Algerische Hilfssoldaten Für Frankreich gekämpft, die Heimat verloren

Drei Generationen, eine zeitlose Migrationserzählung: Alice Zeniter stellt mit "Die Kunst zu verlieren" die Geschichte der Harkis ins Licht. Jener Algerier, die für Frankreich kämpften und vergessen wurden.

Harki-Kompagnie paradiert (1957)
AFP

Harki-Kompagnie paradiert (1957)

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Es ist ausgerechnet eine Kneipe in der Provence, in der sich Ali zum ersten Mal seit Jahrzehnten erkannt fühlt. Vom Dorfpolizisten. Der deutet auf die "7 Kilo Buntmetall" an der Brust von Alis französischer Uniform und fragt nach einer der Medaillen. "Monte Cassino" - "Da war ich auch", sagt er und fällt Ali um den Hals.

Es ist das Jahr 1963, Ali ist seit einem Jahr in Frankreich. Er ist Franzose, geboren in Algerien, hat für Frankreich im Zweiten Weltkrieg gekämpft, ein Veteran mit Pensionsansprüchen. Das macht ihn zu einem von den "Harkis". Und die sind verschmäht, verfolgt, verstoßen.

Als der Unabhängigkeitskrieg 1962 nach acht blutigen Jahren vorbei war, flohen viele, die überlebt hatten, übers Mittelmeer in die Republik. Sie sind Fremde und keine zugleich, "Frankreich nennt sie gar nicht oder nur sehr selten". Selbst als Ali seine alte Uniform anlegt, um zu beweisen, dass er einer von ihnen ist, in der Dorfkneipe holprig ein Bier bestellt, ruft der Wirt den Polizisten. Doch der zollt mit einem Blick seiner Existenz und seiner Erinnerung jene Anerkennung, die Ali weder in Algerien zuvor noch in Frankreich je widerfuhr. Für diesen kurzen Moment ist seine Geschichte sichtbar. Eine Szene, die mehr über Verlorensein erzählt, als mancher Roman.

Bis etwa 50 Jahre später, Ali ist längst tot, seine Enkelin Naïma genau jene Geschichte erneut ins Licht stellt. Das ist, was Alice Zeniter, selbst Nachfahrin von Harkis, in ihrem vierten Roman "Die Kunst zu verlieren" aufs Trefflichste unternimmt: Sie erzählt eine Geschichte, die nicht erzählt wurde. Und lässt damit die Familie von Ali, seine Kinder und Enkel, Jahrzehnte nach der Migration endlich ankommen. Als sie selbst. Als Franzosen, die in ihr eigenes Land auswanderten, das nicht ihres war. Die noch auf kolonialen Karten lernten, "dass das Mittelmeer Frankreich durchquert wie die Seine Paris".

Alice Zeniter
Astrid di Crollalanza/ Flammarion/ Piper

Alice Zeniter

Auch wenn Zeniter, dafür ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt de Lycéens, über die Folgen von Frankreichs Kolonialerbe erzählt, so ist jede Geschichte über Flucht, Migration, Vertreibung ein Echo: wie zeitlos die Grausamkeiten sind, nicht anzukommen, in Lagern zu leben, nicht angenommen zu sein, wie Ali ohne "Anderswo, in das er zurückkehren könnte". Denn "[s]ie wollen ein ganzes Leben, kein Überleben." Und wie groß und schwer die Schwarzen Löcher sind, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Bis ein Mensch wie Naïma im 21. Jahrhundert in Paris sitzen und zu ihrer Liste aus Lebensängsten addieren: "Angst, für einen Terroristen gehalten zu werden." Im Kapitel "Paris, ein Fest fürs Leben", Hemingway-Zitat und Reverenz an die Terroranschläge zugleich.

Zeniter legt sich für ihren Roman eine augenscheinlich konservative Struktur zurecht - drei Teile, eine Generation nach der anderen: Ali, Grundbesitzer mit Olivenhainen in den Bergkämmen der Kabylen, mit anderen Veteranen Anisette nippend, bis die Nationale Befreiungsfront FLN auftaucht, über den Krieg bis zum Neuanfang 1962 der Familie in Provence und Normandie. Hamid, sein Ältester, der in den Ferien "Fünf Freunde" liest als "Gebrauchsanweisung für kleine blonde Kinder", der anfängt, Rassismus von Lehrern beim Namen zu nennen, nach dem Abi in Paris bleibt, eine weiße Französin heiratet. Und Naïma, seine Tochter, die mit Mitte 20 in einer Galerie arbeitet und sich eines Tages für eine Retrospektive eines algerischen Künstlers mit der Historie ihrer Familie konfrontiert sieht: Weil sie merkt, dass sie keine Ahnung hat - weder von der Familiengeschichte, noch von Algerien.

Sie ist die erste, die dorthin zurückkehrt. Keiner war je wieder dort. Aus dem "später, später", wurde ein stummes "Niemals", Harkis wurden weiter ermordet. Nur nach Marokko wagte sich eine Tochter, "wo sie sich an der Grenze gerieben hat wie eine alte Katze an einem Polstermöbel".

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Alice Zeniter:
Die Kunst zu verlieren

übersetzt von Hainer Kober

Berlin Verlag; 560 Seiten; 25 Euro

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In diese Dreiteilung lässt Zeniter immer wieder Naïmas Stimme auftauchen, und dann und wann ein überraschendes "Ich". Es sind diese Außenstimmen, die in die Erzählung fallen wie Zuckerkrümel in Tee. Sie halten die Geschichte zusammen und zugleich so offen wie nötig: Wer hier spricht, ob Naïma, eine unbestimmte Erzählerfigur oder Zeniter selbst, es ist unlösbar in Bewegung. Unfertig wie Erinnerung.

"Um dieses Land wirklich zu vergessen, hätte man ihm ein neues anbieten müssen", heißt es von Ali. In dieser universellen Geschichte steckt die Kraft, die es kostet, zu verlieren - und Respekt zu bewahren. Irgendwann nimmt Ali die Schublade mit seinen "sieben Kilo Buntmetall" und geht in die Küche. Er kippt sie in den Müll, auf die Kartoffelschalen.

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ulf.gollub 05.02.2019
1. "Jahrgang 1943" (e-book Amazon, Kindle Edition)
Die vaterlose Generation in Deutschland sollte sich auch zu Wort melden, wie sie die Traumata zu verarbeiten hatte. Ein Leben voller Ängste. Selbstbewußtsein ein Fremdwort. Teilweise von einer Ideologie zur nächsten.
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