Abschiedsbrief an Astrid Lindgren Wir sehen uns in Nangijala

Gebt ihr postum den Friedens-Nobelpreis. Auch wenn sie in Wahrheit gar nicht tot ist.

Liebe Astrid Lindgren,

draußen regnete es, es war kalt. Das waren diese trostlosen Tage, an denen ich nicht vor die Tür durfte. Sonntags rettete ich mich mit Heinz-Rühmann-Filmen. Aber an all den anderen Tagen zog ich mir die Decke über den Kopf und ließ mich durch Ihre Sätze entführen: zu Ferien auf Saltkrokan, raus in den Wald zu Ronja, der Räubertochter, oder ich verliebte mich in Annika (oder war ich nur eifersüchtig, dass sie auf dem Onkel reiten durfte?). Ich hatte damals noch blonde Haare und wünschte mir Michel als Bruder, weil mein eigener mich nicht auf seinem Bonanza-Rad fahren ließ. Michel hätte es sich einfach genommen und wäre mit Karacho in den nächsten Gemüsestand gedüst. Um seinen Mut, dem Leben verrückt zu begegnen, habe ich ihn so sehr beneidet (um die vielen Strafstunden im Schuppen dann weniger).

Wenn ich Hausarrest hatte, bildete ich mir ein, ich sei Karlsson und könnte mich einfach mit dem Propeller auf dem Rücken vom Dach davonmachen. Auch seine Vorliebe für Süßes war (und ist) mir allzu vertraut (mit all den moppeligen Konsequenzen).

Als ich nach der Schule zu Hause auszog, waren Ihre Werke die einzigen "Kinder"-Bücher, die mit mussten. Bei jedem späteren Umzug kostete es mich Stunden, ihre Bücher ein- und wieder auszupacken, weil ich anfing zu blättern und mich immer wieder aufs Neue entführen ließ.

Michael Ende, der mir mit Momo und Jim Knopf aushalf, wenn meine Lindgren-Bücher mal wieder verliehen waren, durfte ich später, als "Großer", interviewen. Er litt darunter, dass so genannte Literaturkritiker, Kinder- und Jugendliteratur stiefmütterlich und herablassend behandelten. An ihm entbrannte diese liederliche "Eskapismus-Debatte" mit dem Vorwurf, seine Geschichten seien eine Flucht aus der Realität. Wie vertrocknet und einsam muss man sein, um Phantasie so zu verstehen? Er sagte: "Wissen Sie, warum ich die Bilder von Chagall so mag?" "Hm?" "Weil er Welten geschaffen hat, in denen Ziegenböcke auf Hundehütten stehen dürfen."

Und Sie haben Welten geschaffen, in denen ein kleines Mädchen der stärkste Mensch der Welt ist, an der Decke laufen kann und alleine in der Villa Kunterbunt ein Leben lebt, wie es ihr gefällt. Pippi Langstrumpf war die erste Anarchistin, die nicht auf Kosten anderer lebte. Ist es ein gutes Zeichen, wenn 90 Schulen nach Ihnen benannt sind, auch wenn Pippi die Schule allenfalls besuchte, um zu lernen (und zu lehren), dass das Leben anderswo ist?

"Das ist nichts für dich"

Oh ja, sie hatte Geld und Kraft und Macht und Witz und Mut. Kann ja nicht jeder besitzen. Aber das allein reicht eben nicht. Sie haben mal gesagt: "Wenn Pippi jemals eine Funktion gehabt hat, außer zu unterhalten, dann war es die, zu zeigen, dass man Macht haben kann und sie nicht missbraucht. Und das ist wohl das Schwerste, was es im Leben gibt."

Wenn es Eskapismus sein soll, den (Un-)Tiefen des Lebens erzählend zu begegnen, sie so zu verstehen und aufzufangen, dann will ich nur noch fliehen. "Das ist nichts für dich", hatte meine große Schwester behauptet, weil ich darauf drängte, "Die Brüder Löwenherz" zu lesen, das einzige Buch von Ihnen, das ich noch nicht kannte. So denken nur Große. Das Thema "Tod" kann nichts sein für die Kleinen. Dabei habe ich fast nie wieder Vergleichbares gelesen, das mir den Tod erträglich machte ohne ihn zu beschönigen.

Ich habe so geweint mit Krümel und Jonathan, aber es hatte nicht diese hoffnungslose Verzweiflung. Wir sehen uns in Nangijala! Ja! Daran will ich glauben. Ich wünsche Ihnen so sehr, dass Sie sanft gelandet sind in Nangijala und dort viele Abenteuer auf Sie warten. Es ist die andere Seite des Lebens, und dort wartet, wenn ich mich richtig erinnere: Licht! "Und dann werde ich nie wieder Angst haben. Ich sehe das Licht!" Richtig verstanden hatte ich das erst, als eine Freundin im Sterben lag. Sie kannte auch die Brüder Löwenherz und hinterließ uns den Satz: "Bald verlasse ich meine gewohnten Farben und tauche ein in einen neuen Topf. Wie bunt die Welt dort wohl ist?" Licht!

1994 gab man Ihnen den Alternativen Nobelpreis für Literatur. Das machte mich wütend. Weil ich dahinter wieder diese Geringschätzung von Feuilletonisten vermutete. Kinderbücher? Ja, hübsch, aber das ist doch keine ernste Literatur. Für mich hatten Sie schon immer den "richtigen" Literatur-Nobelpreis verdient. Aber vielleicht war es besser so. Ich konnte mir Pippi zwischen den ganzen Frackträgern bei der Preisverleihung gar nicht vorstellen. Dann doch lieber Günter Grass. Und außerdem wären Sie, wenn es schon nobel sein muss, und das mein ich ganz im Ernst, für mich die würdigste Trägerin des Friedens-Nobelpreises.

"Es ist schwer, ein Mensch zu sein, und das muss es vielleicht sein", haben Sie gesagt. Sie haben mir das Mensch-Sein leichter gemacht. Und jetzt sind Sie tot. Meine Trauer ist Dankbarkeit. Und ich schließe lächelnd die Augen und stelle mir vor, wie Sie mir aus Nangijala zurufen: "Steck den Kopf nicht in den Sand. Sondern in den Suppentopf."

"Ich werde nie wieder Angst haben!"

Sie fehlen mir. Auch wenn Sie niemals fort sind. Draußen regnet es. Es ist kalt.

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