Reizvolles Debüt Allein das Rauchen wirkt schon geheimnisvoll

Beziehungsstatus: kompliziert. Ally Kleins Debütroman "Carter" erzählt von einer verhängnisvollen Begegnung, einem Sadomaso-Intermezzo, von inneren Tumulten. Da geraten Sprache wie Gedanken ins Wirbeln.

Es gibt Bücher, die in einem den Atem nehmen, die jeden Muskel in höchste Anspannung versetzen, die förmlich Besitz ergreifen. Ally Kleins Debütroman "Carter" ist zweifelsohne einer dieser aufwühlenden Texte. Risiken und Nebenwirkungen sind nicht nur zu befürchten, sondern gewollt! Dies mag weniger mit der Handlung als mit der sprachlichen Komposition zu tun haben.

Die Handlung nämlich ist schnell erzählt: Ein anonymes, weibliches Ich zieht nachts durch die Straßen, wo es auf die geheimnisvolle Titelfigur trifft. Allein deren Weise zu rauchen lässt den Leser an zwielichtige Schönheiten des französischen Films denken. Von Anfang an deutet sich daher zwischen den beiden eine verhängnisvolle Beziehung an. Zwischen Anziehung und Abstoßung, verbunden mit Exzessen und wahnhaften Episoden, steuern die beiden erwartbarerweise auf ein zerstörerisches Ende zu. Die Erzählerin landet zuletzt in der Psychiatrie; Carter, eine so geisterhafte wie androgyne Erscheinung, verschwindet genauso rasch, wie sie aus dem Nichts kam.

Ally Klein

Ally Klein

Foto: Pezhman Zahed

Will man den Plot auf eine treffende Formel bringen, so könnte man von einem Adoleszenzroman mit komplizierten Charakteren sprechen - nicht weiter aufregend, würde die 1984 geborene Berliner Autorin ihr Werk nicht als einen Rausch aus Bildern und Empfindungen verfasst haben.

Die Worte wuchern, Sätze arten zu Kaskaden von Eindrücken aus. Ein Hafen entpuppt sich beispielsweise während eines Streifzuges des Ich als konzertantes Klanggewirr: "Rostige Metallkolosse mit wuchtigen Gliedern waren eingerastet, schwiegen sich aus, aber dann flüsterte es aus der Ferne hervor, raunte, dann grölte hervor, gehäufter, misstöniger Chor aus Stimmen, gleich nach dem Fabrikgerippe, das sich langsam lichtete, wurden die Stimmen zu Körpern, der Chor zur Menge, hinter dem letzten Stahlbrummer standen sie, schwenkten ihre Arme, als scheuchten sie sich gegenseitig fort, brüllten sich an, spritzten sich dabei Mundstaub in die Gesichter". Die Dinge erweisen sich als Akteure. Die Beobachterin scheint ihnen gegenüber völlig passiv, geradezu ohnmächtig zu sein.

Das Alltägliche kippt ins Unheimliche

Denn was hier noch als poetische Virtuosität gelesen werden kann, nimmt mehr und mehr pathologische Züge an. Carters Aura und ein selbstzerstörerischer Geselle namens Kaan, mit dem die Erzählerin überdies noch ein sadomasochistisches Intermezzo hat, lassen letztere in einen haltlosen Wahn abgleiten.

Indem Klein ihre Antiheldin zum Ende hin immer wieder Fieberschübe durchleiden lässt, schwindet aufseiten des Lesers die Gewissheit über Realität und Fiktion. Die Wahrnehmungen des Ich sind von Alpträumen überlagert. Vor unseren Augen spielen sich sämtliche emotionale Dramen ab, "innere Tumulte" und Fantasmagorien beherrschen den Text. Zahllos sind die Hinweise auf den Identitätsverlust der Frau, die sich als unzuverlässige Erzählerin zu erkennen gibt.

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Klein, Ally

Carter: Roman

Verlag: Droschl, M
Seitenzahl: 208
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Man kann nicht bestreiten, dass Kleins Spracheifer und Fabulierlust eine überwältigende Wirkung entfalten. Man kann ebenso wenig die Genauigkeit ihrer Beschreibungen leugnen, die nicht selten zu einem Kippen des Alltäglichen ins Unheimliche führt. Gleichwohl ist jedem Experiment die Möglichkeit seines Scheiterns eingeschrieben.

Bereits in der Jury des Bachmannpreises, der Ally Klein einen Romanauszug vorlas, sorgte "Carter" für Kontroversen. Beklagt wurden teils unausgegorene Wendungen wie "Vakuum der Nässe" oder die schleifenartigen Selbst- und Raumbeschreibungen des Ich. Schiefe Bilder und Redundanzen lassen sich allerdings durch dessen Krankheitsbild erklären.

Schwerer wiegt hingegen die Überkonstruiertheit des Romans. Kleins Hang zur Ästhetisierung, zur Reihung nicht endender Assoziationsketten und Bildsequenzen zeigen (bei aller Sympathie für ihren Mut zur Unkonventionalität), warum weniger manchmal mehr sein kann. Vielleicht braucht dieses Buch aber genau jene kritischen Resonanzen? Denn was wäre schon eine Avantgarde, die keine Skepsis hervorriefe?

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