Angeblicher Befehl Pinochets Wurde Pablo Neruda ermordet?

Hier ein linker Nobelpreisträger, berühmt für Liebesgedichte, dort ein blutrünstiger Diktator: Die These, Pablo Neruda sei im Auftrag des chilenischen Juntachefs Pinochet ermordet worden, könnte kaum spektakulärer sein - bislang allerdings bleibt sein Sekretär Manuel Araya Beweise schuldig.

Literaturnobelpreisträger Neruda (1971): Ängstlich und angespannt
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Literaturnobelpreisträger Neruda (1971): Ängstlich und angespannt


Hamburg/Santiago de Chile - Die literarische Welt ist um eine Verschwörungstheorie reicher: Ein langjähriger Vertrauter des chilenischen Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda sorgt mit der Äußerung für Aufsehen, der Schriftsteller sei im Auftrag des früheren Diktators Augusto Pinochet (1915-2006) getötet worden. "Pinochet war ein Mörder", sagte Nerudas früherer Sekretär, persönlicher Assistent und Fahrer, Manuel Araya, am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP. Der Militärdiktator habe "angeordnet, Neruda zu töten, damit er das Land nicht verlässt, weil er ein Intellektueller war, den er nicht als Gegner haben wollte", fügte der 65-Jährige hinzu. Zuvor hatte Araya sich ähnlich in der mexikanischen und chilenischen Presse geäußert.

Weitere Beweise präsentierte Araya nicht - sein Verdacht allerdings fällt auf einen blutrünstigen Putschisten, der für tausende Opfer verantwortlich war. Pinochets Terrorregime erhob den Kampf gegen echte und vermeintliche Kommunisten zur Staatsräson. Wer als Feind galt, war auch im Ausland nicht sicher: Der frühere Außenminister Orlando Letelier und der oppositionelle General Carlos Prats wurden in Washington und Buenos Aires jeweils mit einer Autobombe getötet. In Chile durchkämmten die Sicherheitskräfte systematisch die Armenviertel der Millionenstadt Santiago, wo Pinochets Vorgänger Allende die größte Unterstützung genoss. 3200 Menschen wurden hingerichtet oder verschwanden spurlos. Weitere 28.000 wurden verhaftet und gefoltert. "Die Demokratie muss gelegentlich in Blut gebadet werden, damit sie fortbestehen kann", verkündete Pinochet.

"Nur die Meinung seines Fahrers"

Die Pablo-Neruda-Stiftung allerdings, die den Nachlass des Autors verwaltet, hält trotz Arayas Äußerung daran fest, dass Neruda 1973 im Alter von 69 Jahren an Prostatakrebs gestorben ist. Sein Zustand habe sich allerdings wegen der psychischen Belastung verschlechtert, die der Sturz und Tod seines Freundes, des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, am 11. September 1973 bedeutet habe. Es gebe "keinen Hinweis und keinerlei Beweis, der nahelegt, dass Pablo Neruda nicht an Krebs im fortgeschrittenen Stadium starb", hieß es am Mittwoch in einer Erklärung. "Es scheint nicht vernünftig, eine neue Version seines Todes zu konstruieren, die sich nur auf die Meinung seines Fahrers stützt."

Araya, der bis wenige Stunden vor Nerudas Tod an dessen Krankenbett wachte, sagte hingegen, der Autor sei in die Santa-María-Klinik in Santiago de Chile gebracht worden - "nicht wegen einer Verschlechterung seines Gesundheitszustands, sondern zu seiner Sicherheit". Neruda sei bei guter Gesundheit, aber "ängstlich und angespannt" gewesen und habe die Befürchtung geäußert, dass das Militärregime ihn umbringen wolle. In diesem Zusammenhang habe ihn eine Spritze, die ein Arzt ihm mitten in der Nacht gegeben habe, sehr beunruhigt. Araya berichtete zudem, Neruda habe geplant, am 24. September 1973 nach Mexiko auszufliegen. In der Nacht zuvor sei er aber gestorben.

Neruda wurde insbesondere durch seine Liebesgedichte sowie durch den "Canto General" ("Der große Gesang"), ein episches Gedicht über Südamerikas Geschichte, bekannt. 1971 wurde er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Die Werke des Autors, der zu den führenden Mitgliedern der Kommunistischen Partei Chiles zählte, waren während Pinochets Diktatur von 1973 bis 1990 in Chile verboten.

Aus der These von der Ermordung des Dichters ließe sich wohl ein Kriminalroman machen - es wäre nicht der erste: 2010 erschien in deutscher Übersetzung der chilenische Krimi "Der Fall Neruda". Darin allerdings geht es um eine ungeklärte Vaterschaft.

sha/AFP



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