Japan-Krimi "50" Was tat Herr Kaji, nachdem er seine Frau getötet hatte?

Seine Frau will sterben, der Polizist Kaji erfüllt ihren letzten Wunsch. Die klassische Frage nach dem Täter entfällt in "50" - und trotzdem steckt in dem faszinierenden Kriminalroman von Hideo Yokoyama ein Geheimnis.
Polizei auf den Straßen von Tokio

Polizei auf den Straßen von Tokio

Foto: Koukichi Takahashi / EyeEm/ Getty Images

Einigen Langmut brauchte, wer den vor zwei Jahren auf Deutsch veröffentlichten Roman "64" von Hideo Yokoyama bis zum - ziemlich bitteren – Ende durchhalten wollte. Auf 768 Seiten erzählte der japanische Schriftsteller von verschwundenen Mädchen, verzweifelnden Polizisten und einer alles und jeden verschlingenden Bürokratie. Literarischer Slowcore, ein Meisterwerk der Verlangsamung und Kleinteiligkeit, das mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde. 

Jetzt bringt der Atrium Verlag mit "50" einen älteren, in Japan bereits 2002 veröffentlichten Roman Yokoyamas heraus. Während die deutsche Fassung von "64" noch auf Grundlage der US-Übersetzung entstand, erfolgte dieses Mal die Übertragung direkt aus dem Japanischen - ein erfreulicher Nebeneffekt der guten Verkaufszahlen von "64".

Autor Yokoyama

Autor Yokoyama

Foto: Kentaro Takahashi/ Atrium

"50" beginnt mit einem Ermittler, der ungeduldig auf die Meldung vom Vollzug eines Zugriffs wartet. "Furchtbar, dieses Warten", denkt er: "Die Erdumdrehung ging schneller voran als das hier" - ein erster Hinweis darauf, dass auch in diesem mit 368 Seiten vergleichsweise schmalen Buch keine Geschwindigkeitsrekorde gebrochen werden.

Auch "50" bietet weder knallige Action, noch exzessive Gewalt, keine Cliffhanger, genialischen Detektive oder kongenialen Verbrecher. Auch die klassischen Krimi-Fragen "Wer ist der Täter?" und "Warum hat er es getan?" fallen weg. Das zentrale Verbrechen ist von Anfang an jedes Geheimnisses entkleidet: Der Polizist Kaji aus der Präfektur W hat seine Frau umgebracht, erdrosselt. Kein Mord, sondern eine Tötung auf Verlangen, ein Akt des Mitleids. Kajis Frau litt an Alzheimer, und sie wollte sterben, bevor sie ihren Sohn, der Jahre zuvor an Leukämie gestorben war, vergessen würde. Sie wollte die Welt als Mutter verlassen.

Findet "Geständnis-Shiki" eine passende Erklärung?

Das Geheimnis, das die Handlung in Gang setzt, ist ein scheinbar banales: Zwei Tage liegen zwischen Kajis Tat und dem Augenblick, in dem er sich stellt. Ein Zeitraum, über den er sich nicht äußern will, und der die Möglichkeit eröffnet, hier könnten unliebsame Überraschungen lauern.

Für die Polizei ist einer der ihren, der seine Ehefrau umbringt, alles andere als gute Publicity, noch mehr schlechte Nachrichten hätten personelle Konsequenzen. Deshalb wird der ehemalige Verhörexperte Kazumasa Shiki auf den Fall angesetzt. Er soll Kaji eine Erklärung abringen, die dem Ansehen der Polizei nicht schadet: Was ist in diesen zwei Tagen passiert? Hat Kaji wirklich einen Abstecher ins Rotlichtmilieu von Tokio gemacht? Und vor allem: Warum hat er nicht das einzig Richtige getan und sich selbst getötet? "Das gehörte sich nicht für Polizisten. Zumal Kaji als Ausbilder ein Vorbild für junge Leute sein musste."

Der Roman bewahrt Kajis Geheimnis bis zum Finale, auch weil Yokoyama die Geschichte zwar aus sechs Perspektiven erzählt, dabei aber die zentrale Sicht des Angeklagten ausspart. Die Perspektiven folgen dem Ablauf der Geschichte: Auf den Polizisten, der sich unter dem Druck der Vorgesetzten darauf einlässt, eine Falschaussage Kajis zuzulassen, folgt der Staatsanwalt, der ebenso wie der Journalist daran scheitern wird, die Lügen aufzudecken, dann der Strafverteidiger, der Richter und schließlich der Vollzugsbeamte, der mit Kajis Bewachung beauftragt ist.

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Titel: 50: Kriminalroman
Herausgeber: Atrium Verlag AG
Seitenzahl: 352
Autor: Yokoyama, Hideo
Übersetzt von: Nora Bartels
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Preisabfragezeitpunkt

07.12.2022 12.52 Uhr

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Letztlich sind es verschiedene Ordnungssysteme – Polizei, Presse, Justiz – die Yokoyama auf ihre strukturellen Ähnlichkeiten abklopft. Der Schluss, den er zieht, erinnert an einen Satz des Philosophen Jean Baudrillard: "Gefängnisse sind dazu da, zu verbergen, dass die ganze Gesellschaft in ihrer ganzen banalen Alltäglichkeit selbst ein Gefängnis ist." Yokoyama schildert eine Gesellschaft, die erstarrt ist im Regelwerk strenger Hierarchien. Jeder beobachtet jeden, lauert auf ein Zeichen der Schwäche, einen Fehler, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen.

"Die Glienicker Brücke überqueren"

Die meisten Figuren in diesem Roman tun, was sie glauben, tun zu müssen, um ein System aufrechtzuerhalten, das ihnen zumindest Sicherheit und eine Karriere verspricht. Und so verändern sie sich, Moral und Anstand werden zu Opfern eines umfassend korrumpierenden Systems. "Wir sind Roboter!", erkennt einer der Journalisten irgendwann.

Zwischen den Organisationen herrscht eine Art Gleichgewicht des Schreckens. "Die Glienicker Brücke ... muss man überqueren", murmelt irgendwann der völlig betrunkene Staatsanwalt Sase, eine Kalte-Kriegs-Metapher für die Überwindung dieser lähmenden Pattsituation. Sase wird die Brücke nicht überqueren, aber Kaji hat es mehr als einmal getan, wie sich schließlich herausstellen wird. Und wenn am Ende Kajis Geheimnis enthüllt wird, dann nur, weil auch zwei weitere Figuren aufeinander zugehen.

Ein fast schon versöhnliches Ende für einen finsteren Roman. Yokoyama erzählt kühl und distanziert, kommt seinen Figuren nie zu nahe. So verstellen weder Emotionen, noch aufgesetzte Dramaturgie oder literarische Mätzchen den Blick auf die atemberaubende Präzision, mit der Yokoyama seine Geschichte ablaufen lässt. Deren Faszination kann sich niemand entziehen, der von einem Kriminalroman mehr erwartet als die übliche Triade aus Verbrechen, Ermittlung und Aufklärung.

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