vorauseilend mit 60 an. "Ihr habt euch gut erhalten", schmeichelte der Kaiser.

Der Orden der Ehrenlegion, den Goethe bald darauf, am 14. Oktober 1808, erhielt, war ihm auch später wichtig und lieb, als der Stern Napoleons längst am Sinken war. Er fühle sich "mit dem Zeichen der Ehren-Legion beehrt", daran hielt Goethe fest.

Beflügelt und befreit an neue Dinge wagen

Goethe war seiner Frau äußerst dankbar, dass sie "die Erbschaftsangelegenheiten nach dem Tod meiner guten Mutter auf eine glatte und noble Weise" geregelt hatte. So konnte er sich beflügelt und befreit an neue Dinge wagen. Zwar schrieb er noch im November 1808: Er sei kaum vorangekommen, habe in "Hauptsachen" noch wenig "vor mich gebracht". Doch schon im Dezember versprach er seinem Verleger: Er versuche an "dieses und jenes wieder anzuknüpfen". Noch allerdings wolle "es nicht fließen".

Ohnehin schrieb Goethe nicht gern selbst, er diktierte lieber. Seine Hand sei "zum Schreiben faul und unentschlossen geworden", ließ er im Januar 1809 einer Briefpartnerin mitteilen. Das sei "eine eingewurzelte Unart", und er entschuldigte sich dafür, dass er "durch fremde Hand" schreibe.

Er nahm sich seine "Wahlverwandtschaften" wieder vor, die zunächst als Novelle geplant waren, und sich in Goethes 60. Lebensjahr zu einem Roman auswuchsen. Schon im Juni 1809 war er zuversichtlich, diesen Roman bald abschließen zu können, "den ich vorm Jahr in den böhmischen Gebürgen konzipiert und angefangen hatte". Er zog sich dazu nach Jena zurück, und er ließ auch die sommerliche Reise in eines der geschätzten Kurbäder ausfallen.

Pünktlich zu seinem 60. Geburtstag lagen sie dann gedruckt vor, die "Wahlverwandtschaften", jedenfalls zum größten Teil - am Schluss des Werkes arbeitete Goethe noch. Zwei Tage vorher, am 26. August bat er seinen Freund Zelter: "Wo Ihnen auch mein neuer Roman begegnet, nehmen Sie ihn freundlich auf."

In den "Tag- und Jahresheften" heißt es: "Dieses Jahr muß mir in der Erinnerung, schöner Resultate wegen, immer lieb und teuer bleiben." Äußerst zufrieden blickte er auf jenes Jahr 1809 zurück, in dem er 60 wurde.


Literaturtipp: Gustav Seibt: "Goethe und Napoleon. Eine historische Begegnung". C. H. Beck Verlag, München.



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