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15. August 2014, 07:05 Uhr

Rebellion gegen Amazon

Die Autoren schreien - und wir sollten zuhören

Ein Kommentar von Thomas Andre

Amazon soll kein Monopolist werden? Dagegen hilft vor allem eins: Einfach mal wieder in den Buchladen um die Ecke gehen. Dort gibt es keine Algorithmen, aber echte Menschen.

Nach den angloamerikanischen melden sich jetzt auch die deutschsprachigen Autoren: Mehr als hundert von ihnen haben einen offenen Brief an den Amazon-Boss Jeff Bezos unterzeichnet. Sie werfen Amazon vor, Verlagen, Autoren und damit letztlich auch den Kunden mit einer aggressiven Preispolitik zu schaden. Bezos ist im Augenblick einer der wohl umstrittensten Unternehmer des Planeten - zumindest in der Literaturbranche.

Eine Monopolstellung des Beinahe-Alleskönners Amazon, der gleichzeitig Bücher publiziert und verkauft, hätte tatsächlich verheerende Folgen für die Bedingungen, unter denen Bücher geschrieben werden. Wenn Amazon erst einmal die Preise diktiert, bestimmt es damit indirekt die Verträge, die Autoren und Verlage schließen. Und weniger Geld für Bücher bedeutet am Ende wohl auch weniger Geld für Autoren. Denn wenn Amazon diese Autoren erst einmal mit Traumkonditionen zu sich gelockt und damit die Verlage ausgeschaltet hat, werden die Honorare schon bald nicht mehr so traumhaft sein.

Eigentlich will kein Autor Amazon abschaffen

Die Autoren sind übrigens in einer unangenehmen Situation, weil sie ja eigentlich gerne die Dienste von Amazon in Anspruch nehmen. Es soll sogar Autoren geben, die ihren Tag damit verbringen, regelmäßig ihren aktualisierten Verkaufsrang zu checken. Und selbst wenn in Deutschland nicht so viele Bücher wie in Amerika über Amazon verkauft werden und auch der Anteil der E-Books bedeutend geringer ist: Geshoppt wird heute eben auch in Digitalien und nicht nur im Laden um die Ecke. Mal ganz abgesehen von den ländlichen Regionen, in denen es gar keine Buchläden gibt. Mit Ausnahme der ganz Radikalen will daher keiner der protestierenden Dichter und Denker Amazon abschaffen.

Als Verkaufsfläche können und wollen sie auf Amazon also nicht verzichten, und ein glatter Sieg in dem oft als "Bücherkrieg" bezeichneten Streit ist auch nicht drin - weder für Verlage noch für Autoren. Denn es ist der Markt, der entscheidet, und ganz am Ende vielleicht das Kartellamt. Was bringt der Protest dann überhaupt?

Jede moderne Buchhandlung hat einen Online-Shop

Er bringt: ganz schön viel. Es ist die erste Liga der Autoren, die sich zu Wort meldet - wenn Stephen King, Paul Auster und Elfriede Jelinek sich in offenen Briefen beschweren, dann sorgt das für Aufmerksamkeit. Der Protest lenkt den Blick der Kunden - unser aller Blick - also auf die Methoden des Konzernriesen. Und damit letztlich auch auf unser Konsumverhalten. Denn wir haben es selbst in der Hand, wie groß Amazon noch wird. Wir müssen ja nicht jedes Buch bei Amazon bestellen. Man kann heute in jeder modernen Buchhandlung E-Books kaufen, weil jede moderne Buchhandlung einen Onlineshop hat. In Deutschland kosten Romane und Sachbücher dank Buchpreisbindung ja bis auf Weiteres auch überall das gleiche.

Und außerdem darf man als Käufer ja auch ein wenig romantisch sein. In der guten, alten Buchhandlung riecht es förmlich nach Literatur, und man kann, eine erwiesene Tatsache, sogar in den Büchern blättern, bevor man sie kauft. Man kann sich auch vom Buchhändler des Vertrauens beraten lassen - ein unschlagbares Vergnügen (meistens) und ein klein bisschen persönlicher als die eiskalten und streberhaften Fingerzeige der Algorithmen.

Wenn der Protest der Schriftsteller also hilft, dass künftig weniger Amazon-Empfehlungen verschickt werden - wunderbar. Was weiß die Maschine denn schon von guter Literatur?

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