Schwelgerisches Liebesdrama Hochseilakt mit Schnösel

Inszenierung von Glück und Genuss, Abkehr von der schnöden Realität: Anna Katharina Fröhlich ist eine eigenwillige Virtuosin - in "Der schöne Gast" erzählt sie eine sinnenfrohe Liebesgeschichte vor mediterraner Kulisse.

Anna Katharina Fröhlich: Kunstvolles Flechtwerk
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Anna Katharina Fröhlich: Kunstvolles Flechtwerk


Ist dieses Buch nun völlig abgefahren - oder einfach genial? Wahrscheinlich beides. In jedem Fall wirkt es aus der Zeit gefallen, und das ist volle Absicht. Die Hauptfigur, Tochter eines Botanikers, ist so komplett uncool, dass sie schon fast wieder cool erscheint. Jeder "technische Gegenstand" zählt für sie "zu den Feinden der Seele", sie will lieber die Sprache der Natur verstehen als die ihres Computers, und sie zieht den Hühnerstall ihres Landguts der Fifth Avenue vor. Willkommen in Anna Katharina Fröhlichs Liebesroman "Der schöne Gast", der über große Strecken an einem italienischen See spielt - die Autorin, Jahrgang 1971, lebt selbst seit vielen Jahren am Gardasee. Mit ihrem letzten Buch, "Kream Korner", das die Heldin bis nach Indien führt, war sie 2011 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Wie dieses ist auch ihr neuer Roman stilistisch auf bemerkenswerte Weise radikal: bildersüchtig, sprachverliebt, bildungsgesättigt, voller literarischer Anspielungen und Zitate. Ein artistischer Hochseilakt. Und der Leser bangt, ob das wohl immer gutgeht. Zunächst aber muss er sich auf die Konstruktion des Romans einlassen, auf den äußerst gewagten Blickwinkel der Hauptfigur: die vollkommene Ästhetisierung der Welt, die Inszenierung von Glück und Genuss. Warme Gefühle können für die Erzählerin erst entstehen, wenn das Ambiente stimmt. Die schmutzigen Metalltische und braunen Rattanstühle eines griechischen Hafencafés sind nicht dazu angetan, Liebesgefühle anzufeuern. Also muss man die Schönheit herbeisuchen, in jedem Winkel der Welt, denn sie hilft über den unglamourösen Alltag hinweg. So das Konzept der Ich-Erzählerin, hinter der irgendwo natürlich auch die Autorin steckt.

Die attraktive Heldin des in drei Teile gegliederten Romans lebt abgeschieden oberhalb des Sees, pflegt ihren Kräutergarten und verbringt ihre Abende in der gut ausgestatteten Bibliothek des Hauses. Ihre Eltern sind gestorben, Gesellschaft leisten ihr der Inder Nanda, der für sie kocht, und ein heruntergekommener italienischer Lebemann, Lapo Schifanebbia - was für ein Name! Das Leben ist also ein langer, ruhiger, aber etwas einsamer Fluss. Bis eines Tages ein junger Kroate wie eine Rakete in ihren sorgsam austarierten Alltag hineinbricht. Ebenso schnell verliebt sie sich in ihn, in seine Eleganz, seine Schönheit - nur nicht in seine weitaus weniger schöne, egozentrische Seele.

Ästhetisierung der Welt

Das Ganze kann nicht gutgehen. Und die Erzählerin nimmt die Trennung, trotz aller Verliebtheit, in Gedanken immer schon vorweg. Tatsächlich passiert dann genau das, was der sehr viel jüngere Freund ihr in seiner schnöseligen Selbstherrlichkeit schon vorausgesagt hatte: Nach der Trennung würde sie sich vor Liebeskummer verzehren. Und wie sie sich verzehrt! Wie lässt sich diese verflucht depressive Gefühlslage auflösen? Fröhlich findet einen überraschenden und letztlich konsequenten Schluss, mit dem sie den immer mehr an Fahrt gewinnenden Plot abrundet.

Wer oder was spielt nun eigentlich die Hauptrolle in diesem gedrechselten und hochartifiziellen Roman? Die Erzählerin? Der schablonenhaft wirkende Geliebte? Die Natur, die in ausführlichen Beschreibungen immer wieder gefeiert wird? Nichts von allem. Die Hauptrolle spielt die Sprache. Hin und wieder driftet sie jedoch so hemmungslos in Manierismen ab, in ein so exzessives Pathos, dass die Grenze zur Komik überschritten ist, so bei Blumen, "die sich über Nacht in ihren violetten oder purpurfarbenen Messgewändern, gewölbt wie die Brust von Rotkehlchen, aus den Knospen hervorwanden und am Morgen mit einer gleichsam klingenden Kraft leuchteten, als gelte es, die nahe Auferstehung des Herrn zwischen die Gräser und Bäume zu läuten".

Diese antiquiert wirkenden Lyrismen sind nicht immer leicht zu ertragen. Die Natur wird, ganz im Sinne der Romantik, mit Bedeutung aufgeladen, zum Sinnbild stilisiert. Auch die Abkehr von der schnöden, an Gewinnstreben orientierten Realität, die Verklärung durch Poesie entspricht dem romantischen Konzept, das die Autorin hier kräftig ausreizt.

Aber das ist dann glücklicherweise nur eine Facette. Es gibt auch Humor in diesem kunstvollen Flechtwerk, und Fröhlich hat einen wunderbar scharfen Blick, wenn sie Gesellschaftsszenen beschreibt und deren manchmal sehr skurrile Protagonisten.

Anna Katharina Fröhlich, so viel steht fest, ist keine naive Autorin. Sie verfügt über eine sehr eigensinnige Virtuosität und weiß um die ästhetischen Risiken ihres Romans, der wie ein Lüster aus Muranoglas daherkommt: opulent und mit vielen Schnörkeln, von denen einige allzu verspielt und angestaubt wirken. Beeindruckend ist die Konsequenz, mit der sich Fröhlich in ihre Bilderfluten stürzt. Immerhin gelingt es ihr gerade noch, darin nicht zu ertrinken.

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