Andor Endre Gelléris "Die Großwäscherei" Arbeit macht uns kaputt

Der Ungar Andor Endre Gelléri beschreibt, wie Arbeitsverhältnisse den modernen Menschen bedrängen. Eine Wiederentdeckung aus dem Jahr 1931, brutal aktuell.

Andor Endre Gelléri
Guggolz Verlag

Andor Endre Gelléri


Es sind gnadenlose erste Seiten, mit denen der ungarische Autor Andor Endre Gelléri seinen ersten und einzigen Roman eröffnet. Tiere, Waren, Dinge, Maschinen und Menschen, Leben und Tod, alles drängt sich aneinander, dreht sich umeinander. Alles verklumpt zu einem schwitzenden, stampfenden, lärmenden, zischelnden Organismus, zu einer Menschmaschine, die wie zum Selbstzweck produziert und konsumiert.

Alles ist gleich in dieser ersten Szene aus Gellèris Roman "Die Großwäscherei". Der Mensch, das Tier, die Maschine, die Ware. Gleich sinnlos, gleich unwichtig. Alles und jeder ist austauschbar, in dieser Welt aus Angebot und Nachfrage.

In die graue, dunstverhangene Trostlosigkeit der Großwäscherei Phönix setzt Gelléri seine Figuren. Novák, der nach unten tretend, nach oben buckelnd, versucht, Karriere zu machen. Den Färber Angelov, der, von einem Freund Novák ausgebootet, zum gleichen Lohn die Arbeit von zweien macht. Oder den Besitzer der Wäscherei, der Phönix zwar besitzt, aber selbst nur Jenö Taube heißt und sich in Sex, Standesdünkel und Trunkenheit mehr und mehr abhanden kommt.

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  • Andor Endre Gellèri:
    Die Großwäscherei

    Vorwort und Übersetzung aus dem Ungarischen von Timea Tankó.

    Guggolz Verlag; 221 Seiten; 22 Euro.

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So wird der Roman zu einer Studie darüber, wie Arbeitsverhältnisse den Menschen bedrängen, deformieren und seinen Charakter verderben, bis er weitgehend entmenschlicht nur noch den Ansprüchen des Kapitals genügt. Das Leben, das sich die Protagonisten eigentlich mit ihrer Arbeit erkaufen wollten, bleibt derweil ein ferner Traum.

In Zeiten von Ich-AG, Home-Office und Burn-Out ist dieses Buch so brutal aktuell, dass man sich wünschte, Autoren der Gegenwart verhandelten dieses Thema mit der gleichen poetischen, klugen und unbarmherzigen Deutlichkeit. Gellèri selbst schrieb dieses wütende Buch bereits 1931. 1962 erschien es in der DDR erstmals auf Deutsch. Nun hat es der Guggolz-Verlag in einer kraftvollen Neuübersetzung von Timea Tankó herausgebracht - er schenkt den Lesern damit einen Roman, der in Sprache und Thema nichts von seiner Bedeutung und Kraft verloren hat.

Hinweis: Liebe Leserinnen und Leser, der Betreiber des Guggolz Verlags ist ein guter Freund. Das war zugegebenermaßen der Grund, warum ich dieses Buch gelesen habe. Es ist aber nicht der Grund, warum es für mich eine der besten Veröffentlichungen des Jahres ist. Benjamin Maack

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