Deniz Yücels Buch über seine Haft Man verbeugt sich nicht vor der Macht

Ein Mensch, der Freunde und Feinde mit seiner Konsequenz immer wieder an den Rand der Verzweiflung bringt: In "Agentterrorist" arbeitet Deniz Yücel seine Zeit im Gefängnis auf - und liefert eine präzise Analyse der Türkei.
Deniz Yücel im Mai 2019 nach einer Vernehmung in Istanbul

Deniz Yücel im Mai 2019 nach einer Vernehmung in Istanbul

Foto: Michael Kappeler/ DPA

"Die Katze! Die wollen die Katze abholen!" Sigmar Gabriel, damals noch Außenminister, rang am 16. Februar 2018 offenbar hörbar um Fassung, als er am Telefon erfuhr, dass der gerade aus dem Gefängnis entlassene Deniz Yücel erst einmal mitsamt Entourage zurück nach Istanbul fuhr - statt zum Flughafen, um die Türkei so schnell wie möglich zu verlassen.

Ein Jahr lang war Yücel inhaftiert. In seiner Wohnung angekommen, schenkte er eine Runde Whiskey aus und nahm ein Video auf: "So, wie meine Verhaftung nichts mit Recht, Gesetz, Rechtsstaatlichkeit zu tun hatte, hat auch meine Freilassung nichts mit alldem zu tun." Yücel wollte den Clip hochladen. Freunde sorgten dafür, dass das Statement erst veröffentlicht wurde, nachdem das Flugzeug nach Deutschland den türkischen Luftraum verlassen hatte.

Diese Szenen beschreibt Deniz Yücel selbst im Buch "Agentterrorist" über seine Haftzeit, das jetzt erscheint. Ein Eindruck, der nach dem Lesen bleibt, ist das Bild eines konsequenten Menschen, der Freunde, Verbündete und Gegner mit dieser Konsequenz immer wieder an den Rand der Verzweiflung bringt. Versteht man "Agentterrorist" als politische Ethik, kann man die 400 Seiten in einem Satz zusammenziehen: Man verbeugt sich nicht vor der Macht.

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Yücel, Deniz

Agentterrorist: Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Seitenzahl: 400
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09.12.2022 19.56 Uhr

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Und die Macht hat in diesem Fall aus allen Rohren gefeuert. Der Vorwurf der türkischen Regierung: Terrorpropaganda und Volksverhetzung. Erdogan bezeichnete Yücel medienwirksam als "Agentterrorist" und steuerte damit, ohne es zu ahnen, den Buchtitel bei. Zur Begründung diente unter anderem ein Interview, das Yücel als Türkei-Korrespondent der "Welt" mit dem PKK-Anführer Cemil Bayik geführt hat . Tatsächlich ist das Gespräch kritischer Journalismus im besten Sinne. Yücel gelingt es in seinen Artikeln, Reportagen und Kommentaren, politische Zusammenhänge und historische Hintergründe in wenigen, pointierten Sätzen zu entfalten.

Man lese etwa sein Stück über den Aufstieg Erdogans, das zuerst im Kursbuch erschien und während der Haft von der FAZ nachgedruckt wurde : eine Verbindung aus Analyse, Involviertheit bei gleichzeitiger Distanz und sprachlicher Präzision. Diese Klarheit bestimmt jetzt auch sein Schreiben über die eigene Situation. "Agentterrorist" rekonstruiert detailliert die politischen Konstellationen, Entscheidungen und Zufälle, die zu Yücels Verhaftung und der unerwartet langen Haftdauer geführt haben.

Yücel beginnt bald nach Beginn seiner einjährigen Untersuchungshaft im Februar 2017, Texte aus der Zelle nach draußen zu schmuggeln. Noch während seiner Inhaftierung erscheint das Buch "Wir sind ja nicht zum Spaß hier". Und er drängt mit Nachdruck darauf, die Bedingungen nicht nur der Haft, sondern auch seiner Freilassung mitzubestimmen. Für "schmutzige Deals" stünde er "nicht zur Verfügung", lässt er die Bundesregierung wissen. Wenn seine Haftentlassung mit Zusagen für deutsche Waffenlieferungen an die Türkei verbunden sein sollte, bleibe er lieber inhaftiert.

Eine präzise Beschreibung der politischen Lage

Diese Rigorosität scheint ihn am Laufen gehalten zu haben. "Ich habe den Kampfmodus auf die Höchststufe geschaltet. Keine Angst, keine Rücksicht." Rücksicht vielleicht nicht, Fairness aber doch: "Agentterrorist" dokumentiert auch den Dank an alle, die sich für ihn eingesetzt haben, bis hin zu Sigmar Gabriel und Angela Merkel.

"Agentterrorist" reicht weit über die Hafterfahrung seines Autors hinaus, und das nicht nur, weil Yücel ausgiebig über seine Mithäftlinge und weitere inhaftierte Journalistinnen und Journalisten schreibt. Spätestens auf halber Strecke entpuppt der Text sich als eine präzise Beschreibung der politischen Lage in der Türkei seit dem Beginn der Proteste im Gezi-Park 2013. Zudem reicht auch die Selbstanalyse von Yücel immer über die eigene Person hinaus.

Im Mai machte Yücel in einer schriftlichen Aussage zu seinem Strafprozess publik, er sei "drei Tage lang gefoltert" worden, "womöglich auf direkte Veranlassung" Präsident Erdogans. Es sei nicht die körperliche Gewalt an sich - "bei Polizeieinsätzen auf Demonstrationen, bei Prügeleien mit Neonazis oder simplen Kneipenschlägereien habe ich mehr Gewalt erfahren".

Aber die Schläge und Drohungen der Gefängniswärter seien etwas anderes: "Eine organisierte, auf Verletzung meiner Würde abzielende Gewalt, die mir verdeutlichen soll, dass ich meinen Peinigern völlig ausgeliefert bin." Deniz Yücel wurde gezwungen, sich zu verbeugen, dieser plot twist färbt rückwirkend die Souveränität und immer wieder aufblitzende Heiterkeit seines Buchs ein, ohne sie zu zerstören. Der Kampf gegen jede Form der Fremdbestimmung erscheint auf einmal in einem anderen Licht, nicht als heroisch, sondern als psychische Notwendigkeit: "All meine Kämpfe bestritt ich mit dem Ziel, diesen Moment ungeschehen zu machen."

"Agentterrorist" sei auch ein Versuch, "all das hinter mir zu lassen", schreibt Yücel. Das Buch erweckt den Eindruck, dass das gelungen sein könnte, in diesem Fall eben mit den Mitteln der journalistischen Aufarbeitung - so weit einem so etwas halt gelingen kann.

Wohl kaum ein politischer Häftling hat so viel Unterstützung aus fast allen politischen Lagern erfahren. Dazu kommen die zahllosen Soli-Veranstaltungen, Autokorsos und Lesungen, und die Präsenz der Freunde Yücels und seiner Frau Dilek Mayatürk-Yücel vor Ort. "Ich war in Isolationshaft. Aber ich war nie allein", schreibt er. Das ist dieses Buch eben auch, und nicht zuletzt: ein Lehrstück über die Macht der Solidarität.

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