Allgäukrimi "Seegrund" Ein Kommissar haut auf die Pauke

Mit dem liebenswert altmodischen Kommissar Kluftinger haben Volker Klüpfel und Michael Kobr eine Kultfigur geschaffen, die mit knarzigem Charme knifflige Fälle in und um ihren Heimatort Altusried löst. "Seegrund", der neue Krimi, erobert nun die Bestsellerlisten.

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Vor vier Jahren ermittelte er zum ersten Mal und wurde zum Star wider Willen: Kriminalhauptkommissar Kluftinger, ein Mann für alle Fälle. Er lebt im schönen Altusried im Allgäu und arbeitet bei der Kripo Kempen, er hat es gern behaglich und muss sich doch regelmäßig mit Morden und Verbrechern herumschlagen "Milchgeld" heißt das erste Buch des Autorenduos Volker Klüpfel, 34, und Michael Kobr, 33, es hat sich bisher über 100.000 mal verkauft. "Erntedank", Kluftingers zweiter Fall, bringt es auf 45.000 verkaufte Exemplare und "Seegrund", das neuste Abenteuer des Allgäuer Helden, erschien Ende September und steht jetzt mit einer Auflage von knapp 40.000 auf den Bestsellerlisten.

Autorenduo Klüpfel, Kobr: Provinzportrait mit Schwung

Autorenduo Klüpfel, Kobr: Provinzportrait mit Schwung

Ein drittes Buch. "Hätts des wirklich braucht? So würde man bei uns im Allgäu fragen", sagt Autor Klüpfel im Münchner Presseclub. Die anschließende Lesung, die er mit seinem Schreib-Kollegen Kobr lakonisch, charmant und äußerst witzig darbietet, macht klar: Ja, des hatts braucht. Bis März nächsten Jahres sind die beiden Autoren für Lesungen gebucht, die Verehrung für ihren schrullig-eigenwilligen Helden geht mittlerweile über Allgäu, Bayern und Baden-Württemberg weit hinaus bis nach Hessen.

Der Krimi "Seegrund" erzählt eine verwickelte, mysteriöse Geschichte: Am Alatsee bei Füssen liegt ein Taucher tot in einer roten Flüssigkeit. Blut, wie Kommissar Kluftinger vermutet, doch die Dinge sind komplizierter: Die Leiche ist keine Leiche, das Blut ist kein Blut, sondern eine chemische Flüssigkeit, der Taucher hat im See getaucht, obwohl das streng verboten ist und dann gibt es da noch ein geheimnisvolles Zeichen im Schnee. Ein seltsamer Waldindianer zeigt sich bei der Vernehmung wenig kooperativ, er will seinen Namen nicht verraten. "Sie nennen mich "Der mit dem Wald lebt". Ich bin der örtliche Schamane", sagt er. "Jetzt passen Sie mal auf: Ich bin Kluftinger, Kriminalhauptkommissar, auch genannt 'Der sich nicht gern verarschen lässt'. Und jetzt hätte ich gern Ihren vollen Namen, klar?"

Kluftinger, den seine Kollegen gern "Klufti" rufen, mag esoterisches Gehabe nicht, er hat auch für Wichtigtuer und Anglizismen nichts übrig oder für Touristen, die auf Schloss Neuschwanstein einfallen. Großes Unbehagen bereiten ihm Technikspielereien bei Computern und Handys. Und so kämpft er nicht nur gegen das Verbrechen, sondern immer wieder auch gegen die Widrigkeiten der Moderne.

Klufti ist ein liebenswert altmodischer Held: robust an Magen und Gemüt, durch und durch bodenständig, einer, der seine Heimat liebt, doch alles Dumpf-Reaktionäre verabscheut.

Hinterwäldler mit kriminalistischem Spürsinn

Ein typischer Allgäuer? "Den typischen Allgäuer" gebe es nicht, erklären die Autoren, die demselben Milieu wie ihre Figuren entstammen. Klüpfel ist in Altusried aufgewachsen und arbeitet heute als Kulturredakteur der Memminger Zeitung, Kobr ist Realschullehrer für Deutsch und Französisch. Beide wohnen inzwischen in Memmingen, entwickeln ihre Plots gemeinsam, verteilen dann sämtliche Szenen, die jeder für sich schreibt und dann dem anderen zur Korrektur vorlegt. Dabei gibt es kein Pardon – man ist wechselseitig streng miteinander, bis sich alles flüssig liest.

Das Allgäu als Idylle mit vitalem Brauchtum, Vorurteile über Hinterwäldler - mit Klischees wollten sie spielen und den Gegensatz zwischen Tradition und Moderne zeigen, erklärt Kobr. Das geht besser mit einem Mann mittleren Alters, deshalb ist Klufti Mitte 50. Neben einem rasanten Plot ist den Autoren Lokalkolorit wichtig, ebenso wie eine genaue Darstellung von Kluftingers Privatleben. Ihr Kommissar solle keine pure Funktionsmaschine sein, deshalb werden seine Hobbys – er schlägt die Trommel im Altusrieder Musikverein – ebenso beschrieben wie seine Liebe zu Kässpatzen und Ehefrau Erika.

Die führt zu Hause ein energisches Regiment, sie managt alles, so sei das ja auch in der Regel, erklärt Klüpfel, jedenfalls hat er es so bei seiner Familie erlebt. Frauen hätten eben die größere Alltagsgewandtheit, deshalb ist Erika manchmal etwas dominant, doch verbindet die beiden eine herzliche, tiefe Zuneigung.

Treffsicher porträtieren Klüpfel und Kobr in ihren kriminalistischen Heimatromanen die Provinz und sind dabei mit viel frischem Schwung, Herzenswärme und Humor bei der Sache. Sie erzählen mit Detailreichtum, komödiantischem Überschwang, Intelligenz und Vitalität. Kluftinger löst seine Fälle mit Intuition und Grips, er mag für manche ein Provinztrottel sein, aber er lässt sich weder über den Tisch ziehen noch über den Haufen schießen.

Trotz des enormen Erfolges denken die Autoren nicht daran, ihren Erstberuf aufzugeben. "So wie es jetzt ist, ist das Schreiben für uns Luxus", erklären sie. "Wir können, aber wir müssen nicht."


Volker Klüpfl, Michael Kobr: "Seegrund. Kluftingers neuer Fall". Piper Verlag, 352 Seiten, 14.- Euro.



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