Vater-Sohn-Roman von Georg M. Oswald Familienhölle im Tropenparadies

Clinch vor Tropenkulisse: Georg M. Oswald lässt in Afrika einen übermächtigen Vater mit dem Sohn kollidieren. "Alle, die du liebst" ist ein furioser Familienroman aus der Arschlochperspektive.

Junge Menschen zieht es in die Ferne. Oft aus Abenteuerlust, manchmal aus Familienfrust. Letzteres ist natürlich ein aussichtsloses Unterfangen. Denn egal, wie viele obskure Meere mit obskuren Airlines überquert werden, egal, was für ein Zeitzonenmarathon hingelegt wird - die Familie ist immer schon da. Klebt am Flüchtigen wie ein schweißnasses Hemd auf einer Marschwanderung durch einen Malariamücken-verseuchten Dschungel.

So geht es auch Vater und Sohn in dem neuen Roman von Georg M. Oswald, die nach Jahren des Sich-aus-dem-Weg-Gehens ausgerechnet auf einer dem afrikanischen Kontinent vorgelagerten, zum Teil islamisierten Tropeninsel in den erprobten Clinch gehen. Der Alte ist ein frisch geschiedener Selfmademan, der als Anwalt über wacklige Firmenkonstruktionen zwei, drei Millionen gemacht hat; der Junge drohte stets im übermächtigen Schatten des anderen einzugehen.

Ausgerechnet in den instabilen afrikanischen Verhältnissen versucht sich der Sohn als Unternehmer, irgendwas mit Immobilien. Papa möge doch bitte investieren, was dieser einst an Zuwendung vermissen lassen habe, könne er nun wiedergutmachen. Sofort tritt der alte Vater-Sohn-Zwist zutage - nur dass dieser zwischen Warlords und Strandbars, zwischen undurchschaubaren islamischem Regelwerk und gut gefüllten Gin-Tonic-Gläsern fatal auf die Spitze getrieben wird.

Entmachteter Patriarch

So süffig die Kulisse des Tropenparadieses, in das die Familienhölle einbricht, so subtil die Mechanismen der Entfremdung und Selbstentfremdung, die Georg M. Oswald in "Alle, die du liebst" beschreibt. Die Vater-Sohn-Aufstellung und die dort eingeschriebene Macht-und-Ohnmacht-Konstellation werden lakonisch aufgelöst: Vor dem Hintergrund eines sich ankündigenden Bürgerkriegs bricht der Familienhass auf - allerdings mit veränderten Positionen der Stärke und der Schwäche.

Georg M. Oswald

Georg M. Oswald

Foto: Peter von Felbert

Der Vater, der seine junge Freundin mitgebracht hat, geht in der unübersichtlichen ethnischen und politischen Gemengelage auf der Insel im Indischen Ozean alter Gewissheiten verlustig. Wissen, Schutz, Überlegenheit - das ganze Patriarchenprogramm stürzt in sich zusammen.

Der Sohn übernimmt die Führung, der sich der Vater unterwerfen muss, obwohl er gar nicht weiß, ob es der andere eigentlich gut mit ihm meint oder er ob da in einen perfiden Racheplan reingeraten ist. Der Alte könnte es dem Jungen ja nicht mal verdenken, wenn er auf diese Weise Genugtuung suchen würde - lichte Momente der Selbstkritik einer dunklen Seele.

Die bürgerkriegsartige Situation im Dritte-Welt-Land - das ist nur konsequent - bleibt im Diffusen, ein Hintergrundrauschen, das der Leser ebenso wenig durchdringt wie der Vater, der hier als Ich-Erzähler halb larmoyant, halb einsichtig das Familiendrama zu erklären versucht. Oswald ist ein Meister der Arschlochperspektive; seine Figuren sind moralisch nicht 1 a, ihnen liegt der Betrug ebenso wie der Selbstbetrug. Trotzdem bleibt man bei ihnen, weil man Spurenreste von Liebessehnsucht und Erkenntniswillen zu erkennen glaubt.

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Oswald, Georg M.

Alle, die du liebst: Roman

Verlag: Piper
Seitenzahl: 208
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So war es auch in einem von Oswalds besten Büchern, das schon im Titel an sein neues erinnert: In "Alles was zählt", im Jahr 2000 erschienen, erzählte der Autor von einem mäßig begabten Banker, der im Größenwahn unter die Räder gerät und dann, mit einem Aufblitzen der Selbsterkenntnis, auf einer letzten großen Tour durch die Casinos loswerden will, "was ich ohnehin nie besessen habe: eine Identität".

Der Vater in "Alle, die du liebst" könnte nun ein in die Jahre gekommener Wiedergänger dieses zahnlosen Finanzhais sein. Auch bei ihm liegen Aufstieg und Absturz dicht beieinander, auch er betrachtet den eigenen Verfall mit einer gewissen trockenen Genugtuung. Dass ihn die Frau nach der Scheidung ordentlich hat bluten lassen, findet er im Grunde gerecht, dass ihm die junge Geliebte von Bord zu gehen droht, ist für ihn absolut nachvollziehbar, und dass ihn der Junge für einen lieblosen Narziss hält - ja mei, Recht hat er ja irgendwie schon.

Der Alte grollt, mahnt und doziert und versucht vor seinen Nächsten noch im größten Chaos die Fassade des Checkers aufrechtzuerhalten - aus der Innenperspektive aber lässt Oswald beim Vater die Selbstzweifel an der eigenen Führungsrolle durchscheinen. Die Grenzsituation in Afrika verspricht ein Martyrium bereitzuhalten, durch das er erlöst aus dem seelischen und moralischen Bankrott hervorgehen könnte.

Vielleicht hilft's in diesem Fall ja ausnahmsweise doch, mit obskuren Airlines durch die Zeitzonen zu jagen und sich in unübersichtliche Konflikte zu schmeißen, um es endlich zum Schweigen zu bringen: dieses Ego, das viel zu lange, viel zu laut gewütet hat.

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