Allround-Künstler Faldbakken Überdosis Menschenhass

Blut, Massaker, Vergewaltigungen: Der neue Roman "Unfun" des norwegischen Künstlers und Kultautors Matias Faldbakken verstört mit düsteren Gewaltszenarien. Warum denkt sich ein so netter Kerl so viel brutales Zeug aus? Gerald Traufetter hat den notorischen Provokateur in Oslo besucht.


In seinem Leben als Künstler hat Matias Faldbakken bislang keine Gelegenheit ausgelassen, dem Establishment vors Schienbein zu treten. Seine Romanhelden verbrennen Bücher, vergewaltigen kleine Mädchen und lieben Hitlers "Mein Kampf".

Die Protagonisten lassen ihr neugeborenes Kind töten, sie masturbieren mit Gurken im Rektum und wüten über die "Toleranzhölle" des westlichen Kulturbetriebes.

Autor Faldbakken: Literarischer Straßenkämpfer
Simon Skreddernes

Autor Faldbakken: Literarischer Straßenkämpfer

Und was hat der Provokateur dafür bislang geerntet? "Applaus", sagt der 35-Jährige resigniert.

Soeben ist ihm, dem Schriftsteller, Maler und Aktionskünstler, aber doch noch der lang ersehnte Widerstand entgegen geschlagen; und das, obwohl er es in diesem Fall gar nicht darauf angelegt hat.

Er wollte ein Auto ausbrennen lassen, für seine Ausstellung im Osloer Nationalmuseum für Kunst. Doch die Staatsmacht hat nein gesagt. "Die Umweltauflagen", sagt Faldbakken und wirkt ein bisschen genervt. Nur noch einen Monat bis zum Beginn der großen Werkschau, einen größeren Adelsschlag hat das norwegische Gemeinwesen nicht für einen jungen Künstler wie ihn zu bieten. Faldbakken steht inmitten seines 200 Quadratmeter großen Ateliers im Herzen der norwegischen Hauptstadt.

Es ist fast leer, die Kunstwerke sind schon alle weggebracht worden. Nur der Wagen hat noch nicht gebrannt, nicht mal ein bisschen gekokelt.

Konspirativ tippt er auf seinem iPhone herum; telefoniert, verschickt Mails. Er habe da einen alten Schulfreund in seiner Heimatstadt, mitten in der Wildnis. "Der ist bei der Feuerwehr", sagt er und grinst aus seinem kantigen Gesicht.

Bevor er zu seinem Gewährsmann aufbrechen wird, fliegt er noch kurz nach Deutschland; nach München, Köln und Berlin. Dort stellt Faldbakken von diesem Mittwoch an sein neuestes Buch vor. "Unfun" lautet der programmatische Titel und ist der letzte Teil einer Trilogie unter dem Namen "Skandinavische Misanthropie". Mit den ersten Büchern "The Cocka Hola Company" sowie "Macht und Rebel" hat er es auch in Deutschland zum Kultautor gebracht.

Über 50.000 Bücher sind davon verkauft worden. An der Berliner Volksbühne und dem Stuttgarter Staatstheater laufen Theaterfassungen seiner Werke. Eine, die in München an den Kammerspielen, inszeniert von der Hamburger Punk-Legende Schorsch Kamerun, lief über ein Jahr. Aus "Unfun", das soeben im Blumenbar Verlag erschienen ist, wird Faldbakken nicht selber lesen. Das mag er nicht. Stattdessen tragen Schauspieler die Szenen dieses düsteren Sittenspiels vor.

Die stets sich anschließende Diskussion wird oft zur Therapiestunde, denn die Zuschauer wollen ihre Beklemmung verarbeiten. Faldbakken weiß, dass manche Leute seine Bücher wegen der Überdosis Menschenhass weglegen. Diese Opfer nimmt er in Kauf. Denn: "Negativität ist mein künstlerischer Antrieb", sagt er, "und mein Lieblingswort lautet 'Nein'".

Seine Ausstellung in einer Londoner Galerie etwa zierte der betont an den Dadaismus angelehnte Spruch: "If Eskimos have two hundred ways to say 'snow', I have three million ways to say 'no!"

Von Gutmenschen vereinnahmt

Wenn Faldbakken nein sagt, dann geschieht das oft auf komische und bizarre Art. Fundamental-Humanisten würden es zynisch nennen. In "Unfun" lässt Faldbakken den "Gewaltintellektuellen" Slaktus auftreten, der sich die meiste Zeit an einem für Geistesmenschen gruseligen Ort aufhält, dem Fitness-Studio.

Seine furchterregenden Muskeln benutzt er vornehmlich dafür, seine Ex-Frau Lucy zu züchtigen und zu vergewaltigen. Mit seinem Gehirn ersinnt er das Drehbuch für einen kranken Slasher-Film, den er als Computerspiel realisiert. Der Inhalt gerät Slaktus ganz gemäß des Genres: Ein afrikanischer Einwanderer läuft, mit einer Steinsäge mordend, durch Paris. Zunächst sind es nur tote Schweine, die vor der Kamera zerlegt werden. Schließlich spritzen menschliches Blut und Fleisch.

