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Amazon: "Anfang eines Monopols"

Foto: David Ryder/ AFP

Amazon gegen Verlage Bücherkrieg in Amerika

Amazon kontrolliert fast die Hälfte des US-Buchmarkts, Schriftsteller sprechen von einem Monopol. Doch dem Online-Konzern ist das nicht genug: Mit fiesen Methoden geht er gegen Traditionsverlage vor.

James Patterson ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Welt. Er produziert Bestseller am Fließband, dieses Jahr tragen bereits 16 Titel seinen Namen, meist mit Co-Autoren oder, etwa bei seiner populären Alex-Cross-Krimiserie, als Alleinverfasser. Seit 1976 hat er so mehr als 300 Millionen Bücher verkauft. 

Trotz seiner althergebrachten "Airport-Literatur" ist Patterson ein Pionier. Er hat die digitalen Umwälzungen erkannt und nutzt sie, statt sie zu fürchten. Zugleich engagiert er sich für die, die dabei unter die Räder geraten. So spendete er eine Million Dollar aus seinem Privatvermögen an Hunderte kleine Buchläden.

Jetzt aber ist Patterson der Kragen geplatzt.

"Es ist eine nationale Tragödie", schimpfte er bei einer Preisrede auf der größten US-Buchmesse BookExpo America in New York. "Wenn das der neue American Way sein soll, dann muss er vielleicht geändert werden, per Gesetz, wenn nötig sofort, wenn nicht früher."

Die "nationale Tragödie", die er beschwor, hat einen Namen: Amazon. "Hallo, ich bin Jeff Bezos", begann Patterson seine Rede, in Anspielung auf Amazons Gründer und Vorstandschef. Der "durchgedrehte" Online-Händler, donnerte er, führe einen "Wirtschaftskrieg" gegen die Verleger - und Buchläden, Büchereien, ja sogar "die Bücher selbst" gerieten dabei "ins Kreuzfeuer".

Vier von zehn Bestsellern betroffen

Anlass für Pattersons Tirade sind der gnadenlose Vormarsch und die rabiaten Methoden Amazons. Das Unternehmen kontrolliert Schätzungen zufolge fast die Hälfte des US-Buchmarkts. Langsam müsse Washington "eingreifen", fordert Patterson: "Das klingt nach dem Anfang eines Monopols."

Im Mittelpunkt der Kontroverse - und stellvertretend für die restliche Branche, der das noch droht - steht Pattersons Hausverlag Hachette. Der ist in einen bitteren Vertrags- und Preiskrieg mit Amazon verstrickt. Dabei geht es vor allem um die Preisgestaltung von E-Books.

Amazon will einen Präzedenzfall schaffen: Als Druckmittel verweigert der Konzern Vorbestellungen für rund 5000 neue Hachette-Titel, verzögert die Auslieferung um Wochen und streicht Rabatte - katastrophale Strafaktionen für Verlag wie Autoren. "Wir sind nicht optimistisch, dass sich das in Kürze lösen lässt", erklärte der Konzern.

Damit eckt Amazon nicht nur in den USA an. Auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels reichte jetzt Beschwerde ein, und zwar beim Bundeskartellamt: Amazons "erpresserisches Vorgehen gegenüber Verlagen" verstoße gegen das Kartellrecht.

Hier gehe es "um die Zukunft des ganzen Verlagswesens", schreibt Jeremy Greenfield, Chef der Plattform "Digital Book World", auf seinem Blog. Hachette ist kein Kleinverlag. Er gehört zum französischen Medienkonglomerat Lagardère, das voriges Jahr fast zehn Milliarden Dollar umsetzte. Das ist immer noch viel weniger als die 74,5 Milliarden Dollar, die Amazon 2013 einfuhr. Doch wie die "New York Times" meldet , plant Hachette in der Auseinandersetzung mit Amazon einen gewichtigen Zukauf: Er übernimmt die Verlage der Perseus Book Group, eine US-amerikanische Mediengruppe mit Sachbuchschwerpunkt, die zu den zehn größten Publikumsverlagen des Landes zählt.

Neben Patterson verlegt Hachette zahllose weitere Starautoren: Harry-Potter-Schöpferin J. K. Rowling, Stephenie Meyer ("Twilight"), David Foster Wallace, J. D. Salinger. Vier der zehn Top-Titel auf der "New York Times"-Bestsellerliste kommen von Hachette.

"Das killt mich"

Rowlings neuer Roman "The Silkworm", verfasst unter dem Pseudonym Robert Galbraith, erschien Mitte Juni. Er ließ sich aber via Amazon nicht vorbestellen - und hat auch jetzt noch "zwei bis vier Wochen" Lieferzeit.

Doch mehr als die reichen Promi-Schriftsteller trifft der Streit Jung- und Erstlingsautoren: Die müssen um jedes verkauftes Exemplar zittern.

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Konzernzentrale in Seattle: Amazons unscheinbares Hauptquartier

Foto: Matthias Kremp

Man sei ihr "in den Rücken gefallen", klagte die Kalifornierin Shauna Miller, deren Stilfibel "Penny Chic" im September bei Hachette herauskommt, auf CNN. In der Tat verschwand der Vorbestell-Button, jetzt steht da nur noch: "Zurzeit nicht verfügbar." Miller fürchtet, dass ihr Amazon alle Chancen raubt, mit dem Buch Fuß zu fassen: "Das killt mich."

"Komm schon, Amazon, gib' einem Trottel eine Chance", schreibt David Shafer, dessen erster Roman "Whiskey Tango Foxtrot" ebenfalls bei Amazon auf Eis liegt, auf der Website "Daily Beast". "Es gibt viele wie mich, die jahrelange Mühe in ein einziges Werk gesteckt haben."

Doch auch Amazon steht unter Druck: Die Wall Street sitzt dem Unternehmen im Nacken. Mit der gleichen Taktik geht es denn auch gegen das US-Filmstudio Warner Brothers vor.

Vor allem aber zeigt der Hachette-Streit, welche zentrale Rolle E-Books für das Überleben der Branche haben. Das unterstrich jetzt auch ein außergerichtlich beigelegtes Verfahren gegen Apple und fünf Verlage, denen das US-Justizministerium vorwarf, Preisabsprachen getroffen zu haben.

Einer dieser Verlage: Hachette.