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Ärger um "Vattenfall Lesetage": Kabale und Atomstrom

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Ärger um "Vattenfall Lesetage" Beschwerdemails vom Energieriesen

Ein Stromkonzern gibt einem Hamburger Literaturfestival seinen Namen - zwei Initiativen machen dagegen mobil. Nun hat die Kuratorin der "Vattenfall Lesetage" Mails an Autoren verschickt, in denen sie die Gegenveranstaltungen als "linksradikal" diskreditiert. Vattenfall findet das "sehr unglücklich".

Die Bewertungen könnten unterschiedlicher nicht sein: "Die Firma Vattenfall schenkt uns in diesem Jahr zum 15. Mal ein großes Frühjahrsfestival der Literatur, das sie fast völlig aus eigenen Mitteln bezahlt", schreibt Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler in einem Grußwort für die Vattenfall Lesetage . "Vattenfall hat der Menschheit gigantische Mengen hochradioaktiven Mülls aus seinen Atomreaktoren hinterlassen", schreibt die Initiative "Lesen ohne Atomstrom ", die ein Gegenfestival zu den Lesetagen des Stromriesen organisiert. Außerdem baue der Konzern mit dem Kohlekraftwerk Moorburg "einen der größten Klimakiller des Landes".

Seit 2006 brandet Vattenfall das lokale Literaturfestival der Hamburger Elektricitäts-Werke, die der Konzern 2002 kaufte, mit seinem Namen. Seit 2011 gibt es aus Protest gleich zwei Gegen-Lesetage: "Lesen ohne Atomstrom" lädt zu Veranstaltungen mit Prominenten wie Günter Grass, Iris Berben, Roger Willemsen oder Jean Ziegler ein und fordern: "Vattenfall? Abschalten!"

Der Grund für den Literaturstreit? Man kritisiere mit seinen Veranstaltungen das "Greenwashing und Markenbranding eines Konzerns", schreiben die Organisatoren der "Hamburger Energie Wechsel-Lesetage ": "Kultur kann keine Werbeveranstaltung für einen Atom- und Kohlestromgiganten sein."

Autoren von "Steinewerfern" gewarnt

Der Kuratorin der Vattenfall-Lesetage Barbara Heine wurde der Gegenwind offensichtlich zu bunt - zumal sich der Stromriese selbst zu seinem Engagement wenig konfrontativ äußerte. Man empfinde auch die Gegen-Lesetage als "Bereichungen für die Stadt", so Vattenfall-Sprecher Stefan Kleimeier. Also nahm Heine die Konfrontation selbst in die Hand: Sie schrieb Mails an Autorinnen und Autoren, die bei "Lesen ohne Atomstrom" auftreten und wies sie darauf hin, dass die Initiative "linksradikal" sei und ein "Bündnis aus autonomen Aktivisten, Öko-Saft-Produzenten und Fernseh-Promis". Auch die Worte "Steinewerfer" und "vom Verfassungsschutz beobachtet" sollen Verwendung gefunden haben.

Die Vattenfall-Kuratorin selbst betont, sie habe sich dem Feindbild der Vattenfall-Kritiker nicht beugen wollen und habe den Autoren lediglich die kulturelle Bedeutung des Festivals nahebringen wollen. Außerdem habe sie nur Iris Berben und Jakob Augstein angeschrieben, "deren Arbeit ich sehr schätze", so Heine. "Mein Wunsch war, dass Iris Berben und Jakob Augstein meine Mission mit den Lesetagen verstehen. Hier wird auf dem Rücken der Kultur eine Diskussion geführt wird, die in die Energiedebatte gehört."

Der Brief an Augstein ist allerdings nie angekommen, wie der SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist und "Der Freitag"-Herausgeber bestätigte. Dafür äußerte sich aber am Donnerstag ein anderer "Lesen ohne Atomstrom"-Teilnehmer via Lokalpresse: Unter der Überschrift "Wir werden verleumdet und beschimpft" zitiert die "Hamburger Morgenpost" Roger Willemsen, der von "Erpressungen" spricht. Auch der Sprecher der Anti-Atom-Initiative, Oliver Neß, betont, es seien mehrere Künstler angeschrieben worden. Außerdem seien Mails bei Kooperationspartnern wie dem NDR und dem Europa Verlag aufgelaufen, in denen nach dem Engagement von Mitarbeitern bei der mutmaßlich linksradikalen Initiative gefragt worden wäre.

