Alternatives Wohnprojekt Kampf um die Austest-Zone

Nehmt den Reichen und gebt es den Armen: Andreas Stichmanns zweiter Roman erzählt von einer Robin-Hood-Kommune, die sich in zivilem Ungehorsam übt.

Es gibt einen realen Sonnenhof in Hamburgs Westen - aber ob Andreas Stichmann an den dachte?
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Es gibt einen realen Sonnenhof in Hamburgs Westen - aber ob Andreas Stichmann an den dachte?


Es wird Zeit, die Welt zu verbessern, endlich die Verhältnisse von Grund auf zu erneuern! Meint jedenfalls David van Gehlen, der kurzerhand sein Wohlstandsleben hinter sich lässt und dem Hippiedasein in einem alternativen Wohnprojekt frönt. Dauerhaft pleite, aber dennoch glücklich - so könnte das Motto der mitunter verqueren Bewohner jener Kommune mit dem wohlklingenden Namen "Sonnenhof" lauten. "Wie Alice im Wunderland. Nur dass das Wunderland anscheinend nicht im Wunderland liegt, sondern an der A23 in Hamburg Osdorf."

Manches trennt Andreas Stichmanns aktuelles Buch "Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk" von seinem luziden Werk "Das große Leuchten" (2012), einer utopischen Roadnovel. Vom Orient nach Osdorf. Doch der Anspruch seiner Figuren scheint sich nicht maßgeblich verändert zu haben. Noch immer erweisen sie sich als Glückssucher, getrieben von Hoffnung und Veränderungswillen.

Die skurrilen, verschrobenen Gestalten des Sonnenhofs leben zwischen Gartenarbeit, Flaschensammeln und Muße im Kleinen das Ideal einer solidarischen Gesellschaft - unbewusst. Van Gehlen aber, der sich als noch unscheinbarer Untergrundkämpfer das Pseudonym Sydney Seapunk gibt, hat das Große und Ganze im Blick. Die Überwindung des Welthungers, die vegane Revolution, den fairen Handel. Mit Plakaten wie "lass dein ego los", "das jahrhundert der empathie hat begonnen" und "HAPPY SEAPUNKS fordern umverteilung ein" soll ein neuer Wind durch das Land wehen.

Das gute Gewissen für die Erpresser

Um den Kapitalismus in die Knie zu zwingen, bedarf es aber noch etwas mehr als knackiger Sprüche. Kurzerhand beschließen der Aufwiegler - "mehr Idee, mehr Funke als Mensch" - sowie seine treudoofen Mitstreiter, seine Entführung zu inszenieren. Das Lösegeld für die Armen, das gute Gewissen für die Erpresser.

Eine Win-win-Situation? Wohl kaum. Denn dass bei diesem aberwitzigen Unternehmen sein steinreicher Bruder einen Hirnschaden davonträgt, bringt die ernsthafte Kehrseite des Unterfangens zum Ausdruck. Wie viel Gewalt und Widerstand verträgt der Protest und wann droht eine hehre Vision sich in ihr Gegenteil zu verkehren? Mehr noch: Wie altruistisch kann der Mensch überhaupt sein, wie viel Selbstverzicht ist zugunsten der Gemeinschaft möglich?

Stichmanns ironischer Gestus lässt nicht allzu viel Optimismus erkennen, zumal sich eine seiner Figuren mit einem Teil der erbeuteten Millionensumme aus dem Staub macht.

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Andreas Stichmann:
Die Entführung des Optimisten Sidney Seapunk

Rowohlt; 240 Seiten; 19,95 Euro.

Was der Autor im Sinne hat, ist weniger ein moralischer Weckruf an die eigene Generation, dem utopischen Denken wieder mehr Raum zu geben. Vielmehr geht es ihm um ein Gedankenexperiment: Wie in einer Verhaltensstudie lässt er uns das Handeln einer überschaubaren Gruppe in einem Soziotop beobachten und zeigt im Kleinen auf, inwiefern Veränderungen möglich sind.

Orte wie der Sonnenhof erfreuen sich gerade großer Beliebtheit in der Gegenwartsliteratur. Man denke nur an Marion Poschmanns "Die Sonnenposition" (2013), Dorothee Elmigers "Schlafgänger" (2014) oder Frédéric Zwickers "Hier können Sie im Kreis gehen" (2016) - sie alle erzählen, mal positiv, mal negativ, von Heimen oder in sich geschlossenen Wohnformationen inmitten der westlichen Gesellschaften, von laborartigen Enklaven, wo abweichende Lebenskonzepte erprobt oder problematisiert werden. Schnöder Realismus ist out, aber zu viel Science-Fiction oder Futurismus wollen die Autoren nicht wagen. So bleibt ein nicht minder reizvolles Dazwischen, eine Zone des Austestens, deren Grenze zur echten Gesellschaft fließend geworden ist.

Andreas Stichmann
DPA

Andreas Stichmann

Indem der 1983 in Bonn geborene Autor dabei Farce und philosophischen Diskurs vermischt und Absurdität und Glanz großer Visionen thematisiert, trifft er den Nerv der Zeit. Stichmann erzählt von der Sehnsucht nach Erneuerung und zugleich den Fesseln des Pragmatismus.

Schade nur, dass er keine überzeugende Form dafür gefunden hat - weder für das Satirische noch für das Ernsthafte. Abgesehen von seinem so hip-ironischen wie flapsigen Stil liest sich das auf wechselnden Perspektiven der Figuren aufgebaute Buch zu konventionell. Ihm fehlt das Feuer, der Mut.

So wie sich die Bewohner des Sonnenhofs am Ende, durchaus selbstgenügsam, erneut in ihre gewohnten Strukturen einfügen, so wenig dürfte sich auch dieser Roman auf jenem Büchertisch mit den großen Überraschungen wiederfinden. Er verspricht gute, aber keineswegs fordernde Unterhaltungsliteratur, setzt auf Sicherheit und bedient Erwartungen. Mehr aber auch nicht.

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