Neuer Allmen-Krimi von Martin Suter Spannend wie ein Reiher-Rezept

Am sechsten Band von Martin Suters Krimireihe um den High-Society-Ermittler Allmen ist nichts ambitioniert - außer den kulinarischen Referenzen. Gerade deshalb liest sich der Roman so entspannend.

Heino Ferch in dem ARD-Film "Allmen und das Geheimnis des rosa Diamanten"
ARD/ Hardy Brackmann

Heino Ferch in dem ARD-Film "Allmen und das Geheimnis des rosa Diamanten"


Manchmal hat man den Eindruck, Martin Suter denke bei seinen Allmen-Büchern die Verfilmungen bereits mit. Das Setting spricht schon einmal dafür. Diesmal geht Allmen auf Ibiza auf Verbrecherjagd. Weiße Häuser. Blauer Himmel, von dem eine unbarmherzige Sommersonne knallt. Ab und an ein Ausflug in die Disco. Am Ende fängt dann auch noch der Wald an zu brennen!

Gut kann man sich vorstellen, wie Heino Ferch, der schon dreimal für die ARD-Filmreihe den Züricher Detektiv gab, sich mit leichtem Weltschmerz im SUV durch die angeräucherte Szenerie kutschieren lässt, die Suter vermutlich aus dem Handgelenk zeichnen könnte: Er hat seinen Zweitwohnsitz auf der Baleareninsel. Vielleicht liegt darin auch der Grund, weshalb die Wegbeschreibungen und die der Verkehrssituationen - Achtung, gerade zwischen Flughafen und Ibiza-Stadt scheint es sich häufig zu stauen - bisweilen so protokollhaft sind, als müssten sie später noch als Belege für eine Spesenabrechnung dienen.

Martin Suter
Jens Schlueter/ Getty Images

Martin Suter

Martin Suter erfand die Figur Johann Friedrich von Allmen 2011. Seitdem dient sie als Mittelpunkt einer Krimireihe, die nach einem einfachen Prinzip funktioniert. Allmen wird in ein Habitat gesetzt, das früher einmal das seine war, er sich jetzt aber kaum mehr leisten kann - denn Allmen ist verarmt. Nicht aus einem schlimmen Schicksal heraus, sondern aus eigenem Unvermögen: Das beträchtliche Vermögen, das ihm sein Vater vererbte, brachte er rasch durch. Das Haus, die noble Villa Schwarzenbach, musste er verkaufen. Alles was ihm bleibt, ist ein Wohnrecht im schäbigen Gartenhaus der Villa und der treue Carlos, früher Diener, mittlerweile Partner. Doch Allmen ist ein Blender, hart an der Grenze zum Betrüger. Ebenso manieriert wie overdressed und in diffus angloamerikanischer Tradition ermittelt er trotz seiner eigenen Finanzprobleme ausschließlich inmitten der oberen Zehntausend.

Ein Koi namens "Boy"

In den bisher erschienenen fünf Bänden suchte Allmen, eigentlich auf die Wiederbeschaffung seltener Kunstwerke spezialisiert, allerhand. Von seltenen Jugendstilminiaturen bis zu einem USB-Stick mit einer wertvollen Finanzsoftware reichte die Bandbreite. Zwischendurch starb irgendjemand, und meistens geriet entweder Allmen oder Carlos oder dessen Freundin Maria ebenfalls in ernsthafte Gefahr.

"Allmen und der Koi" macht da keine Ausnahme. Ein amerikanischer Musikproduzent, gezeichnet von schwerer Krankheit, bittet den Detektiv auf die Insel. Ihm ist ein Koi-Karpfen gestohlen worden. "Boy" heißt der Fisch, der eines Morgens nicht mehr im Teich seine Runden drehte. Allmen und Carlos begeben sich also in die Karpfenszene der Stadt. Und weil es da durchaus Überschneidungen gibt, nehmen sie die High Society auch noch mit.