"Wir empfinden das als sehr unglücklich"

Diese Mails gehen wiederum auf das Konto von Matthias Schumann, Ehemann der Vattenfall-Lesetage-Kuratorin, wie dieser SPIEGEL ONLINE gegenüber bestätigte. Er habe im Rahmen einer Artikelrecherche für sein Onlineportal "Hamburger Feuilleton" Erkundigungen über die Unterstützer des Gegenfestivals eingeholt. Er habe sich gewundert, dass auf der Pressekonferenz von "Lesen ohne Atomstrom" auch Andreas Blechschmidt, der Sprecher der linksautonomen Roten Flora, aufgetreten sei - und habe wissen wollen, wie "seriöse Unterstützer" wie der NDR und das Goethe-Institut dazu stehen. Auf seiner Website schreibt Schumann, dass dieser Text nun, "trotz sorgfältiger Recherche und juristischer Absicherung an dieser Stelle vorerst nicht erscheinen" werde. Er wolle die Diskussion nicht weiter befördern, zumal seine Frau "nun ausgerechnet die Kuratorin der Vattenfall Lesetage" sei, "um die es in diesem Bericht unter anderem auch geht."

Vattenfall selbst will von all dem nichts gewusst haben. "Wir waren überrascht über das Vorgehen von Frau Heine", so Sprecher Kleimeier. "Wir empfinden das als sehr unglücklich."

Doch auch der Konzern selbst ist in die Kritik geraten: Die "Hamburger Morgenpost" zitiert die Chefin der Hamburger Bücherhallen, die angibt, eine Vattenfall-Delegation habe sie "sehr intensiv ersucht", die Kooperation mit der Gegenveranstaltung aufzugeben und wieder zu den "Vattenfall Lesetagen" zurückzukehren. Der Konzern habe außerdem über den SPD-Fraktionsvorsitzenden Andreas Dressel versucht, die Entscheidung der Bücherhallen, nicht mehr mit Vattenfall zusammenzuarbeiten, in Frage zu stellen. Dressel bestreitet das - und auch Konzersprecher Kleimeier betont, man habe lediglich das Gespräch über eine weitere Zusammenarbeit gesucht.

Erfolgreiche Proteste

Dass die Protest-Lesetage der Vattenfall-Kritiker erfolgreich sind, lässt sich kaum übersehen: So stieg etwa der NDR 2011 nach der Atomhavarie von Fukushima aus der Kooperation aus - und auch die Kulturfabrik Kampnagel mochte ihre Hallen nicht mehr für das Festival hergeben.

Eine Lösung des Problems? Das von Vattenfall gesponsorte Festival könnte unter einem anderen Namen firmieren - doch das hält Sprecher Kleimeier für nicht angebracht: "Die Vattenfall-Lesetage sind eine Veranstaltung, die maßgeblich bei uns im Haus vorbereitet und durchgeführt wird. Wir finden es durchaus gerechtfertigt, dass sie mit dem Firmennamen gebrandet ist."

Vattenfall hat Beteiligungen an sieben Kernkraftwerken in Schweden und vier in Deutschland. Gegen die Stillegung seiner AKW Krümmel und Brunsbüttel im Rahmen des Atomausstiegs hat der Konzern die Bundesregierung auf eine Entschädigung von 3,5 Milliarden Euro verklagt. Die "Vattenfall Lesetage" finden noch bis zum 25. April in Hamburg statt. Die "Lesen ohne Atomstrom"-Literaturtage laufen vom 22. bis 26. April. Und am Samstag gehen die "Hamburger Energie Wechsel-Lesetage" mit einer Lesung im Gängeviertel zu Ende.

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