"American Spy" von Lauren Wilkinson Die Spionin, die den Revolutionär liebte

Der Roman "American Spy" von Lauren Wilkinson schildert furios die Abenteuer einer schwarzen CIA-Agentin in den Achtzigerjahren - und dichtet ihr eine Romanze mit einem afrikanischen Politiker an.
Halsbrecherische Vermischung von Fiktion und Geschichte: Schriftstellerin Wilkinson

Halsbrecherische Vermischung von Fiktion und Geschichte: Schriftstellerin Wilkinson

Foto: Niqui Carter/ Klett-Cotta

Sie heißen Helene und Marie Mitchell, sie wachsen auf im New Yorker Stadtteil Queens und träumen beide von Karrieren in geheimer Mission. "Denkst du echt, dass die CIA ein schwarzes Mädchen aus Queens als Agentin einstellt?", fragt ein höhnischer afroamerikanischer Nachbarsjunge Helene, die ältere der beiden Schwestern, zu Beginn der Siebzigerjahre, als sie gerade 18 ist. Auch die zwei Jahre jüngere Marie grübelt über den Ehrgeiz der großen Schwester: "Da setzte sie einfach so ihr Leben aufs Spiel - und wofür? Für irgendeinen dämlichen, unrealistischen Kindheitstraum?"

"American Spy" heißt der Roman der afroamerikanischen Autorin Lauren Wilkinson, den ein Team von gleich vier Übersetzerinnen in ein meist kühles, geradliniges Deutsch übersetzt hat. Das Buch beginnt spektakulär mit einem nächtlichen Duell im Jahr 1992. Irgendwo in der idyllischen Einöde des US-Bundesstaats Connecticut dringt ein Killer in das Haus ein, das die erwachsene Marie Mitchell mit ihren beiden kleinen Söhnen bewohnt - und Marie selbst erzählt, wie sie den Kerl zur Strecke bringt. Der Roman ist abgefasst in Form eines langen Bekennerbriefs, den Maries Kinder im Fall ihres Ablebens lesen sollen. Er erzählt in penibel konstruierten Zeitsprüngen eine geradezu klassische Agentenstory. Zugleich aber berichtet er davon, wie schwer es schwarze Menschen, insbesondere Frauen, über viele Jahrzehnte hinweg im US-amerikanischen Geheimdienstgeschäft hatten.

"Spionage ist ein Mikrokosmos der Welt", hat der Schriftsteller John Le Carré behauptet. Die Autorin Wilkinson, 36, die unter anderem als Literaturdozentin an der New Yorker Columbia Universität arbeitet, hat ihren in den USA hochgelobten Debütroman als Panorama einer von Rassismus geprägten Gesellschaft angelegt. Die Heldin und ihre Schwester wachsen in Queens bei ihrem Vater auf, einem Polizisten; seine Arbeit wird beschrieben als "guter Mittelschichtjob für einen Schwarzen, der gerade aus der Air Force nach Hause gekommen war". Die Mutter der Mädchen macht sich bald davon und zieht zurück nach Martinique, auf die Insel ihrer Vorfahren; sie hält es in New York nicht aus, wo sie in jungen Jahren von Verwandten genötigt worden war, ihre Herkunft zu verleugnen und sich als Weiße auszugeben.

Die eine geht zum Militär, die andere zum FBI

"Sie zog von einer Wohnung in die nächste, immer in Vierteln, wo Schwarze eigentlich nicht geduldet wurden, und sammelte dabei Informationen über die Welt der Weißen", heißt es über diese Mutter und deren Undercover-Erfahrungen - so legt Wilkinson nahe, dass die beiden Töchter in gewisser Weise milieubedingt vom Agentinnen-Metier angezogen sind. Helene verpflichtete sich jedenfalls Anfang der Siebzigerjahre beim Militär, muss nach Vietnam und kommt nach ihrer Heimkehr bei einem Unfall in den USA zu Tode. Marie beginnt beim FBI, wo ihr der Arbeitsalltag nach ein paar Jahren "jegliche romantisierten Illusionen über Spione" ausgetrieben hat, wie es im Buch heißt. Doch dann erhält die Heldin ziemlich unverhofft die Chance auf eine CIA-Mission in Afrika.

