SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

24. September 2018, 16:40 Uhr

BRD in den Sechzigern

Auschwitz-Gräuel, verdeckt hinter Spitzengardinen 

Von Britta Schmeis

Nachkriegsdeutschland war schon in "Weissensee" und "Ku'damm 56" ihr Thema. In ihrem ersten Roman "Deutsches Haus" widmet sich die Drehbuchautorin Annette Hess nun der westdeutschen Vergangenheitsbewältigung.

Aufgeregt wartet die junge Eva. Ihr zukünftiger Ehemann will sich der Familie vorstellen: der Gastwirtsfamilie Bruhns vom "Deutschen Haus". Liebevoll gehen die Eltern und die drei Nachkommen miteinander um, freundlich, respektvoll, eine eingeschworene und unerschütterliche Einheit. Ein Leben in Harmonie - doch schon da wird beim Lesen klar: Das ist eine Fassade. Da ist dieses Gefühl der Beklommenheit, des Misstrauens.

Jürgen, jener Ehemann in spe, auf den Eva wartet, ist der erste, der diese Idylle stört. Denn Jürgen ist Erbe des vermögenden Versandhändlers Schoormann, das passt so gar nicht in die bescheidenen Verhältnisse der Bruhns'. Schon beim ersten Treffen stellt Mutter Edith fest, dass dieser Jürgen ihre Eva nicht glücklich machen wird. Und Ludwig, der Vater, lügt dem Jürgen glatt ins Gesicht. An der Westfront sei er gewesen. Doch die ganze Familie weiß: Die letzten Jahre des Krieges waren die Bruhns' in Polen. Es bleibt nicht die einzige Ungereimtheit.

Annette Hess, bisher vor allem als Drehbuchautorin bekannt, hat die Frankfurter Auschwitzprozesse in den Mittelpunkt ihres ersten Romans gestellt, Anfang der Sechzigerjahre, angestoßen durch den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Ihre Hauptfigur Eva ist Dolmetscherin für Polnisch. Sie wird noch während des vorweihnachtlichen Familienessens mit Jürgen zu einem dringenden Termin gerufen, sie soll ein Gespräch der Staatsanwälte mit einem KZ-Überlebenden übersetzen.

Zum ersten Mal überhaupt, so scheint es, ist sie mit den Gräueltaten der Nazis konfrontiert. Wenig später wird sie für den kompletten Prozess als Dolmetscherin verpflichtet, gegen den Willen ihres zukünftigen Mannes. "Was würde die Berührung mit dem Bösen mit Eva machen?", fragt er sich. Und gegen den Willen ihrer Eltern: "Lass doch die alten Zeiten ruhen."

Geschichte in Geschichten

Schon in ihren Drehbüchern etwa für die Fernsehserien "Weissensee" und "Ku'damm 56/ 59" erzählte Hess Geschichte in Geschichten. In "Deutsches Haus" sind es die Schicksale der Auschwitz-Überlebenden, die in dem Prozess als Zeugen auftreten. Um Geschichte zu erklären, personifiziert sie sie in den Romanfiguren.

Wie Eva, diese junge, ein wenig naive Frau, die ihr Glück in einem harmonischen Familienleben sieht, und der erst der Prozess die Augen für die deutsche und ihre eigene Vergangenheit öffnet. Da ist der steife, konservative Jürgen, der den Ungehorsam seiner zukünftigen Frau nicht dulden will, und da sind Evas Eltern, die ein entscheidendes Kapitel in ihrem Leben totschweigen. Hess verurteilt diese Menschen nicht, sie entwirft sie als Figuren voller Widersprüchlichkeiten und Hilflosigkeit.

Sie wählt die Sprache der Sechzigerjahre und schafft damit eine beklemmende Authentizität, eine Atmosphäre des Verdrängens und Vergessens, des Weitermachens vor der Fassade der redlichen Spießigkeit hinter Spitzengardinen. Hess folgt einer klaren Dramaturgie, die Rollen sind schnell verteilt. Doch immer wieder kommen Wendungen wie ein Schlag in die Magengrube, da zeigt sie ihr Gespür für Dramatik.

Vergebung und Verdrängung

Dabei überlädt Annette Hess ihre Figuren und ihre Geschichte allerdings mitunter mit Metaphern und Bildern - nicht nur beim Namen der Gastwirtschaft: Eva beschäftigt sich als Dolmetscherin in den Prozessen mit dem Tod, ihre Schwester Annegret schenkt als Kinderschwester Leben. Sie ist pragmatisch, doch verbirgt ein grausames Geheimnis. Stefan, der kleine Bruder, spielt am liebsten mit seinen Soldaten und Panzern. Und Mutter Edith vergleicht sie mit der Jungfrau von Orleans: kämpferisch, aber ohne eigenen Willen.

Hess will aber auch viel in diesem Roman, schneidet viele Themen an, lässt manche Figuren ins Leere laufen oder als schmückende Statisten auftreten. Sie widmet sich dem noch immer verbreiteten Antisemitismus und dem aufkommenden Fremdenhass gegen die Gastarbeiter. Und sie thematisiert natürlich die Frage von kollektiver und individueller Schuld, von Vergebung und Verdrängung.

Dass es Verdrängung gab, das weiß der heutige Leser. Doch gerade mit den vielen Nebenschauplätze und Details findet Annette Hess in "Deutsches Haus" immer wieder Momente, in denen sie ihre Leser damit überrascht, wie tief das Ausmaß dieser Verdrängung in den Sechzigerjahren noch ging.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung