Uderzo ist tot Das sind unsere liebsten "Asterix"-Momente

Aus Anlass des Todes von Albert Uderzo erinnern sich Mitarbeiter des SPIEGEL-Kulturressorts, wofür sie "Asterix" so sehr schätzen. Kleine Oden an große Nasen, machtlose Häuptlinge und ein Käsefondue.
Obelix, der kräftigste aller gallischen Krieger

Obelix, der kräftigste aller gallischen Krieger

Foto: Egmont Ehapa/ Les Éditions Albert René/ Goscinny & Uderzo

Einführung in das Wesen Europas

Foto: Egmont Ehapa/ Les Éditions Albert René/ Goscinny & Uderzo

Der feine Witz von René Goscinny kam erst durch die lustigen runden Figuren von Uderzo zum Leben und unter die Leute. Bis heute gibt es keine feinere Einführung in das Wesen Europas, seiner Bewohner und ihrer Marotten als die Alben von Asterix und Co. Aus ihnen spricht ein leicht ironischer Humanismus, der mit unglaublicher Mühe die Launen, Eigenheiten und Stimmungen noch der bescheidensten Nebenfiguren perfekt wiedergibt. Man lernt hier für das ganze Leben. Wer dachte nicht mal in einem Meeting an die Versammlung der Ärzte um das Bett des vergifteten Quästors aus "Asterix bei den Schweizern" - Ziel ihrer Besprechung war der sichere Tod des Patienten. Und wie kann man eine sich verbreitende schlechte Laune, eine Streit- und Zanksucht besser darstellen als mit den grünen Sprechblasen in "Streit um Asterix"? Auf der Welt liegt einiges im Argen, Asterix lehrte uns früh, die ganze Sache mit Humor zu betrachten. - Nils Minkmar

Idefix, die ausgelagerte Seele

Foto: Egmont Ehapa/ Les Éditions Albert René/ Goscinny & Uderzo

Als Kind habe ich unverhältnismäßig viel Zeit damit zugebracht, ergebnislos darüber nachzudenken, welcher Hunderasse Idefix angehören könnte, der kleine Begleitfussel von Obelix. Terrier-Schnauz, Stelzenmalteser oder geschrumpfter Kromfohrländer mit Anklebe-Schnurri und langgezogenen Ohren? Viel wichtiger war freilich die Bedeutung des kleinen Hündchens in Uderzos Gesamtwerk, und dazu hatte ich schon als Achtjährige einen vagen, unbewussten Verdacht: Für mich war das zarte Tierchen immer die ausgelagerte, ebenfalls zarte, aber trotzdem auch sture externe Seele von Obelix, dem Klopsmann, der die Highwaist-Hose erfand. Erst sehr viel später verstand ich, dass Idefix ein Wortspiel mit dem französischen"idée fixe" ist, fixe Idee also, eine Anspielung auf den Hundedickkopf. Was mir besonders gut gefällt, weil Hunde in meinem Leben genau das sind: ein unabschüttelbares Schnuffmotiv. - Anja Rützel

Die Nasen, diese Nasen

Foto: Egmont Ehapa/ Les Éditions Albert René/ Goscinny & Uderzo

Irgendwie logisch, dass ein Typ, der selbst eine Art Ballon im Gesicht trägt, der Sphinx in Ägypten die Nase entfernt. Gut, Obelix hatte es nicht absichtlich getan, sie war beim Klettern unter ihm einfach weggebrochen. Keine Ahnung, wieso. An seinem Gewicht kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Also vielleicht Nasen-Neid. Denn Obelix trägt selbst ebendiesen Ballon als Nase - ein für alle sichtbarer Beweis der Bruderschaft mit Asterix. Denn warum sonst hätte Uderzo, der Nasenkönig, den beiden Freunden exakt die gleiche Nase geben sollen? Uderzo verfügte über die enormste Nasenbandbreite aller Comic-Künstler: karottenförmige, rettichförmige, kartoffelförmige, eigentlich Gemüse aller Art hat er in Nasen verwandelt. Die lächerlichste Nase seiner Welt trug ausgerechnet Kleopatra. Die angebliche Schönheit ihrer Nase ist eine Art Weltmagnet des römischen Universums. Auch die Gallier sind ja völlig verzaubert.

Dabei ist sie nur ein fast unsichtbares, grotesk spitzes Dreieckchen. Kein Gemüse der Welt sieht so aus. Die hässlichste Nase hat der trinkfreudige Römer, dem Cäsar das gallische Dorf zum Geschenk macht. Eine Nase als Trinkergeschwür. Die Nase enthüllt den Charakter und die Getränke deines Lebens. Ausgerechnet dieses Nasenmonster wagt es, Asterix für seine Nase zu beschimpfen und nennt sie "dick". Worauf Asterix mit einer der schönsten Nasenverteidigungen der Weltliteratur pariert: "Mehr weißt du nicht, du Römerlein? Rühmst du sie schon und sprichst von ihr, dann nenn sie wenigstens Menhir, wenn nicht gar einen Hinkelstein!" Eine Welt ohne Uderzos Nasen wird sehr viel langweiliger riechen. - Volker Weidermann

 "Mjam! Schlabber!"