Im Frühjahr des Jahres 1987 wird die Agentin Mitchell in New York auf einen prominenten afrikanischen Politiker angesetzt, der eine Rede vor der Uno-Vollversammlung hält. Bald folgt sie ihm in sein Heimatland, notdürftig getarnt als Mitarbeiterin einer humanitären Hilfsorganisation. Das Zielobjekt ist ein Mann, den es wirklich gab, den "Che Guevara Afrikas". Thomas Sankara war vier Jahre lang der marxistische Staatspräsident des Landes Obervolta, das er umbenannte in Burkina Faso, was soviel heißt wie "Land der aufrichtigen Menschen". Sankara holte mehr Frauen in Regierungsämter als jeder andere afrikanische Staatslenker zuvor. Er erklärte den Kampf gegen den Hunger und den Aufbau eines Gesundheitssystems zu zentralen Zielen seiner Politik. Und er verkündete, die Dritte Welt werde ihr Schulden an die reichen Länder der Erde nicht zurückzahlen. Im Oktober 1987 wurde er ermordet. "Er hatte Charisma, war ein ausgezeichneter Redner, spielte Gitarre in einer Jazzband", liest man in Wilkinsons Buch.

"Er hatte Charisma": Politiker Sankara

"Er hatte Charisma": Politiker Sankara

Foto: Dominique Faget/ AFP

"American Spy" ist ein cleveres, höchst unterhaltsames Genrespiel aus Familienstory, Diskriminierungsdrama, Agententhriller und manchmal auch bravem Geschichtsunterricht. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama hat das Buch 2019 auf seine Liste von "Summer Readings" gesetzt. "Sämtliche Ereignisse und Dialoge sowie alle Figuren mit Ausnahme berühmter historischer Persönlichkeiten entspringen der Fantasie der Autorin", heißt es im Prolog. Natürlich ist es ein halsbrecherischer Einfall der Autorin Wilkinson, ihre Agentin Marie - zunächst im Auftrag der CIA und dann aus schierer Verliebtheit - mit einer Person der Weltgeschichte ins Bett zu schicken. "Er küsste mich, sanft und zurückhaltend, doch am Druck seines Körpers erkannte ich das Verlangen, das dahinterlag", berichtet Marie von einem Moment der Annäherung, gleich darauf fragt der eben noch brünstige Mann ernüchtert: "Wer in meiner Regierung arbeitet für euch?"

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Titel: American Spy: Thriller
Herausgeber: Tropen
Seitenzahl: 368
Autorin: Lauren Wilkinson
Übersetzt von: Jenny Merling, Anne Emmert und Katrin Harlaß
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Es ist vermutlich ein Glück für die Leserinnen und Leser, dass der Roman sich für die Details der Affäre zwischen der Agentin Mitchell und dem Politiker Sankara dann doch nur wenig interessiert. Wilkinsons Thema sind die moralischen Zweifel ihrer Heldin, die sich irgendwann als Verräterin erkennt - an einer politischen Mission, die sie unterstützenswert findet, und an dem Mann, den sie begehrt. Dessen Ermordung kann sie nicht verhindern. Aber sie trifft eine Entscheidung, die sie in Gefahr bringt und zum rigorosen Handeln zwingt. Als Motto hat Wilkinson ihrem Roman ein Zitat aus einem Klassiker der afroamerikanischen Literatur (aus Ralph Ellisons "Der unsichtbare Mann") vorangestellt, das die "Weiterführung des guten Kampfes" fordert. Ein Krimi, der sich als Aufruf zum Engagement für eine bessere Weltordnung begreift - "American Spy" ist ein verblüffender, toller Kraftakt.

Lauren Wilkinson: "American Spy". Aus dem amerikanischen Englisch von Jenny Merling, Antje Althans, Anne Emmert und Katrin Harlaß; 352 Seiten, 16 Euro.

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