Buch über Kolonialismus Horrorkabinette der Ausbeutung

Sinthujan Varatharajah schreibt in einem neuen Buch über Flucht und die Spuren des Kolonialismus, die unseren Alltag bis heute durchziehen. Das ist poetisch – geht aber nicht immer auf.
Sinthujan Varatharajah: »Sich innerhalb von imperialen Sprachen imperialen Logiken verweigern«

Sinthujan Varatharajah: »Sich innerhalb von imperialen Sprachen imperialen Logiken verweigern«

Foto: Lilian Scarlet Löwenbrück / hanserblau

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In einem alten Fotoalbum fand Sinthujan Varatharajah ein vom eigenen Vater aufgenommenes Bild. Es zeigt eine Szene aus dem Elefantenhaus des Münchner Tierparks Hellabrunn Anfang der Neunzigerjahre: Drei Tiere stehen auf dem strohbedeckten Boden. Etwas Grün leuchtet durch eine türgroße Öffnung des Geheges rechts im Bild, links unten lässt sich die Silhouette der Mutter erahnen.

Aufnahme aus dem Münchner Tierpark Hellabrunn, die Sinthujan Varatharajah inspirierte

Aufnahme aus dem Münchner Tierpark Hellabrunn, die Sinthujan Varatharajah inspirierte

Foto: Sinthujan Varatharajah / hanserblau

»Plötzlich bewegt sich etwas. Nicht etwa auf dem Bild, das auf glänzendem Papier gedruckt in meinen Händen lag, und auch nicht in dem Raum, den ich in diesem Bild erblicke, sondern in mir«, schreibt Varatharajah über die Wirkung des wiederentdeckten Bildes.

Anhand von privaten Fotos erzählt Varatharajah in dem neuen Buch »an alle orte, die hinter uns liegen« auf gut 350 Seiten von der Flucht seiner*ihrer Familie und entwirft damit zugleich eine Historie des Kolonialismus. Es ist ein ungewöhnlicher Band, eine Mischung aus Memoir, politischem Essay und Chronik – von den Raubzügen der teilweise bis heute »Entdecker« genannten bis ins Deutschland der Gegenwart.

Varatharajah lebt heute in Berlin, ist Wssenschaftler*in und Autor*in. Einer breiteren Öffentlichkeit ist Varatharajah vor allem durch eine komplizierte Kontroverse um einen Berliner Buchladen und deutsche Erinnerungskultur bekannt, in der sie*er den Deutschen einen »Nazi-Hintergrund« als Gegenpol zum »Migrationshintergrund« attestierte.  

Varatharajahs Familie floh Mitte der Achtzigerjahre vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka nach Bayern, die Regierung vollzog zu dieser Zeit einen Völkermord an der tamilischen Minderheit, der die Familie angehört. In Deutschland, wo Varatharajah geboren wurde, gelangte die Familie in Sicherheit, musste jedoch jahrelang eingeschränkt im Asylsystem der Bundesrepublik leben.

Einzig die Fotografien der Kamera des Vaters verliehen dem tristen Alltag »eine materielle Erinnerungsform, die den rechtlichen Schwebezustand des Asyls überdauerte«, wie Varatharajah schreibt. In der Hand der Kolonialisten sei die Kamera hingegen »zu einer Waffe umfunktioniert, die ähnlich wie Gewehre, Bibeln und Karten der Europäer*innen zu reisen begann und gegen die Interessen von kolonialisierten Menschen verwendet wurde«.

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Sinthujan Varatharajah

An alle orte, die hinter uns liegen

Verlag: Hanser
Seitenzahl: 352
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Preisabfragezeitpunkt

07.12.2022 08.35 Uhr

Keine Gewähr

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Mit Unterstützung historischer Sekundärliteratur und anhand der eigenen Fluchtgeschichte lenkt Varatharajah den Blick assoziativ auf Institutionen und öffentliche Einrichtungen. Die Weltausstellungen etwa begreift er als Horrorkabinette der Ausbeutung, die im 19. Jahrhundert aufkommenden Gewächshäuser als künstliche Horte für tropische Pflanzen.