Slaktus ist ein Freak, aber einer, der subversiv ist; ein Anführer der Konterrevolution. So wie im ersten Buch der Umstürzler ein Pornoproduzent ist, im zweiten ein Marketing-Manager, der seinen begeisterten Firmenkunden Produktnamen wie Gangbang einredet. Faldbakken geht es um die Unmöglichkeit, in der heutigen Zeit zu rebellieren, ohne nicht gleich vom Mainstream, von jenem Heer der Gutmenschen, vereinnahmt zu werden.

"In meinen Büchern nehme ich vorweg, was mir nach der Veröffentlichung selbst widerfährt", sagt Faldbakken. Bei Bret Easton Ellis muckten wenigstens noch ein paar Frauenrechtlerinnen auf. Ihn hat die toleranzverliebte Mehrheitskultur mit Haut und Haaren absorbiert.

Liegt es daran, dass er so gut aussieht, so nordisch und nett, bubenhaft und unschuldig? Er provoziere nicht nur um des Provozierens willen, verteidigt er sich. "Hinter vielen Sachen, die einfach nur geschmacklos wirken, verbirgt sich mehr", sagt Faldbakken und wirft sich eine Barbourjacke über seinen schwarzen Kapuzenpulli. Er macht sich auf zu seinem Galeristen, letzte Dinge für die große Ausstellung regeln.

Geschmacklos, aber rebellisch

In "Unfun" spricht Lucy, die Ex-Frau von Slaktus auf einer tristen Fährfahrt von Kiel nach Oslo eine Frau an. Faldbakken führt den Leser hinters Licht. Der denkt zu diesem Zeitpunkt noch, Lucy sei ein Mann, während sie an der Bar eine Frau anspricht. Dabei räsoniert sie darüber, dass Frauen schon deshalb immer die Unterlegenen sein werden, weil sie beim Geschlechtsverkehr penetriert werden und deshalb nie die Kontrolle über ihren eigenen Körper haben werden. Wer jetzt an Sexismus denkt, ist Faldbakken auf den Leim gegangen. In Wahrheit sind das fast wörtliche Zitate der Radikalfeministin Andrea Dworkin. "Die hab ich ratzfatz gegoogelt", sagt Faldbakken gänzlich unprätentiös.

Aus völlig irrationalen Gründen lassen Lucy und Slaktus das letzte ihrer Drillinge kurz nach der Geburt töten. "Mir ging es dabei um die Willkürlichkeit, mit der unsere Gesellschaft bei Abtreibungen den Tötungszeitpunkt festlegt", räsoniert Faldbakken. Den Gedanken hat er im Buch recycelt. Er findet sich in einer Theateradaption von Henrik Ibsens "Nora oder Ein Puppenheim" wieder, die Faldbakken für das Nationaltheater Oslo geschrieben hat.

Seine Freunde necken ihn gerne. Er werde älter und werde aufhören mit seinen Geschmacklosigkeiten. Das jedenfalls prophezeiten sie ihm, als sie ihn im Kreißsaal sahen, wie er die Fahnen zu "Macht und Rebel" Korrektur las. "Ich kann das trennen, mein Schreiben und mein privates Leben, das doch so angenehm und komfortabel ist", sagt er.

Faldbakken kommt am Königspalast vorbei, wo gerade die Wachgarde an schwitzenden Schneehaufen entlangstolziert. Es ist ein grauer Spätwintertag. Das propere Hauptstädtchen als Kulisse für das Sodom und Gomorrha seiner Bücher scheint verwegen, das gibt auch Faldbakken zu. "Wo kann man denn noch sein Laptop im Café lassen und zum Kiosk gehen, um sich Zigaretten zu kaufen?", fragt der Autor.

Doch auch dieses Idyll zeigt Abnutzungserscheinungen. In der Straße, in die er einbiegt und an deren Ende seine Galerie liegt, nimmt die Dichte jener gesprayten Zeichen zu, mit denen Jugendliche heutzutage ihre Reviere markieren: Tags.

Auch wenn mittlerweile jeder zweite Jeanshersteller die Graffiti als optische Vorlage seiner Werbekampagnen hernimmt, liebt Faldbakken sie. Das scheint sich auch auf seinen sechsjährigen Sohn übertragen zu haben. "Er fragt mich, was die Leute denn dagegen haben", sagt Faldbakken. Dann hält er ihm Vorträge über den Unterschied zwischen privatem und öffentlichen Besitz, darüber, dass Firmen Geld bezahlen, damit sie ihre Botschaften auf Werbetafeln ausstellen dürfen.

Er halte es bei ihm wie in seinen Büchern. "Ich lasse den moralischen Zeigefinger in der Tasche." Sein Sohn müsse schon selber nachdenken und herausfinden, was richtig und was falsch ist. Und wenn Faldbakken für die liberalen Erziehungsmethoden zahlen muss, etwa die Reinigung eines Gebäudes, dann wolle er das gerne tun, sagt er.

Genug Geld hat er mit seinem literarischen Straßenkampf ja schon verdient.


Matias Faldbakken: "Unfun", Blumenbar Verlag, 265 Seiten, 19,90 Euro

Lesereise:
München: Mittwoch, 22. 04., 20 Uhr, Kunstverein, www.kunstverein-muenchen.de

Köln: Donnerstag, 23. 04., 20.30 Uhr, King Georg Klubbar, www.kinggeorg.de
Berlin: Freitag, 24. 04., 20.30 Uhr, General Public, www.generalpublic.de
Hamburg : Donnerstag, 18. 06. literatur altonale, Haus 73



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