Preisabfragezeitpunkt:
26.09.2019, 13:35 Uhr
Ohne Gewähr

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Martin Suter
Allmen und der Koi

Verlag:
Diogenes
Seiten:
272
Preis:
EUR 22,00

Was dabei passiert, ist schnell erzählt: Carlos bekommt bei der Suche nach dem edlen Tier eins übergebraten. Ein alter Schulfreund von Allmen wird eher zufällig umgebracht. Außerdem in den Fall verstrickt: barbusige Skandinavierinnen (wie erwähnt, Suter scheint die Verfilmungen seiner Bücher mitzudenken). Ganz nackt hingegen ist die Gattin des Auftraggebers, die schon in der ersten Nacht unter Allmens Decke schlüpft.

Am Ende ist der Fisch wieder dort, wo er sein soll, der Mord aufgeklärt, und Allmen und Carlos sitzen im Flieger zurück in die Schweiz. Natürlich im Privatflugzeug, um präzise zu sein: in einer Dassault Falcon.

Viele finden die Geschichten rund um Allmen recht simpel, zumal gerade die frühen Romane Suters sich in durchaus kühnen Gedankenexperimenten ergingen - diese fehlen hier völlig. Die sehr deskriptive Sprache des Schweizers ist ebenso wenig jedermanns Fall. Auch in diesem Buch erklärt er dem Leser ziemlich genau, was gerade passiert, beschreibt jede Szenerie, jedes Wetter, jedes Kleidungsstück, jeden Drink, jede Speise.

Gastronomische Räuberpistolen

Vor allem die Kulinarik spielt im sechsten "Allmen" eine große Rolle: Es wird recht viel mariniert in diesem Buch, etwa Reis in Weißweinessig und Honig sowie Feigen in Olivenöl. Wenn da eine "gegrillte, mit Frigola gefüllte Zahnbrasse mit klassischem Paellafond und einem Sashimi aus hauchdünn geschnittenem Kürbis" gereicht wird, braucht man freilich gastronomische Sekundärliteratur, um zu verstehen, was genau da auf den Teller kommt.

Und spätestens wenn Suter einige Seiten weiter schreibt, dass man Fischreiher nur dann essen könne, wenn man sie vorher vier Tage lang in Mangosaft einlege, gelangt man zu der Erkenntnis: Suter kann das doch unmöglich ernst meinen.

Es ist eigentlich völlig egal, ob er das tut. Weil er es so unbekümmert erzählt, mit Leichtigkeit und im genau richtigen Tempo. Zwei, drei Stunden, und man ist mit einem Allmen-Krimi durch - und fühlte sich die meiste Zeit bestens unterhalten. So sieht man Suter solch gastronomische Räuberpistolen ebenso nach wie die Klischees, in die er bisweilen abdriftet - genau wie man seinem Helden die kleinen Gaunereien verzeiht. Es ist ungemein entspannend, diesen aus der Zeit gefallenen Mann, diesen windigen Kerl, der so sehr darum kämpft, oben mitzuspielen, in der Balearensonne herumermitteln zu sehen.

Und spannend ist es zumindest ein bisschen.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
ramuz 29.09.2019
1. Sie haben das Büchlein....
...nicht - zumindest: zuende - gelesen, lieber Rezensent: der Fisch ist keineswegs dort, wo er hingehört.... also, in Ihrem Sinne. In meinem Sinne schon eher...
Knossos 29.09.2019
2.
Zitat: "Am sechsten Band von Martin Suters Krimireihe um den High-Society-Ermittler Allmen ist nichts ambitioniert - außer den kulinarischen Referenzen. Gerade deshalb liest sich der Roman so entspannend." Herr Overbeck fehlte in der ehemaligen WDR-Redaktion. Dort flog einstige Lektorats-Chefin irgendwann auf, die Skripte abwimmeln ließ, um dann Spezis einschließlich eigenen Gattens unabhängig von Qualität der Plots Verfilmungen zuzuschanzen. Im Zuge dieses Konzepts lehnte ihre Assistentin ein über 300-seitiges Werk und dessen 4 oder 5 beiläufigen Tafelszenen mit der Begründung ab, darin würde ja unentwegt gespeist. Notorischen Klüngels schon bewußt, doch des speziellen noch unkundig, nahm es sich aus, als ob die Assistentin ob einer Eßstörung Aversion gegen kulinarische Anwandlungen hegte. Dabei können sie, wie von Herrn Overbeck angemerkt, entspannenden Zwischenstopp bieten.
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