Anatole und Bliss Broyard Zweierlei Tanz

Ein Kritiker erinnert sich an die Jugend, seine Tochter erinnert sich an ihn. Der Berlin Verlag veröffentlicht zeitgleich die Memoiren des amerikanischen Literaturkritikers und "New York Times"-Herausgebers Anatole Broyard und die Erzählungen seiner Tochter Bliss.
Von Dorothee Tackmann

Berlin - Was kommt heraus, wenn Frauen ihre Schriftsteller-Väter literarisch verwerten? Der Bachmann-Preis: Er ging an Alissa Walser für ihre Erzählung "Geschenkt", in der eine junge Frau mit ihrem Vater (dem nicht genannten Martin Walser) telefoniert: "Ich hatte Angst, er könnte wichsen." Oder ein "Eckermann": So sehen die Herausgeber der Schriften Erika Manns die Tochter von Thomas Mann. Oder ein Krankenbericht: Vor ein paar Monaten "enthüllte" die Tochter von J. D. Salinger das Leiden unter ihrem Vater ("Dream Catcher: A Memoir").

Dagegen wirkt Bliss Broyards Erzählband "Mein Vater, tanzend" sanft und nüchtern. Um so stürmischer fallen die posthum veröffentlichten Memoiren ihres Vaters mit dem Titel "Verrückt nach Kafka" aus.

Anatole Broyard (1920 bis 1990) war Kritiker und Herausgeber der "New York Times". Er sagte einmal: "Zu den Paradoxien der amerikanischen Literatur gehört, dass unsere Schriftsteller mit Liebe und Nostalgie auf Leben zurückblicken, die sie gar nicht schnell genug hinter sich lassen konnten." Warum er seine Erinnerungen eine Liebeserklärung nennt, bleibt ein Widerspruch, denn sein Leben war eher eine Hassliebe. Als selbsternannter "Insider unter lauter Außenseitern" strebte er verzweifelt danach "zeitgemäß" zu sein, ohne dabei die Bodenhaftung zu verlieren.

Für ihn waren die bildungshungrigen Jahre 1946/47 "die große Zeit" für Greenwich Village. Dass jene Jahre schon mit den "Müllkastenmalern" und Autoren wie Eugene O'Neill vor dem Ersten Weltkrieges begannen, ist dabei unwichtig. Für Anatole Broyard war es "die" Zeit, eingeteilt in die Liebesbeziehung zu einer Malerin und das Leben danach. Damals studierte er an der "New School" und eröffnete einen Buchladen.

"Bücher waren unser Wetter, unsere Kleidung." Alle machten sich ständig Notizen, alles war hip: "Auf die New School ging man wie auf eine Party." Kunst galt dort "als Wahrheit über das Leben". Die abstrakte Kunst überschattete aber die Liebe. Sex mit seiner Maler-Freundin Sheri "bestand aus einem Schauer von Hypothesen". Diese Frau war "ein Ganztagsjob" und "Apostel" von Anaïs Nin, die bereits "für ihr Denkmal Modell" stand. Seinen deutschen Professoren wie Rudolf Arnheim kreidet Broyard an, "ganz gewöhnliche Erkenntnisse zur Philosophie zu erheben". Und die Psychoanalyse hatte "New York besetzt wie ein deutscher Marshall-Plan". Der Rat seines jüdischen Freundes: "Hau' die Kafkas in die Kischkas."

Bei Broyard sind alle Intellektuellen groteske Figuren. Ein Umstand, der vielleicht erklärt, warum Broyard nicht Schriftsteller, sondern Kritiker wurde. Denn zur Romanfigur machten ihn andere. William Gaddis verewigte Broyard, damals als größter Schürzenjäger im Village berüchtigt, in seinem Roman "Die Fälschung der Welt" in dem Journalisten Anatole. Auch Sheri, die niemand anderes als die Modernisten-Muse Sheri Martinelli (1918 bis 1996) ist, spielt hier eine Hauptrolle. Um sie kämpfte Gaddis damals - mit Broyard.

"Verrückt nach Kafka" hat - abgesehen von dem einseitigen Nachwort, das Broyards Erinnerungen vor allem als die Negation seiner schwarzen Vorfahren interpretiert - nur einen Fehler: Es ist viel zu kurz. Broyard brach 1988 die Arbeit daran ab, um sich in dem Buch "Intoxicated by My Illness" mit seiner Krebserkrankung auseinander zu setzen. "Verrückt nach Kafka" ist dazu der Gegenpol, die glänzend formulierte, sehr geistreiche und ironische Überhöhung seiner Jugendzeit. "Wenn ich glücklich war, stimmten meine Rhythmen, dann tanzte alles."

Auf der Tanzfläche erfahren auch Vater und Tochter "mehr übereinander als in jedem Gespräch". So startet Bliss Broyard die erste ihrer acht fiktiven Erzählungen. Wenn sich die junge Kate über ihren sterbenden Vater beugt, sucht sie "nach der winzigsten Regung, irgendetwas, das mir sagen würde, was ich ihm bedeute."

Der Vater ist immer der Spiegel. Die jeweiligen Freunde und Eroberungen der jungen Frauen wirken gegenüber den intellektuellen und erfolgreichen Vätern blass. Schließlich sind sie nur "Ersatz".

Am besten sind Bliss Broyards Geschichten, wenn sie aus offensichtlich eigener Anschauung schöpft. In "Die Sache mit Mr. Leopold" verzweifelt eine Schülerin daran, eine Filmkritik für die Schule zu schreiben: "Mein Kopf war viel zu sehr damit beschäftigt, mich zu einem Leben als Versager zu verdammen, dessen Anfang diese Arbeit darstellte." Als sie ihren Schriftsteller-Vater um Hilfe bittet, entreißt er ihr das Blatt mit den Worten, "dass keines seiner Kinder einen solchen Müll abliefern würde." Später will er gegen den Lehrer seiner Tochter vorgehen, weil die besagte Filmkritik nur mit einer drei plus bewertet wurde.

Ein anderes Mal stellt eine Studentin ihren Vater zur Rede, nachdem sie ihn morgens mit seiner Geliebten erwischt hat. Insgeheim sucht sie aber die Antwort darauf, warum ihr neuer Liebhaber sich nicht mehr meldet.

Es ist ein ständiges, stilles Kräftemessen. Dezent - in den kleinen Gesten, ohne große Emotion - durchleuchtet Bliss Broyard jene schützenden und schädlichen Bande, die Töchter an ihre Väter fesseln. Mit Staunen und erstaunlicher Balance erobert sie das Terrain, das ihr Vater voller Spott verließ.

Anatole Broyard: "Verrückt nach Kafka. Erinnerungen an Greenwich Village" (Berlin Verlag 2001); 189 Seiten. 36 Mark

Bliss Broyard: "Mein Vater tanzend - Erzählungen" (Berlin Verlag 2001); 256 Seiten, 38 Mark

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