Manifest für 40- und 50-Jährige Die Schöpfung hat einen in der Krone

Zu junge Geliebte, zu schnelle Autos. Menschen in der Midlife-Crisis sind angeblich vor keiner Peinlichkeit gefeit. Stimmt nicht, behauptet David Bainbridge: 40- und 50-Jährige seien unschlagbare Leistungsträger. Er muss es wissen - sonst untersucht er Nutztiere.

Lebensformen im Mittelalter: An den Schaltstellen der Macht
Corbis

Lebensformen im Mittelalter: An den Schaltstellen der Macht

Von Thomas Andre


Der Middle-Ager ist für den Engländer David Bainbridge ein Wesen, das vor Schaffenskraft strotzt und ein Vorbild in jeder Hinsicht ist. Klingt übertrieben? Bainbridge ist Idealist und außerdem Jahrgang 1968. Da kann man schon mal auf die Idee kommen, eine Verteidigungsschrift für eine oft verspottete Lebensphase zu schreiben - mit einer naturwissenschaftlichen Betrachtung, die am Ende wenig Überraschendes zu Tage fördert.

Menschen zwischen 40 und 60 wird ja einiges nachgesagt. Sie soll bei der Aussicht, nach dem Erklimmen einer bestimmten Karrierestufe künftig nur noch das Gleiche zu tun, plötzlich eine gähnende Langeweile überfallen. Gerade, wenn sie Männer sind. Langeweile, Panik, Aktionismus: Das gilt gemeinhin als fataler Dreiklang der Midlife-Crisis. Er mündet, wird behauptet, nicht selten in dem Kauf von teuren Fahrzeugen, der Verführung junger Frauen oder Schlimmerem - vielleicht sogar einer Depression. Der von einer Midlife-Crisis überfallene Mensch ist manchmal eine Karikatur seiner selbst. Ein Zweifler, der das Ticken der Lebensuhr überlaut hört und eine erste Bilanz zieht. Der Middle-Ager ist zu viel mit sich selbst beschäftigt, um ein Beispiel abzugeben für Jüngere. Er ist die Idealbesetzung für den armen Tropf in einer Tragikomödie.

Biologische Beweisführung

Nicht für Bainbridge. Ü40 ist eben keine Problemzone, alles Blödsinn, sagt der Mann, der in Cambridge übrigens ausgerechnet das Fach Klinische Anatomie der Nutztiere unterrichtet. Der Middle-Ager ist für ihn keine peinliche Person, sondern ein Leistungsträger. Er, ob Mann oder Frau, ernährt eine Familie, besorgt den Kulturtransfer zur nächsten Generation und ist auch sonst die klügste Lebensform unter der Sonne.

Er punktet nämlich mit Erfahrung, sein Denken nimmt wegen des Ereignis-Pools, auf den der Mittelalte zurückgreift, intellektuelle Abkürzungen. Für Bainbridge ist der Standpunkt der Evolution entscheidend. Und der sagt: Auch im postreproduktiven Alter haben Individuen noch evolutionäre Relevanz. Wesen, die zu alt sind, um jung zu sein, und zu jung, um alt zu sein, sind für die Aufzucht des Nachwuchses zuständig - das hat die Natur so festgelegt. Sie sind geistig in Topform, obwohl das Fleisch schon welk wird.

Für den weiblichen Teil der Spezies Mensch ist das Mittelalter wegen der Menopause ein größerer Einschnitt, nur der männliche kann theoretisch bis zum Exitus Kinder zeugen. Leider ist für die Frauen auch eine Asymmetrie zu beklagen, was das Aussehen angeht: Wenn ihre Haut an Spannkraft verliert, wird das meist betrauert. Manchen Mann dagegen machen falten äußerlich sogar attraktiver. Wie unfair.

Bainbridge ist ein launiger und unterhaltsamer Autor, für den die natürliche Auslese immer Recht hat. Zwingend fortpflanzen müssen sich die Middle-Ager nicht mehr, weshalb sie auch keine fruchtbare, also attraktive Erscheinung haben müssen - "die Evolution verliert das Interesse an einigen Details unserer Außenwirkung". Die biologischen Herleitungen der physischen Gebrechen (Gewicht, Haut, Haar) will man so genau aber eigentlich gar nicht wissen. Und dass sich Bainbridge eher nicht für den mentalen Zustand der Mittelalten interessiert, wenn die doch mal in die Krise geraten, ist ja quasi das Grundanliegen eines Buches, das das Goldene Zeitalter der Mittelalten feiert. So gut wie heute ging es ihnen ja nie, die Lebenserwartung steigt weiter; es erscheint etwas fragwürdig, wenn Bainbridge von der großen Angst spricht, die viele vor den mittleren Jahren haben. Er kann allenfalls den grassierenden Jugendwahn meinen.

Leider erscheint auch die rein biologische Beweisführung beinah banal, wenn sie völlig ohne soziokulturelle Überlegungen auskommt. Ein verheirateter 50-Jähriger gibt eben seiner Fleischeslust nach einer 25-Jährigen unbewusst nicht nur deswegen nicht nach, weil die Gene das so wollen und ihn "der bloße Gedanke an erneute Werberituale und nächtliches Zahnen ganz schnell wieder auf den Pfad der Tugend" bringt. Nein, das wird auch die Sorge um seinen Ruf sein.

Jenseits der belächelten Zeitgenossen, die Probleme mit dem Altern haben: Braucht es Bainbridges Buch, braucht es diese evolutionsbezogene Leistungsschau der Middle-Ager? Die Mittelalten stehen doch ganz offensichtlich in der Mitte der öffentlichen Arena und sitzen an den Schaltstellen der Macht. Wer 45 ist oder 55, erreicht oft seinen Karrieregipfel.

Davon abgesehen, ist der Effekt von Bainbridges Argumentation mit den Mitteln des Biologiebuches altbekannt. Wie bei vielen Sachbüchern wird hier manches ausformuliert, was der Leser ohnehin zu wissen glaubt. Anders gesagt: Der Gewinn bei der Lektüre dieses Werks liegt in der schönen Erkenntnis, dass man als Optimist jedem Menschenalter etwas abgewinnen kann.



insgesamt 20 Beiträge
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sammelmut 11.06.2013
1. Auch Frauen um 50 werden von Langeweile übergähnt
Grund dafür sind oftmals Männer um 50 die nicht müde werden, ihr angebeultes Ego zu spreizen.
thorkhan 11.06.2013
2. Also...
... ich bin Mitglied im E.I.R.A.-Club: "Endlich Im Richtigen Alter".
bartholomew_simpson 11.06.2013
3. Für den Normalarbeitnehmer
heißt es dagegen oft: Zu alt zum Arbeiten, zu jung für die Rente.
chris4you 11.06.2013
4. Äh,
und nun? Sinn und Zweck des Artikels erschließen sich mir nicht ganz.. Lesen würde ich das eh nicht...
Der_Franke 11.06.2013
5. Exakt
Zitat von bartholomew_simpsonheißt es dagegen oft: Zu alt zum Arbeiten, zu jung für die Rente.
Und gleichzeitig erzählt man die Lüge vom Fachkräftemangel und der zu niedrigen Geburtenrate.
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