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10. März 2008, 19:01 Uhr

68er-Ikonen Getty und Winkelmann

Zweimal Exzess, bitte!

Von Matthias Matussek

Jung, ephebenhaft, unwiderstehlich: Gisela Getty und Jutta Winkelmann waren die Sirenen der 68er-Revolte - jetzt haben sie ihre Memoiren geschrieben. Ein teuflischer Cocktail aus Drogendelirien, Gangster-Irrsinn und Sex in Künstlerbetten.

Relevante Erinnerungen an die 68er-Revolte kann man nur auf zweierlei Art beginnen: mit einer soziologischen Reflexion oder mit einem LSD-Trip. Mit der politischen Abrechnung wie Götz Aly. Oder der chemischen Ekstase wie die Zwillinge Jutta Winkelmann und Gisela Getty, die schönen und unwiderstehlichen Sirenen der Apo.

Ihre jetzt erschienene Doppelbiographie "Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geld und Geist zu küssen" (mit Jamal Tuschik) zeigt, um wie viel interessanter sie doch sind als das erotische Instinkt-Tier Uschi Obermeier. Die Zwillinge haben ein sexuelles Gangstertum, ein sadomasochistischem Raffinement, das auch auf den zweiten Blick noch spannend bleibt.

Bekehrung am Strand

Also beginnen wir mit der Vision. Alle großen Konversionen beginnen so, auch die psychedelischen, und diese hier beginnt mit einem göttlichen Trip am Strand von Sperlonga, Italien.

Sie sind nackt und ephebenhaft und jung. Sand auf der Haut, Sonne im Blick. "Wir sind aufgehoben in der Ewigkeit, in Liebe, Schönheit, Gott (...) Im Lotus-Sitz sitzen wir einander gegenüber. Wir berühren uns leicht. Plötzlich fasst Jutta an ihre Nase: 'Dir läuft ja der Rotz.' Er tropft in Eidechsenfarben auf meine transparente Haut."

Wer jetzt anfängt zu witzeln, soll sich mit irgendwelchen gecasteten Gegenwartstussis begnügen. Alle anderen ernsthafteren Kosmonauten wissen genau, wovon die Zwillinge reden. Da legen wir nun die Doors auf und sehen diamantene Wolken, schwebende Blasen, Lichtperlen, Göttergestalten.

Ich hatte die beiden erst im letzten Jahr kennengelernt. Sie hatten mich bekocht (mehr: zum Videoblog...). Sie hatten gezaubert, weil sie an mir ihr Menü für eine Fernsehshow ausprobieren wollten.

Noch zwei weitere nette Frauen waren in dieser Münchner Penthouse-Wohnung, sowie Spacecowboy Rainer Langhans, und sie servierten vegetarische Köstlichkeiten, die alle irgendwie mit Buddha zu tun hatten.

Hungerkünstlerinnen, Gangster-Bräute

In der Dinner-Unterhaltung fielen Namen wie Federico Fellini, Dennis Hopper und Bob Dylan. Dutschke am Rande. Rote Fahnen und KPD ebenfalls. Das hier war der andere Trip. Nämlich "der Versuch, Geist und Geld zu küssen". Wohlgemerkt: der Versuch! Denn die Zwillinge, und das ist der Witz, waren in erster Linie atemberaubende Armutskünstler. Sie hungerten, ließen sich mit Gangstern ein und Transvestitengruppen, und sie waren es, die diesen ständigen Lichtwechsel aus Elend und Luxus, Kellerloch und Aristokratenpalazzo aushielten, lebten, überlebten.

Sie kommen 1949 als Töchter eines verarmten SS-Offiziers in Kassel zur Welt, was schon mal eine gute Ausgangslage für Revolte ist. Sie lieben ihren Papi und bald rücken entferntere Onkel aus Schlössern an, die den frühreifen Mädchen verfallen. Ihr Interesse am Sex ist früh geweckt, und es ist immer überschattet von Scheu und Drama.

Sie stoßen als Teenager ins Kasseler Künstlermilieu, ins Politmilieu, sie heiraten, lassen sich scheiden und zwar am gleichen Tag. Vieles erleben sie gleichzeitig: Entjungferung, erster Trip, lesbischer Sex. Sie sind das Duo, unlösbar, und da kommt kein Mann letztlich dazwischen, das wusste schon Filmemacher Adolf Winkelman resigniert.

Plötzlich, durch Giselas Liaison mit dem Schauspieler Rolf Zacher, sind die beiden in Rom. Zacher wird der Vater von Giselas erstem Kind. Doch Zacher verschwindet, die Zwillinge bleiben in Rom hängen, das Kind wächst zunächst bei der Großmuter in Kassel auf.

