Friedrich Ani versammelt seine Kommissare Avengers des Alltags

Der große Krimiautor Friedrich Ani wirkte zuletzt müde. Aber er schreibt weiter, und wie. In "All die unbewohnten Zimmer" lässt er waidwunde Helden auftreten, die um Haltung kämpfen - auch Tabor Süden ist wieder dabei.

Autor Friedrich Ani: Vom Täter keine Spur, Zeugen melden sich wenige
Uwe Zucchi/ DPA

Autor Friedrich Ani: Vom Täter keine Spur, Zeugen melden sich wenige


Friedrich Ani, neben Heinrich Steinfest der aktuell sprachmächtigste deutsche Krimiautor, schreibt Romane, die weit mehr erzählen als nur spannende Geschichten von Mord und Ermittlung. Weil Ani mit analytischer Schärfe bei gleichzeitiger Empathie den seelischen Verwüstungen hinter dem scheinbaren Funktionieren von Menschen im Alltäglichen nachspürt.

Vielleicht hatte Ani zu lange in verwundete Seelen geblickt, zu oft gesehen und beschrieben, wie eine Welt im Innersten zusammenfällt - das konnte vermuten, wer seine letzten Romane las, die so klangen wie ein langer Abschied vor dem großen Schlaf.

Die harte Rachefantasie "Nackter Mann, der brennt", die beiden Jakob-Franck-Fälle "Der namenlose Tag" und "Ermordung des Glücks", vor allem aber "Der Narr und seine Maschine" aus dem vergangenen Jahr, in dem Anis Privatermittler Tabor Süden seinen vermeintlich letzten Vermisstenfall lösen musste - in dem es ausgerechnet um einen ausgebrannten Krimischriftsteller ging -, bevor Süden am Münchner Hauptbahnhof in irgendeinen Zug steigen und der Welt verloren gegangen sein würde.

"Der Narr und seine Maschine", ein Roman, so still, dass die Worte keinen Klang mehr zu haben scheinen, war nun doch kein letzter literarischer Gruß: Friedrich Ani schreibt weiter - und wie er das tut!

Fast 500 Seiten lang ist sein neuer Roman "All die unbewohnten Zimmer", und wir treffen nicht nur Tabor Süden wieder (in einer Kneipe am Hauptbahnhof, wo sonst), sondern mit Polonius Fischer, dem Hauptkommissar, der früher einmal Mönch war, und Jakob Franck, dem pensionierten Leiter der Mordkommission, der von Gespenstern heimgesucht wird, zwei weitere Figuren aus dem komplexen Ani-Kosmos, der sich aus mehr als 30 Kriminalromanen, Lyrikbänden und zwei Dutzend Drehbüchern zusammensetzt. Gemeinsam mit Fariza Nasri, einer Polizistin, die aus der Verbannung in die Provinz zurück in die Hauptstadt kommt, bilden sie fast schon eine Gruppe von Superhelden, Avengers des Alltags sozusagen.

Sie alle werden in den Fall eines ermordeten Polizisten verwickelt. Mit einem Ziegelstein wird der junge Streifenpolizist erschlagen, nachdem er zwei vor dem Horror des Kriegs aus Aleppo geflüchtete Kinder verfolgt hatte, weil sie ein paar Äpfel gestohlen haben.

Vom Täter keine Spur, Zeugen melden sich wenige, ihre Aussagen sind unergiebig. Der Fall zieht weite Kreise, die Öffentlichkeit, vor allem die extreme Rechte, macht Druck, die Politik gibt diesen naturgemäß an die Polizisten weiter. Der Soko-Leiter muss gehen, wird durch Fischer ersetzt, dann stellt sich jemand, der behauptet, der Täter zu sein.

Goethestraße in München. Vom Leben angeschossen sind alle
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Goethestraße in München. Vom Leben angeschossen sind alle

Aussortierte Menschen, scheinbar nicht mehr gebraucht

Erst danach, auf den letzten 150 Seiten, wird "All die unbewohnten Zimmer" zu einem echten Polizeiroman, fügen sich die vielen Fragmente, die Ani zuvor - nur scheinbar willkürlich - verstreut, zu einer stringenten Erzählung. Lange umkreist Ani, der in diesem Jahr 60 wurde, seine alternden Figuren immer wieder aufs Neue: Findet immer neue Worte für ihre Verlorenheit. Zeigt, wie sie sich festhalten, am Alkohol zumeist, manchmal auch an anderen Menschen, um nicht vom Rand der Welt zu rutschen. Und er kommt ihnen dabei ganz nah, ohne je aufdringlich zu sein.

Preisabfragezeitpunkt:
17.06.2019, 10:50 Uhr
Ohne Gewähr

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Friedrich Ani
All die unbewohnten Zimmer

Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seiten:
494
Preis:
EUR 22,00

Vom Leben angeschossen sind sie alle, und Ani findet seine schönsten und treffendsten Worte, wenn er seine waidwunden Helden beschreibt, Tabor Süden vor allem, den Mann, der Vermisste finden konnte wie kein anderer, aber irgendwann sich selbst verloren ging: "In seinem unrasierten Gesicht las sie Spuren langer, kratziger Nächte; sein Gang schwerfällig, fast taumelnd; sein weites Hemd, das über den Hosenbund fiel, sollte vielleicht den Bauch kaschieren. (...…) Alles hatte sich verändert, hin zum Vergeblichen; alles verwandelt in ein oberirdisches Grab."

Anis Romane sind geformt aus Schmerz und Einsamkeit, und man kann sich in ihnen verlieren oder sich daran verletzen. Deshalb tut es gut, wenn er den Blick wieder erhebt über die unwohnlichen Wohnungen und die speckigen Bars und die kleinen Welten, die nur im eigenen Kopf existieren, und ihn auf die Welt richtet - auch wenn erschreckend ist, was es zu sehen gibt. Anis Roman macht spürbar, wie wichtig es gerade in würde- und haltlosen Zeiten ist, seine Würde und Haltung zu bewahren oder wiederzufinden.

Er erzählt von Zivilcourage und vom Scheitern, und vor allem von den Menschen, die aussortiert werden, weil sie alt sind und unzeitgemäß und scheinbar nicht mehr gebraucht werden. Menschen, die sich wehren oder resignieren, die darüber wütend werden oder sehr, sehr traurig. Ganz normale Menschen, die vielleicht anderen eine Hand reichen - und manchmal liegt ein Ziegelstein in dieser Hand.



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