Erfolgsautor Andrew Sean Greer Radikale Therapie mit naseweisen Nebenwirkungen

Was wäre, wenn wir in einer anderen Epoche leben würden? Wären wir noch wir selbst? Der Bestsellerautor Andrew Sean Greer stellt in seinem neuen Roman interessante Fragen - und liefert dann denkbar nahe liegende Antworten.

Auch im neuen Roman von Andrew Sean Greer ist die Zeit wieder aus den Fugen
Kaliel Roberts

Auch im neuen Roman von Andrew Sean Greer ist die Zeit wieder aus den Fugen

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Der US-Schriftsteller Andrew Sean Greer hat 2005 einen Publikumsrenner gelandet: "Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli" erzählte von einem Mann, der mit dem Geist eines Babys zur Welt kommt, so wie es normal ist, aber mit dem Körper eines Greises. Innerlich altert er im Laufe seines Lebens, so wie es sein soll, äußerlich aber verjüngt er sich immer weiter - und so hat er denkbar schlechte Chancen, mit seiner großen Liebe Alice glücklich zu werden.

In Greers neuem Roman "Ein unmögliches Leben" ist die Zeit nun erneut aus den Fugen. Und das so sehr, dass ihn niemand lesen sollte, der sich einer Elektrokonvulsionstherapie unterzieht. Wobei ihn, genau genommen, auch sonst niemand lesen sollte. Denn der Roman ist ein ziemlicher Krampf.

Dabei beginnt er mit einer originellen Idee: Greta Wells, 31, lebt im Jahr 1985 am Patchin Place im New Yorker Greenwich Village. Es ist ein Seuchenjahr. Zunächst stirbt ihr schwuler Zwillingsbruder Felix an Aids, dann verlässt sie auch noch ihr Mann Nathan. Jeder kommt Greta daher mit einem guten Ratschlag, wie sie ihre Lebenskrise überwinden kann: Akupunktur, Akupressur, Yoga, Hasch, Hypnose, Antidepressiva. Allein: ihre Albträume bleiben. Ein Arzt überredet Greta zur Elektrokonvulsionstherapie (EKT); künstlich erzeugte Krampfanfälle sollen ihr Gehirn neu kalibrieren. Sie werde sich nach den Behandlungen vielleicht etwas desorientiert fühlen, sagt der Arzt, schlimmere Nebenwirkungen gebe es jedoch nicht. Von wegen: Statt Greta nur aus ihrer Trauer zu reißen, befördert die Therapie sie aus ihrem Leben - und katapultiert sie in ein anderes.

Kostümschinken ohne Kopf

Greta wird in einem Himmelbett wach, schwere Vorhänge und eine fliederfarbene Tapete im Blick, das Trappeln von Hufen und das Schrillen einer Dampfpfeife im Ohr. Wie kann das sein, mitten in Manhattan? Denn das Bett steht in einem Haus, das ihr wohlbekannt ist: am Patchin Place im New Yorker Greenwich Village. Und auch die Menschen, die sie umgeben, sind keine Fremden: ihr Zwillingsbruder Felix, dessen Geliebter Alan, ihr Mann Nathan, ihre Tante Ruth. Ein Blick auf den Poststempel eines Briefumschlags bringt Aufklärung: Es ist 1918. Sie ist in eine alternative Version ihres Lebens geraten. Auch in dieser Version muss sie sich einer Elektrokonvulsionstherapie unterziehen, und so wird sie bald erneut wegkatapultiert, dieses Mal ins Jahr 1941. Zwischen den drei Parallelwelten wechselt sie fortan hin und her.

Das Szenario klingt konstruiert, und das ist es natürlich auch. Wer aber fürchtet, dass sich aus dem konstruierten Szenario eine verkopfte Handlung entspinnt, der irrt. Zu viel Kopf ist wirklich nicht das Problem des Romans. Im Gegenteil. Greer hat ein Ausstattungsstück geschrieben, einen Kostümschinken, für den die unterschiedlichen historischen Hintergründe, etwa die beiden Weltkriege, kaum mehr sind als Kulissen. Und so erzählt er letztendlich nur zwei sentimentale Liebesgeschichten: die zwischen Greta und Nathan und jene zwischen Felix und Alan.

Klar, es gibt zeitbedingte Unterschiede: 1985 haben sich Greta und Nathan nach zehn Jahren Beziehung ohne Trauschein getrennt. 1918 und 1945 sind sie verheiratet, nach wie vor. 1985 ist Felix an Aids gestorben, nach einem offen schwulen Leben mit Alan. 1918 und 1941 trifft er sich heimlich mit Alan und führt zur Tarnung enge Liebesbeziehungen mit Frauen. Im Kern aber scheint Greer sich nicht für eine historische Analyse zu interessieren, sondern nur für historisches Zeitkolorit. So naseweis seine Erkenntnisse sind, so parfümiert ist seine Sprache.

