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11. November 2015, 10:57 Uhr

Radikalautor Burchuladze

Hardcore, dieser Hedonismus!

Von Thomas Andre

In dem Roman "Adibas" erzählt der mittlerweile in Berlin lebende Zaza Burchuladze fulminant von der Boheme seiner georgischen Heimatstadt Tiflis. Sie vögelt und kokst, während am Himmel die Kampfjets donnern. Eine literarische Entdeckung.

Das Ungeheuerliche in diesem klassischen Popkulturroman, der doch eigentlich genauso gut ein Kriegsroman sein könnte, ist nicht sein unerschrocken penetrantes Personal: Einer trägt auf seiner haarlosen Brust ein Stalintattoo. Eine andere lebt nur körperlich in London, hat gedanklich Tiflis aber nie verlassen und skypt ohne Unterlass; die "Laberbacke" Naniko - "würde man ihr den Mund zunähen, würde sie mit ihren Arschbacken weiterquatschen".

Es ist auch nicht die Tatsache, dass dieses Personal permanent Drogen nimmt oder trinkt. Es ist nicht die Eigenart des Protagonisten, mit Vorliebe über die Oralsex-Qualitäten seiner Gespielinnen zu räsonieren. Das Ungeheuerliche an "Adibas", dem ersten nun auf Deutsch erscheinenden Roman des georgischen Autors Zaza Burchuladze, ist der Grad der mutwilligen Realitätsentfremdung, der mit Konsumismus und Hedonismus einhergeht.

Der Krieg als mental fernes Ereignis

"Adibas" ist eine episodische Aneinanderreihung des georgischen Alltags im Jahr 2008 zur Zeit des Fünf-Tage-Krieges mit Russland, des Alltags der Boheme wohlgemerkt. Und die Boheme des Ostens ist eine Boheme mit Westbindung; weswegen in diesem außergewöhnlichen Buch häufig popkulturelle Bezüge hergestellt werden und der Westen in der geschichtlichen Phase seines bedeutungsmäßigen Abschmierens noch einmal einen fast nostalgisch wirkenden Beweis seiner Anziehungskraft erhält.

In "Adibas" wird gevögelt, gekokst, es wird gelebt, gefeiert, aber wenig nachgedacht. Im szenigen Justemilieu gelten Labels, kulturelles Kapital, Oberflächenreize - es ist der Ennui der Privilegierten, den Burchuladze in seinen formal unterschiedlichen Fragmenten (SMS-Protokoll, Gedicht, Horoskop, Erzählung) darstellt, man kennt jene existenzielle Langeweile hierzulande vom frühen Christian Kracht.

Die "Adibas"-Welt ist bei Burchuladze eine Fake-Welt, in der die wirkliche medial vielfach gespiegelt und uneigentlich geworden ist. Fake ist diese Welt vielleicht auch, weil sie wie alle anderen auch den globalen Mainstream erst nachäfft und dann schafft.

Die größte Fälschung ist der Glaube, die eigene Existenz vor dem gesellschaftlich drängenden verschließen zu können: dem Krieg. Wobei, Krieg, welcher Krieg? In Burchuladzes Beschreibung der genusssüchtigen Tiflisser Obermittelschicht - sie geht aus und bräunt sich im Schwimmbad, während am Himmel Kampfflieger donnern - ist der Krieg mental ein fernes Ereignis, das nicht weiter stört. Der Fitnesstrainer wird eingezogen, das ist Pech; Stilkunde und Lobpreis der Secondhandläden nehmen jedoch weitaus mehr Raum ein als der Dialog mit dem unglückseligen Mann. Wenn der Erzähler diesen überhaupt mit dem Einsatz an der Front in Verbindung bringen kann, dann nur ansatzweise in höchstens ästhetischen Zusammenhängen. Oder eben gerade nicht - "Rambo-Stirnband, Bazooka in der Hand, Patronengürtel über der Schulter, Granaten am Gürtel auf dem Schlachtfeld - unvorstellbar".

Von Georgiens Präsident verteufelt

In "Adibas" geht es auch um eine zu früh selbstzufrieden gewordene Gesellschaft, die sich in der postsowjetischen Zeit entweder zudröhnt oder im Nichtstun verharrt; damit unterscheidet sich die 2008er-Version Georgiens erheblich von den hochfliegenden und bitter abgestürzten Träumen der Ukraine der Gegenwart. Und anders als die georgische Gesellschaft musste sich die ukrainische an den Kriegszustand gewöhnen. Burchuladze porträtiert in seinem schmalen Werk die georgische Gegenwart. Die auf Deutsch schreibende Nino Haratischwili wandte sich in ihrer vielgelobten 1200-Seiten-Saga

"Das achte Leben (Für Brilka)" der georgischen Geschichte im 20. Jahrhundert zu.

Zaza Burchuladze, 1973 in Tiflis geboren, gilt in seiner Heimat als einer der wichtigsten Autoren seiner Generation. Dass er seit einiger Zeit in Berlin lebt, liegt an seinen Gegnern: Religiöse Extremisten verbrannten einst seine Romane und Essays, und der georgische Präsident Saakaschwili verteufelte ihn öffentlich in einer Nachrichtensendung. In einem Interview erzählte Burchuladze unlängst, wie man in Georgien versuchte, ihn mit einem Auto anzufahren, und wie er auf offener Straße ins Krankenhaus geprügelt wurde.

Seine immer wieder auch komische und nirgends moralisierende, sondern eher die Tragik der Narzissmus-Entertainment-Promiskuitäts-Schleifen beleuchtende Prosa, in denen sich gewisse Schichten in Ost und West befinden, kann den Leser nicht täuschen. Die "Adibas"-Herrlichkeit des unendlichen Spaßes ist überall der Normalzustand, zivilbürgerlichen Aufwallungen wie derzeit in der Flüchtlingskrise zum Trotz: Es gibt Tod, Krieg und Elend auf der Welt, aber wir shoppen und wir völlen und wir feiern.

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