Foto: Egmont Ehapa/ Les Éditions Albert René/ Goscinny & Uderzo

Für mich ist der Anblick des mampfenden Obelix der Inbegriff irdischen Glücks. Der Unterschied zwischen Vielfraß und Genießer, zwischen Gourmand und Gourmet, lässt sich in vielen "Asterix"-Bänden perfekt an Obelix und seinen Freunden erklären. Meine Sympathie war immer auf der Seite des gierigen, mit einem Riesenhunger gesegneten Obelix, wobei der kräftigste aller gallischen Krieger ("Wer ist hier dick?") meistens in irrer Geschwindigkeit große Mengen von gebratenen Wildschweinen verzehrt. In "Asterix und Kleopatra" allerdings soll Obelix im Palast der ägyptischen Königin drei Stücke von einem prächtigen, mit Gift versetzten und dank eines Gegengifts unschädlichen Mandelkuchen abschneiden. Er zerteilt den Kuchen tatsächlich in drei Portionen.

Ein Zwölftel ist für Asterix, ein Zwölftel ist für Miraculix und das dritte, zehn Zwölftel große Stück ist für Obelix! "Geh, du Vielfraß!", schimpft Asterix, Obelix aber jubelt: "Schmatz! Mjam! Ich mag Mandeln!" Dann schreien sich die beiden Helden mit grandios hochrot gezeichneten Köpfen an. Immer motze Asterix an ihm herum, klagt Obelix. "Weil Herr Obelix sich in Gegenwart einer Königin nicht zu benehmen weiß!", zürnt Asterix. Beim obligatorischen Festessen an der stets kreisförmigen Tafel im gallischen Dorf am Schluss des Abenteuers sind die beiden natürlich längst wieder Freunde. Neben Asterix sitzt der nun fröhlich-gelassene Obelix vor einem abgenagten Wildschweingerippe, während zwei Träger schon den nächsten knusprigen Braten herbeischleppen. Beim Teutates, wie herrlich! - Wolfgang Höbel

Tennisplatzis, Held mit Dolmetscher

Foto: Egmont Ehapa/ Les Éditions Albert René/ Goscinny & Uderzo

Die Lieblingsfigur? Der Ägypter in "Asterix als Legionär", ganz klar. Zur Legion gerät dieser Tourist aus dem Orient, weil er sie für ein Ferienlager und Julius Cäsar für den "Alleinunterhalter" oder "Turnlehrer" hält. Nach seinem Namen gefragt, erscheint in der Sprechblase das Bild eines Tennisplatzes: "Courdeténis", heißt er fortan im Original. Der zeichnerische Geniestreich besteht darin, dass der Fremde die Sprache nicht versteht und nur in verballhornten "Hieroglyphen" redet - weshalb ihm ein Dolmetscher beigeordnet ist. Tennisplatzis ist ein kulturelles Missverständnis in einer polyglotten Welt, bleibt aber neugierig, duldsam und auf sanfte Weise verpeilt. Es ist komischste Figur im lustigsten Heft, vielleicht sogar im kompletten Kosmos von Uderzo und Goscinny. - Arno Frank

Schnäuzelchen und die Macht

Foto: Egmont Ehapa/ Les Éditions Albert René/ Goscinny & Uderzo

Klar, die aristokratische Poser-Erscheinung von Cäsar hat auch ihren Charme. Am schönsten mokierte sich Uderzo aber über einen anderen machtlosen Machthaber: Dorfhäuptling Majestix schwebt zwar meist über den anderen Galliern, weil er sich selbst beim jährlichen Waschgang in der Badewanne noch auf einem Schild tragen lässt, sein Körper (Kategorie: Hula-Hoop-Reifen bleibt auf Nabelhöhe feststecken) nimmt selbstverständlich Raum ein. Tatsächlich wird seine Autorität aber permanent untergraben: durch die anderen Gallier, die lieber schlemmen, statt zuzuhören, durch seine Frau Gutemine, die "Schnäuzelchen" rumkommandiert oder sich im Feminismus-Band "Asterix und Maestria" selbst zur Chefin krönt. Manchmal streiken auch die Schildträger von einem Moment auf den anderen oder verstehen zumindest gerne Anweisungen falsch. Uderzo zeichnete Majestix nach diesen Unfällen als unförmige Seekuh, die im Dorfsand gestrandet ist - ein Gefallener, der im Grunde seines Herzens weiß, dass er nie die Kontrolle hatte: "Ich fühl‘ mich so müde." Man will ihn trösten in solchen Momenten: Das wird schon wieder, Schnäuzelchen. - Eva Thöne

