Andreas Maiers "Mein Jahr ohne Udo Jürgens" Freiheit und Liebe, das ist unser Ziel

Mit "Merci Chérie"-Exegese und jeder Menge kluger Gedanken: Das Schlagerbuch des Schriftstellers Andreas Maier.

Autor Andreas Maier: "Die Udo-Jürgens-Kultur steht für nichts"
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Autor Andreas Maier: "Die Udo-Jürgens-Kultur steht für nichts"


Die Kulturkritik fasst den Mainstream meist nur mit spitzen Fingern an, wirft ihn weg, wie es symbolisch Denis Scheck zu tun pflegt. Oder arbeitet sich bestenfalls an ihm als Phänomen ab. Im englischsprachigen Pop-Bereich sorgte deshalb vor ein paar Jahren Carl Wilsons "Reise ans Ende des Geschmacks" für Aufsehen, eine kluge Analyse des Schaffens von Céline Dion.

Aus unerwarteter Ecke kommt nun eine Art deutsche Entsprechung: Der Schriftsteller Andreas Maier hat sich von der Arbeit am Romanzyklus "Ortsumgehung" über seine Wetterauer Heimat ablenken lassen und im Suhrkamp-Blog über sein Verhältnis zu Udo Jürgens geschrieben - mit Bonuskapiteln nun als Buch erhältlich. Udo Jürgens' Musik sei "vollendeter Mainstream" sagt Maier und beschreibt die U-Bahn-Fahrt zum Udo-Jürgens-Konzert, auf der er versucht, die Udo-Fans zu identifizieren. Aber: "nichts, nur das allgemeine Fahrpublikum". An der Station Festhalle/Messe dann allerdings "stiegen alle aus, der komplette Zug." Die Udo-Jürgens-Kultur stehe für nichts, so Maier: "Sie führt höchstens zu einer erhöhten Koitalquote."

Auf seine in Frankfurter Apfelweinwirtschaften geschulte, zur Abschweifung neigende Art und Weise erfüllt Andreas Maier am Beispiel Udo Jürgens die These des Pop-Theoretikers Diedrich Diederichsen, wonach der Hörer mindestens so großen Anteil an dem habe, was Pop-Musik ist, wie der Musiker selbst. Bei Maier klingt das so: "Was Udo Jürgens ist, war, wie er wirkte und als was er (und für was er) dasteht, das können wir nur in uns wiederfinden, den Lesern dieser Erzählung Udo Jürgens'. (…)Wir müssen diese Erzählung erst konstruieren. Wir müssen über Udo Jürgens ins Erzählen kommen, um ihn zur Erzählung zu machen."

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Und also redet Maier, fragt Menschen, wie es für sie war, als Udo Jürgens am 21. Dezember 2014 starb, und erzählt davon, wie er selbst dank einer Lehrerin aus dem Gießener Raum den Sänger zu schätzen lernte. Sein etwas plätschernd wirkender Ton kann darüber hinwegtäuschen, wie vielgestaltig er sich mit seinem Thema (und sich selbst) befasst hat. Besonders gut ist er im Vergleichen.

Als ihm kurz der Gedanke kommt, dass Udo Jürgens Selbstmord begangen haben könnte, findet er, das würde die ganze Karriere umdeuten: "Es ist wie mit Zinédine Zidanes Kopfstoß". Ausführlich ist seine "Merci Chérie"-Exegese, und zum Schluss findet er sogar "die Summe aller Worte", den prototypischen Udo-Jürgens-Text: "MEIN ZIEL - Kann nur Freiheit und Liebe sein."

Im SPIEGEL sagt Maier, sein Verlag fürchte, dass ihm dieses Buch schaden könne. Mitnichten!

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