Da ist es sicher. Viel sicherer als in Rom, wo die Zwillinge ein paar Mode-Shootings absolvieren. Fellini interessiert sich für sie, Rosselini, sie treffen Moravia. Ein Gangsterboss verliebt sich in sie, und sie leben von Drogen, kleinen Einbrüchen, Gelegenheitsjobs.

Durch die Jahre rauschen

Sind Drogen schon erwähnt worden? Erstaunlich, was die Zwillinge alles wegstecken: LSD, Mandrax, Haschisch, Heroin, Koks, doch von allen ist LSD die wichtigste, denn sie ist die einzige sichere Passage ins All.

Die wahrscheinlich irrsinnigste römische Episode ist die, in der der völlig zugekokste Gangsterboss mit Waffengewalt eine Ehe mit Jutta erzwingen will, bevor er schluchzend auf dem Klodeckel zusammenbricht, während sich Gisela an ihre Handtasche mit den 1000 Dollar klammert, die ihr der Mafiosi für einen Film gegeben hat.

In Rom lernen sie den Milliardärserben Paul Getty kennen. Er ist auf Koks. Sein Vater ist ein Junkie. Sein Großvater ist Milliardär in Kalifornien und eher zugeknöpft, was finanzielle Unterstützung angeht. Doch Paul Getty hat immerhin seinen Namen, und die Bilder, die seinen Schriftzug tragen, verkaufen sich recht ordentlich, ganz besonders in Dealerkreisen. Die Zwillinge malen, Getty unterschreibt, das ist die Arbeitsteilung.

Eines Abends sagt Paul: "Ich habe riesige Schulden bei meinen Dealern. Und mein Großvater zahlt jedes Lösegeld der Welt." Und so wurde ein Plan geboren, der dann fast tödlich schiefging, weil die Gangster, denen sich Paul anvertraute, plötzlich Ernst machten und ihm ein Ohr abschnitten, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Filmreife Eskapaden

Die beiden Zwillinge beschreiben oft die gleichen Szenen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. So entsteht ein magischer Stereo-Effekt, ein spannungsgeladener Erinnerungskampf, der sich Explosionen aus Hass und Wut und Eifersucht leistet, um sich danach immer wieder erschöpft und liebevoll zu synchronisieren wie in einem inzestuösen Liebesakt. Zusammen werden die beiden in fünf Ehen vier Kinder haben, doch im Grunde sind sie nur füreinander gemacht. Das ist ein Film, den David Cronenberg drehen könnte, wenn einer die düstere Seiten ausleuchten wollte.

Ansonsten sollte man Oliver Stone ranlassen, denn dass das Buch verfilmt werden muss, ist klar. Wer die sechziger und frühen siebziger Jahre wirklich kennenlernen möchte als Weltrevolution der Bewusstseinserweiterung, der muss raus aus dem tristen deutschen Wahrnehmungstrichter von SS und RAF.

Die Zwillinge haben vorgemacht, wie es geht. Sie ziehen durch Künstlerbetten und Fabrikeinsätze, nach Berlin und Rom und auf den Sunset Strip. Und landen auf Partys mit Bob Dylan und Roger McGuinn und bei den todesnahen Pistolen- und Peitschenspielen mit Dennis Hopper.

Schön emanzipiert

Schon früh, sagten sie mir an diesem Abend, wollten sie so leben, dass sie später ein Buch darüber schreiben könnten. Das ist ihnen gelungen. Das Erstaunliche: Wie gut die Zwillinge nach diesem Helter Skelter heute in Form sind. Sie werden nächstes Jahr 60 - und sie haben mindestens sechzig Leben abgefackelt.

Sie sind schön, begehrenswert, leicht, intelligent, strahlend und umwerfend komisch. Also das Gegenteil von: verbittert, zickig, machtgeil, intrigant, als ob sie die ganze Emanzipations-Bewegungs-Lila-Latzhosen-Nummer im Ausland übersprungen hätten.

Mag sein, dass es an der zärtlichen, besessenen Selbsterforschungs-"Arbeit" liegt, die sie sich in Rainer Langhans’ "Harem" zumuten, was dann doch ein Beweis dafür wäre, dass die 68er einiges richtig gemacht haben.

Mag sein, dass ich sie nur an diesem Abend in ihrem wunderbaren Penthouse bei Kerzenlicht so wahrgenommen habe, und dass irgendwas im Essen war.

Dann, immerhin, können sie himmlisch kochen.


Gisela Getty, Jutta Winkelmann: "Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geist und Geld zu küssen" , weissbooks, 390 Seiten, 22 Euro

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