Und: Varatharajah setzt auch ganz direkt sprachliche Signale. Begrifflichkeiten, »die einer kolonialistischen Logik oder Namensgebung entspringen«, wie es in einem Begleitschreiben des Verlags Hanserblau heißt, sind durchgehend kursiv gehalten. Das erklärte Ziel: »sich innerhalb von imperialen Sprachen imperialen Logiken zu verweigern.« Konkret betrifft diese Verweigerung Daten und Jahreszahlen nach dem gregorianischen Kalender ebenso wie Himmelsrichtungen, das metrische System, geografische Bezeichnungen oder von Europäern ausgerufene Epochenbezeichnungen.

Umgekehrt heißt ein Erdteil plötzlich unkommentiert und nicht kursiv Abya Yalas. Diese Irritationen funktionieren oft gut, als Leser bemerkt man plötzlich die eigene Ignoranz, recherchiert und findet heraus, dass es sich bei Abya Yalas um einen Namen für den vorkolonialen und erst Jahrhunderte später willkürlich nach einem italienischen Seefahrer benannten amerikanischen Kontinent handelt. Es wird aber auch klar: Im Akt dieses Rückgängigmachens von Sprache propagiert Varatharajah klar eine eigene Weltsicht. Gleichzeitig gerät das Prinzip deshalb an Grenzen oder stellt Zusammenhänge her, die man so nicht stehen lassen mag.

Dass Varatharajah auch den Staat Israel zu den schräg geneigten, also einer kolonialistischen Logik und Namensgebung entsprungenen Begriffen zählt, ist keine Überraschung. Erst gerade wurde in Deutschland im Zuge des Documenta-Skandals  über Antisemitismus diskutiert. Die Frage, wann Israelkritik in Antisemitismus kippt und ob das auch damit zusammenhängt, wer sich äußert, spaltet an vielen Stellen auch eine alte Linke von einer jungen, migrations- und identitätspolitisch bewegten – zu der Varatharajah gehört.

Im Juni endete ein von Varatharajah mitorganisiertes Panel über die »Dynamiken der globalen Rechten« in einer Reihe von Absagen – inklusive der von Varatharajah selbst –, nachdem der von ihr*ihm eingeladene palästinensische Aktivist Mohammed El-Kurd vom Hamburger Goethe-Institut wieder ausgeladen worden war. Laut Goethe-Institut hatte El-Kurd im Netz damals »mehrere Kommentare zu Israel gemacht, die das Goethe-Institut nicht akzeptabel findet«. Sinthujan Varatharajahs Verlag Hanserblau distanziert sich auf Nachfrage von der Kursivschreibung Israels. »Die Aussagen unserer Autor*innen geben deren Meinungen oder Einschätzungen wieder, nicht die des Verlags«, heißt es in einer knappen schriftlichen Stellungnahme.

Kein Sprachexperiment

Am schwächsten ist Varatharajahs Essay aber sowieso an den Stellen, an denen er seine*ihre eigenen allgemeinen Analysen der Welt und Geschichte ausbreitet, wohl auch, weil der Text so hoch ambitioniert wirkt. In Teilen liest sich »an alle orte, die hinter uns liegen« wie ein klassischer akademischer Aufsatz – was im Anbetracht des Wetterns gegen die westliche, wissenschaftliche Nomenklatur von Flora und Fauna verwundert. Vor allem das Kapitel über die Luftfahrt holt zu weit aus und verliert sich mal in Details, mal in Allgemeinwissen über militärische Geschichtsschreibung.

Und am stärksten ist das Buch, wenn Varatharajah die eigene Erfahrung poetisch aufarbeitet: »Ich denke an meine Familie und meine vielen Verwandten, die den Kolonialismus auf ihren Körpern tragen, deren Körper man* wie eine Landschaft abtragen kann, von ihrer tiefbraunen Haut bis in die Organe, um Schicht für Schicht, Organ für Organ, tiefer in den Schmerz der sogenannten Geschichte einzutauchen.« Es gibt Stellen, da gelingt der Spagat zwischen dem persönlichen Schmerz und den niederschmetternden Fakten über den Kolonialismus und seinen Auswirkungen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Texts wurde Sinthujan Varatharajah ein Auftritt beim Bachmannpreis 2014 zugeschrieben. Tatsächlich trat dort Varatharajahs Bruder Senthuran Varatharajah auf. Zudem wurde Varatharajah in Deutschland geboren, nicht in Sri Lanka. Wir haben die Fehler korrigiert.

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