Eine gewisse Lässigkeit

Foto: Egmont Ehapa/ Les Éditions Albert René/ Goscinny & Uderzo

Wenn ich richtig mies drauf bin und die Dinge ganz und gar nicht so laufen, wie ich es mir wünsche, denke ich gern an das erste Bild in "Obelix GmbH & Co. KG", dem 23. "Asterix"-Heft, 1978 in deutscher Sprache erschienen. Sofort geht ein Lächeln über mein Gesicht, es ist wie ein bedingter Reflex. Auf dem Bild zu sehen sind verwahrloste, unrasierte Legionäre, die abhängen, sich dem Müßiggang hingeben und Cäsar einen guten Mann sein lassen. Dazu der großartige Satz: "Im befestigten Römerlager Babaorum herrscht eine gewisse Lässigkeit". Wunderbar, dieser komplette Mangel an Ehrgeiz, diese beneidenswerte Antriebslosigkeit, dieses Gefühl, dass es nichts Süßeres gibt als das Nichtstun. Da wird einem klar, dass man die Dinge - wenn möglich - von der leichten Seite nehmen sollte. - Lars-Olav Beier 

In den See! Mit einem Gewicht an den Füßen!

Foto: Egmont Ehapa/ Les Éditions Albert René/ Goscinny & Uderzo

Die Szene aus "Asterix bei den Schweizern" ist in den Alltagsschatz eingegangen, ein Meisterwerk der Eskalation. Zur Zerstreuung gibt es für den römischen Statthalter in Helvetien, Feistus Raclettus, keine Zirkusspiele - selbst die Tiere sind zu wohlgenährt. Stattdessen veranstaltet er eine Orgie. Fällt das Brot in den Käsetopf, gibt es eine Strafe: "Den Stock! Den Stock!". Zeichner Uderzo lässt ständig bärtige Schweizer an den Römern herumputzen, während diese sich zum Brottunken anstellen. "Die Peitsche! Die Peitsche!" Von Bild zu Bild sind die Orgienteilnehmer mehr verwickelt in die Käsefäden. Bald erkennt man nur noch den Versehrten auf dem Rollbrett, alle anderen sind eine einzige Käsepampe. Dann passiert es: "In den See! In den See mit einem Gewicht an den Füßen!" - Unsere ist sicher nicht die einzige Familie, in der kein Käsefondue-Essen ohne diesen Spruch auskommt. - Felix Bayer

BUMM… Hi! Hi! Hi!

Foto: Egmont Ehapa/ Les Éditions Albert René/ Goscinny & Uderzo

Mal ganz abgesehen vom inzwischen geflügelten Restaurantbestellspruch "Für mich bitte auch zwei" (Wildschweine, Obelix), bringt mich vor allem eine Szene immer wieder zum Kichern. Sie stammt aus Band 4, "Kampf der Häuptlinge" (1969), und zeigt die Meisterschaft des Zeichners Uderzo außer Rand und Band: Miraculix hat von Obelix aus Versehen einen Hinkelstein auf den Kopf gekriegt - und sein Gedächtnis verloren. Ausgerechnet jetzt aber wird dringend Zaubertrank benötigt. Sichtlich belustigt und schwer meschugge ("Hi! Hi! Hi! Das ist lustig, euer Spiel. Los, noch einmal!") wirft er also alle möglichen Zutaten wahllos in einen großen Suppenkessel nach dem anderen, die dann natürlich in schöner Regelmäßigkeit und lautmalerischem "BUMM!" in die Luft fliegen. Die pure Lust am Chaos auf einer einzigen Comic-Seite, die Frustration von Obelix, Asterix und Majestix, der irre, sich köstlich amüsierende Druide, der sonst immer so ernst sein musste… ach, herrlich. Los, noch einmal! BUMM! - Andreas Borcholte

Literatur unter der Bettdecke

In den frühen Achtzigerjahren gehörten Comics in bildungsbürgerlichen Haushalten noch nicht zum literarischen Kanon. Ich hatte also "Asterix & Obelix"-Verbot. Mit der für solche Erlasse vor allem bei Kindern üblichen Folge: Ich ging in die Illegalität und las die Abenteuer der Gallier heimlich unter der Bettdecke. Und entdeckte große Literatur! Oder was sonst sollen bitte Sprüche sein, die jeder kennt und die heute nicht weniger zum allgemeinen Sprachgebrauch gehören als Schillers "Drum prüfe, wer sich ewig bindet"? Einige kennt schließlich wirklich jeder: "Die spinnen, die Römer!" oder "Beim Teutates!". Im Zusammenspiel mit Uderzos Bildern wurde daraus wahrhaft bildende Kunst. Ich muss doch mal fragen, ob meine Eltern das inzwischen verstanden haben. - Oliver Kaever

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