Greer stellt interessante Fragen: Was wäre, wenn wir zu einer anderen Zeit leben würden, in einer anderen Epoche? Wie würden wir uns verhalten? Wären wir noch wir selbst? Und liefert die Antworten auf diese Fragen gleich mit, statt den Leser selber denken zu lassen. Es sind die am nächsten liegenden Antworten, die einem einfallen können: Kalenderweisheiten, angerührt aus Küchenpsychologie und Vulgärphilosophie.



Andrew Sean Greer: Ein unmögliches Leben. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main; 336 Seiten; 19,99 Euro.



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matijas 21.05.2014
1. eine Rezension?
Gegen Ende des Artikels wird es spannend. "Greer stellt interessante Fragen: Was wäre, wenn wir zu einer anderen Zeit leben würden, in einer anderen Epoche? Wie würden wir uns verhalten? Wären wir noch wir selbst? Und liefert die Antworten auf diese Fragen gleich mit, statt den Leser selber denken zu lassen." Hm, wie wärs mit einer klitzekleinen Andeutung, um welche küchenpsychologischen Weisheiten es sich handelt? Oder gilt das dann schon als Spoiler? Umgekehrt wärs besser gewesen: eine Bewertung der Buchaussage zu treffen, aber ohne Vorwegnahme der konkreten historischen Zeiten, zwischen denen der Roman wechselt.
caledonian2010 21.05.2014
2. Einspruch
Zitat von sysopKaliel RobertsWas wäre, wenn wir in einer anderen Epoche leben würden? Wären wir noch wir selbst? Der Bestsellerautor Andrew Sean Greer stellt in seinem neuen Roman interessante Fragen - und liefert dann denkbar naheliegende Antworten. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/andrew-sean-greer-bestseller-roman-ein-unmoegliches-leben-a-970580.html
Tip an den Spon-Artikelautor: Merke, so etwas wie Vulgärphilosophie, Vorwurf an den Buchautor (was soll das denn bitte sein?) gibt es nicht! Gerade die schlüssigsten Gedankenketten aus dieser Ecke sind häufig von bestechender Klarheit und Unmittelbarkeit. Diffamierer verwechseln, zum Zweck des lächerlich machens, so etwas absichtlich mit vulgärer Binsenweisheit. Das abwertende wohlfeile Herumreiten auf adaptierten Begriffen wie Küchenpsychologie oder Vulgärphilosophie soll (hier) nur der eigenen Aufwertung des Benutzers solcher Begriffe dienen! Es gibt keine philosophisch vulgären Betrachtungen, nur verwechseln manche infolge eigener Defizite klare und schlüssige Gedanken mit ersterem. _ Beispiel Montaigne: Da die neuen Lehren eines Copernicus und anderer die Lehre eines Aristoteles und Ptolemaios als falsch erwiesen haben - wer garantiert dass die neuen Lehren nicht später wiederum widerlegt und überholt werden? Selbst wenn wir uns strikt auf Erfahrungswissen beschränken - wer weiss ob wir uns überhaupt auf unsere Sinne verlassen können, ob sie uns zum Beispiel über die wahre Natur des betreffenden Wahrnehmungsphänomens richtig belehren? Welche Instanz soll entscheiden, ob unsere "Erfahrung" verlässlich ist? Die Vernunft, als oberste/leitende Instanz des Verstandes? Und wer entscheidet, ob die Vernunft uns zuverlässig leitet? Montaigne hat damit alle wesentlichen Anstösse zu der kritischen Besinnung und Überprüfung alles Bestehenden gegeben, die man später "Aufklärung nannte. _ Erstaunlich einfache aber zugleich reflexiv-scharfe Beobachtungen. Es gibt keine philosophisch minderwertigen oder unwürdigen (d.h. vulgären) oder zu einfachen Inhalte. Für manche mögen das alles nur Kalenderweisheiten sein, für andere sind so etwas schlüssige Gedankenketten. Wie die beispielhaft erwähnte, welche immerhin u.a. der Anstoss zu den bislang weitreichendsten Umbrüchen der menschlichen Zivilisation war, dem Zeitalter der Aufklärung.
fatherted98 21.05.2014
3. Interessanter Denkanstoss...
....vor allem würde mich mal interessieren wie die ganzen "selbsternannten modernen Widerstandskämpfer" so in der Zeit 33 bis 45 gelebt hätten....wahrscheinlich wäre das Ergebnis sehr ernüchternd.
Scheidungskind 21.05.2014
4. ...
Zitat von sysopKaliel RobertsWas wäre, wenn wir in einer anderen Epoche leben würden? Wären wir noch wir selbst? Der Bestsellerautor Andrew Sean Greer stellt in seinem neuen Roman interessante Fragen - und liefert dann denkbar naheliegende Antworten. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/andrew-sean-greer-bestseller-roman-ein-unmoegliches-leben-a-970580.html
Es gibt eigentlich genügend Literatur aus den angesprochenen Epochen, so dass man sich viel verläßlicher über das damalige Lebensgefühl informieren kann. Die Art, wie der SPON-Kritiker Greers Buch niedermacht, ohne sein Urteil anhand von konkreten Beispielen zu belegen, macht eigentlich nur neugierig.
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