Inzest-Roman von Anke Stelling "Primaballerina vögelt mit Sohn? Nee!"

Wie kommt man von Prenzlbergmüttern zu einer Ödipus-Geschichte zweier Körperfixierter? "Fürsorge", der neue Roman der Berliner Schriftstellerin Anke Stelling, verstört - und betört.
Anke Stelling

Anke Stelling

Foto: Nane Diehl

"Rechenschaft ablegen, Rechtschaffenheit behaupten. So etwas ist Nadja fremd, auf die Idee kommt sie nicht. Sie ist in Städten auf der ganzen Welt zu Hause, hat in New York, Havanna und Sankt Petersburg alles getanzt, was das klassische Ballett hergibt, hat in Hotels gewohnt und mit Choreographen geflirtet, Kaviar gegessen und ihn hinterher wieder ausgekotzt - weil Kaviar zu fünfzig Prozent aus Fett besteht und Nadja, seit sie fünf ist, streng auf ihr Gewicht achten muss."

So beginnt "Fürsorge", der am Weltfrauentag erschienene, neue Roman der Schriftstellerin Anke Stelling. Sie erzählt darin von der Tänzerin Nadja, die ihre Spitzenschuhe mit Mitte 30 an den Nagel hängt, fortan junge Elevinnen unterweist und mit dem drogenabhängigen Komponisten Daniel in einer öden Beziehung lebt. Als sie zum Geburtstag ihrer Mutter nach Leipzig reist, trifft sie ihren Sohn Mario, den sie dort als Baby zurückgelassen hatte. Mario ist mittlerweile 16, sieht gut aus und ist als Bodybuilder ähnlich körperfixiert wie seine Mutter. Die beiden beginnen eine Affäre, die niemanden juckt - nur Gesche, die Erzählerin, die ihr drittes Baby erwartet und sich an Nadjas Fersen heftet.

2015 hatte Stelling für ihren vortrefflichen Prenzlbergmutter-Roman "Bodentiefe Fenster" den Melusine-Huss-Preis gewonnen und wurde vielerorts gefeiert. In feministischen Kreisen jedoch wurde sie auch hart angegangen, weil die Hauptfigur Sandra, wie Stelling beim Kaffee in ihrer Berliner Schreibstube erzählt, "nicht ausbricht und somit kein Vorbild für junge Frauen sei. Sozusagen, wenn man feministisch schreiben wolle, müsse man die Heldinnenreise einer Frau beschreiben."

Was ist Genuss?

Nun ist sie froh, dass "Fürsorge" raus ist. Den Stoff hatte sie nämlich schon vor "Bodentiefe Fenster" am Wickel - doch es fand sich zunächst kein Verlag, weil "Mütter an sich nicht interessant sind, für mich aber schon!". Und für den Verbrecher Verlag ebenfalls: Er nahm Stelling unter Vertrag und brachte beide Bücher heraus.

"Fürsorge" nun ist von härterem Kaliber: Die Figur der Nadja bietet wenig Identifikationsfläche, die Körper der Protagonisten stehen vorn. Es geht um Körperoptimierung, Hoden-Einölen und Sex: "Nadja ist leicht und unnatürlich biegsam. Mario ist schwer und unnatürlich stark. Er betrachtet Nadja als eine seiner Trainingsmaschinen, dazu vorgesehen, die Funktionen seines Körpers zu verbessern. Nadja betrachtet Mario als Gesamtkunstwerk, dazu vorgesehen, ihr Genuss zu verschaffen. Doch woher weiß Nadja nun, was Genuss ist?"

Das ist starker Tobak, der an den Stil von Elfriede Jelinek erinnert, doch Stelling formuliert luftiger und federt das Unbehagen durch lakonische Milieubilder ab, die auch mal zarten Humor zulassen. Während Nadja schön, reich und kalt in ihrer Altbauwohnung haust, ist Mario der Plattenbau-Boy, der neben der Schule im Fitnesscenter jobbt und als Nacktmodell posiert. Sein größter Besitz ist ein BMW, den er einer Wette verdankt: "Er hat sechseinhalb Kilo Gewichte gehoben. Mit dem Schwanz."

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Stelling, Anke

Fürsorge: Roman

Verlag: Verbrecher
Seitenzahl: 200
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Während der Textentstehung hat sich Stelling, die ursprünglich Schauspielerin werden wollte und mit einem Performancekünstler verheiratet ist, viel Performancekunst angesehen, zum Beispiel von der kanadischen Künstlerin Julie-Andrée T. oder Nathalie Mba Bikoro aus Gabun. Prompt sind ihre Beschreibungen der Tanzszenen in "Fürsorge" so dringlich geraten, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen mag - es betört so sehr, wie es verstört.

Nebenher: Kinderbuch und Kinofilm

Doch wie kam Stelling bloß von den Prenzlmüttern zu Ödipus? Sie knetet den Häkeluntersetzer auf dem Tisch und lacht: "Auftragskunst!" Die Regisseurin Isabelle Stever (verfilmte Stellings "Gisela" und "Glückliche Fügung") hatte von der Aktrice Franziska Petri einen Essay bekommen, den Stelling ausarbeiten sollte. Deren erste Reaktion: "Primaballerina vögelt mit Sohn? Nee!" Doch Stever insistierte - und Stelling legte los. "Es war gar kein eigenständiger Text geplant, aber ich merkte, dass dieses Thema doch was mit mir zu tun hat und inwiefern ich da über Mutterschaft, Elternschaft und Einsamkeit erzählen kann." Mittlerweile ist auch der Film in Produktion.

Tatsächlich hat Anke Stelling es geschafft, einen Text zu schreiben, der nicht nach "Auftrag" riecht und als eigenständiges Gesellschaftsporträt fungiert, das die Hilflosigkeit, das Glück und Unglück der Protagonisten, vor allem der Mütter, in jeder Zeile fühlbar macht.

Anke Stelling tanzt derweil auf neuen Hochzeiten: Just im Februar erschien ihr erstes Kinderbuch "Erna und die drei Wahrheiten" (cbt), und sie schreibt immer weiter, denn: "Es sollte mehr Bücher von Frauen, mehr weibliche Hauptfiguren, mehr Geschichten über Mütter und Töchter und über Freundinnen und überhaupt Bücher, die den Bechdel-Test bestehen, geben!"

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